Irgendwo im Bodenseekreis sitzen 62 Flüchtlinge, die offiziell anerkannt sind, in einer Notunterkunft, denen die Stadt schon im Juni eine Anschlussunterbringung hätte bereit stellen müssen. "Wir sind im Soll", erklärte Fachbereichsleiter Raphael Wiedemer-Steidinger und begründete damit den dringenden Handlungsbedarf. Schon in den nächsten Tagen müsse die Stadt dem Landratsamt eine Strategie darlegen. Bis Ende des Jahres kommt noch eine größere Zahl hinzu, zuletzt lag die Zahl bei weiteren 132 Menschen. Um die Verpflichtungen in absehbarerer Zeit erfüllen zu können, sah die große Mehrheit des Gemeinderats keine andere Möglichkeit, als auf dem städtischen Grundstück am Schättlisberg die Planungen von Unterkünften für zunächst 108 Personen voran zu treiben, deren Genehmigung auf zehn Jahre beschränkt ist. Stadtrat Robert Dreher (FWV/ÜfA) wollte noch das Wort "maximal" eingefügt wissen, um etwas Luft herauszunehmen. Schließlich sprach sich das Gremium gegen die billigste Lösung mit Metallcontainern ohne Wärmedämmung aus, wie von der Verwaltung aus Kostengründen zunächst favorisiert.

Stattdessen werden nun Wohnmodule in Holzständerbauweise ausgeschrieben, auf die auch die ehrenamtlichen Betreuer mit konkreten Beispielen aus Ravensburg gedrängt hatten. Die Kosten werden auf rund vier Millionen Euro geschätzt. Wobei Alternativen als Nebenangebote zugelassen werden sollen, wie Baubürgermeister Matthias Längin ausdrücklich wünschte. Am 21. September soll der Gemeinderat über das Konzept entscheiden. Nur so könne das Vorhaben wenigstens bis zum Frühjahr 2017 realisiert werden, hatte Architekt Gerald Goldbach vom Technischen Facility Management zuvor deutlich gemacht.

Dennoch machte sich der Gemeinderat die Entscheidung nicht leicht. Gegen den Vorschlag der Verwaltung votierten am Ende lediglich die beiden anwesenden FDP-Stadträte Ingo Wörner und Reinhard Weigelt. Wenigstens auf 60 Plätze wollte Wörner den Umfang reduziert wissen und "dann der Verwaltung noch einmal Dampf machen".

Fast der Kragen platzte schließlich Stadträtin Sylvia Kruse-Baiker (SPD) auf dem Weg in die Sitzungspause. "Da wird ständig eine dezentraler Unterbringung zur besseren Integration gefordert", schimpfte sie, "und dann will man die Leute doch ins Gewerbegebiet abschieben." Der Schättlisberg sei im Grunde ideal, was die vorhandene Infrastruktur angehe. Ob denn noch einmal die Vorschläge genau geprüft worden seien, die von engagierten Bürgern bei der Informationsveranstaltung im Mai gekommen seien, hatte CDU-Sprecher Günter Hornstein nachgehakt. Baubürgermeister Längin verwies zum einen auf die Dringlichkeit und sagte: "Der Fertigstellungstermin ist ein Bestandteil der Ausschreibung." Auf der anderen Seite seien manche Objekte nicht geeignet oder sanierungsbedürftig, wofür weder Personen noch das Geld noch die Zeit vorhanden sei. Um die Unterbringung künftig steuern zu können und die Gebäude zu verwalten, beschloss der Rat weitere Personalstellen, zur Finanzierung die Umbuchung weniger relevanter Maßnahmen und freie Spitzen.

Lob für Rat und Betreuer

Ein Lob sprach Integrationsbeauftragte Elke Dachauer dem Gemeinderat aus. "Mir tut es gut, von Ihnen zu hören, wie Sie die Arbeit der Ehrenamtlichen wertschätzen", betonte sie. Denn gerade diese Helfer sprängen in die Bresche der sozialen Betreuung. "Wir machen uns sehr viel Gedanken über die dezentrale Unterbringung, die Machbarkeit und die Finanzierung", sagte sie. "Doch wir haben keine Sozialarbeiter, das ist Aufgabe des Landkreises." Schnell reagiert hatte die Verwaltung auf einen gut untermauerten und belegten Vorschlag der Ehrenamtlichen für eine einigermaßen qualitätsvolle Unterkunft. Erst am Tag vor der Sitzung hatten die Betreuer ein bewährtes Konzept vorgeschlagen, das im Bodenseekreis produziert wird und nicht nur in Ravensburg schon erstellt wurde. Zur Beratung hatte Gerald Goldbach das Modell in seine Präsentation eingearbeitet. hpw