Improvisieren auf der Orgel? Geht das überhaupt, und wenn ja, wie? Antworten darauf gab das erste Festival der Orgelimprovisation, das um 50-Jahr-Jubiläum der Nikolausorgel im Münster geboten wurde. Angesprochen waren Organisten, die Tipps vom Profi erhielten. Aber auch ein Publikum, das in den Genuss einer besonderen Kunstform der Musik gelangte.

Einer der Höhepunkte des Festivals war die Aufführung des 1923 gedrehten Stummfilms "Der Glöckner von Notre Dame". Der Pariser Organist Frédéric Blanc zog im wahrsten Sinne alle Register und begleitete den Film an der Nikolausorgel, während er auf drei Leinwänden im Münster gezeigt wurde. Etwa 300 Zuhörer erlebten dabei die ausgefeilte Improvisationskunst des Organisten. Frédéric Blanc gab jeder Figur im Film ihren entsprechenden musikalischen Charakter, sehr subtil, nie aufgestempelt und übergestülpt. Er spielte spontan, seiner Eingebung folgend, hatte sich nichts notiert und nur wenig im Voraus einregistriert. Den Film verfolgte er an der Orgel auf einem Monitor. Zwei Stunden lang saßen die Zuhörer wie gebannt von Film (mit deutschem Untertiteln) und Orgelmusik im prächtigen Raum des Münsters und waren begeistert.

Frédéric Blanc war beim Festival auch als Dozent eingesetzt. Gemeinsam mit Johannes Mayr vermittelte er in einem Orgelkurs die Stile, Formen und Techniken, die es bei der Improvisation bedarf. An den Orgeln im Münster und in der Franziskanerkirche waren die Teilnehmer des Kurses immer wieder aufgefordert, Gehörtes und Gelerntes umzusetzen und selber zu spielen. So zeigte Johannes Mayr an einer Battaglia, einem musikalischen Schlachtengemälde, wie man auf der Orgel Paukenschläge und ganze Trommelwirbel imitiert, wie mit einem Akkord, aber verschiedenen Rhythmen und Manualwechseln, abwechslungsreiche Musik gemacht wird. Am Beispiel einer französischen Toccata erklärte FrédéricBlanc, dass es wichtig ist, eine genaue Vorstellung und Struktur seiner Improvisation zu haben. Selbst die Körperhaltung auf der Orgelbank korrigierte er, denn der Organist muss Chef der Orgel und darf nicht zu ihrem Opfer werden.

Die Nacht der Orgelimprovisation brachte am Samstagabend vier namhafte Organisten aus Süddeutschland in das Überlinger Münster an die Nikolaus-Orgel. Die Gastgeberin des Festivals, Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau, hatte den Organisten zur Aufgabe gemacht, über Lieder aus dem katholischen Gesangbuch Gotteslob zu improvisieren. In ihrer Darbietung ließ Jäger-Waldau die Zuhörer geradezu körperlich alle Emotionen der letzten Tage Jesu nachspüren, vom jubelnden Einzug Jesu in Jerusalem über seinen Abschied von den Jüngern, die Dramatik und Tristesse des Karfreitages bis zur glorreichen Auferstehung an Ostern. Nikolai Gerak aus Friedrichshafen ließ mit fetzigen, jazzigen Rhythmen die Orgeltasten tanzen. Bei Blues, Reggae, Mambo oder Jazz Walz klang die Nikolausorgel wie eine Hammond-Orgel. Jörg Schwab, Münsterorganist aus Freiburg, improvisierte über ein Gottesloblied im barocken Stil einer französischen Suite. Seine Improvisation in Erinnerung an den großen Organisten und Lehrer Franz Lehrndorfer ließ erkennen, dass auch Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau Lehrndorfer-Schülerin war. Mit stimmigen und ungewöhnlich farbigen und tief gehenden Improvisationen über die sieben Strophen des Abendliedes "Nun ruhen alle Wälder" beendete Johannes Mayr, Domorganist aus Stuttgart, den außergewöhnlichen Konzertabend.

Stichwort Orgelimprovisationen:

Improvisation ist eine Darbietung, die aus dem Stegreif, ohne Vorbereitung, ganz spontan entsteht. In der Musik übt die Improvisation eine besondere Faszination aus. Kaum ist sie vom Hörer wahrgenommen, ist sie auch schon vergangen und unwiederholbar. Improvisation ist spontan, unmittelbar, ekstatisch – ein Ort höchster musikalischer Spannung. Die Orgel eignet sich als Instrument besonders für die Improvisation, nicht nur ihrer vielfältigen Registrierungs- und Klanggestaltungsmöglichkeiten wegen, sondern weil jede Orgel durch ihre individuelle Bauart ein Unikum darstellt. Seit Jahrhunderten gibt es in christlichen Gottesdiensten Orgelimprovisationen, in den letzten Jahren verstärkt auch konzertant. Das Improvisieren an der Orgel ist eine hohe Kunst und verlangt neben einer souveränen Technik und großer Kreativität auch ein hohes Maß an musiktheoretischen Kenntnissen.