In Fußfesseln wird der Angeklagte in den Sitzungssaal des Konstanzer Landgerichts geführt. Im Gegensatz zu den Polizisten, die ihn begleiten, wirkt er recht klein, beinahe etwas schmächtig. Das Erscheinungsbild will nicht ganz zu dem grausamen Vorwurf passen, der ihm gemacht wird: Versuchter Mord an seiner eigenen Ehefrau.

Der 49-jährige Bauarbeiter, der in seiner Jugend wegen eines vor Gericht nicht näher beleuchteten Vergehens drei Monate in einer Erziehungseinrichtung für straffällige Jugendliche verbracht hatte, soll der Frau im März dieses Jahres in seinem Geländewagen in die Rauensteinstraße in Überlingen gefolgt sein, als sie eine Bekannte besuchen wollte. Dort soll er sie mit dem Auto gerammt und dadurch schwer verletzt haben. Auffällig dabei: Wie sich während der Verhandlung herausstellte, soll der Angeklagte erst kurz vor dem Vorfall erfahren haben, dass seine Frau die Scheidung eingereicht und sich eine neue Wohnung gesucht hatte. Die neue Adresse wollte sie ihm aber nicht nennen. Sie hatte die Beziehung 2018 beendet, jedoch lebte sie zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes, nach einer zwischenzeitlichen räumlichen Trennung, mit ihm zusammen.

Angeblicher Unfall

Mit kräftiger Stimme schildert der 49-Jährige vor Gericht seine Version der Geschichte: Er habe von seiner Wohnung in Überlingen aus zum Einkaufen nach Singen fahren, davor jedoch noch eine Fahrt durch Überlingen unternehmen wollen. Dabei sei ihm seine Frau, die kurz zuvor die gemeinsame Wohnung verlassen habe, in ihrem Auto entgegen gekommen. Er sei ihr in die Rauensteinstraße gefolgt, um zu sehen, wohin sie fahre. Dort habe er nach einem kurzen Wortwechsel durch die Seitenfenster ihrer Wagen wegen eines entgegenkommenden Stadtbusses rückwärts hinter das Auto seiner Frau fahren müssen. Der leitende Ermittler dagegen gibt vor Gericht an, der Busfahrer, der an diesem Tag auf seiner Tour durch die Rauensteinstraße fuhr, habe nicht angegeben, dass zwei Autos nebeneinander vor ihm die Straße blockierten.

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Verkettung unglücklicher Umstände

Der Angeklagte will beim Zurücksetzen zwar gesehen haben, wie seine Frau ausgestiegen und zur Vorderseite ihres Wagens gegangen sei, im Anschluss jedoch nicht mehr auf sie geachtet, sondern sich auf sein Fahrzeug konzentriert haben. Als er wieder losgefahren sei, habe er seine Frau nicht mehr gesehen und nach rechts in den Garten der Bekannten geblickt. Als er wieder auf die Straße geachtet habe, sei ihm auf einmal ein dunkles Auto entgegengekommen, überrascht sei er ausgewichen und habe das Auto seiner Frau gerammt. Weil sein Fuß im Anschluss zwischen Gaspedal und Bremse eingeklemmt worden sei, habe er nicht halten können, der Geländewagen sei weitergefahren und gegen ein weiteres Fahrzeug geprallt, das wiederum gegen einen anderen Wagen geschoben wurde. Seine Sicht sei wegen eines plötzlichen Wechsels von Schatten zu Sonne nicht gut gewesen.

Zeugen: Teilnahmsloser Mann

Dass seine Frau am Boden lag, habe er erst bemerkt, als er ausgestiegen sei. „Es ist alles so blitzartig passiert“, erzählt der 49-Jährige. „Ich war so aufgeregt, ich war so durcheinander.“ Er habe nicht realisieren können, was genau passiert war. Mehrere Zeugen berichteten davon, dass er teilnahmslos abseits gestanden habe. Er selbst gab jedoch an, Angst gehabt und versucht zu haben, mit seiner Frau zu reden, die ihn jedoch ignoriert habe. Einen Anwohner aus der Rauensteinstraße, der Erste Hilfe leistete, habe er gebeten, den Krankenwagen zu rufen. „Das ist unbeschreiblich, was ich da erlebt habe“, sagt er an das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Marc Gerster gewandt. Er habe seiner Frau jedoch nie etwas antun wollen, sondern sie geliebt.

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Eine andere Geschichte erzählt die Geschädigte selbst. Sie zeichnet vor Gericht das Bild eines eifersüchtigen Ehemannes, dessen Kontrollsucht sie in ihrer Freiheit einschränkte. Irgendwann sei ihr das zu viel geworden, 2017 habe sie ihn daher kurzzeitig erstmals verlassen. Nachdem sich das Verhalten auf Dauer auch nach einer Aussprache nicht geändert habe, habe sie sich Anfang 2018 schließlich endgültig von ihm getrennt, nachdem zunächst sie ausgezogen sei, habe ihr Mann ihr jedoch bis kurz vor dem Crash die Wohnung überlassen. Wenige Wochen vor der mutmaßlichen Tat sei er plötzlich wieder bei ihr eingezogen, als sie für einige Tage weggefahren sei – obwohl sie das nicht wollte.

„Ich breche dir die Beine“

Und nicht nur das: Zweimal sei er über den Zaun in den Garten gestiegen und habe durch die Terrassenfenster hereingesehen, zudem habe er unter anderem kontrolliert, wohin sie gehe, sei ihr gefolgt. Außerdem will die Geschädigte von ihrem Mann bedroht worden sein: „Er hat mehrere Male zu mir gesagt, er würde mir die Beine brechen.“ Der leitende Ermittler gibt vor Gericht an, dass auch der gemeinsame Sohn der Eheleute das bestätigt habe. Der Angeklagte will derartige Aussagen zuletzt vor Jahren gemacht haben – und da auch nur im Scherz, sie seien nicht ernst zu nehmen. Dem widerspricht seine Frau. Sie wisse, wann etwas im Spaß gesagt werde und wann nicht. „Ich habe richtig Angst gehabt.“ Anfang 2019 habe sie die Scheidung eingereicht und sich eine eigene Wohnung gesucht, die sie im April – nur wenige Tage nach dem Crash – beziehen wollte.

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Am Tag des Zusammenstoßes selbst habe sie die Wohnung verlassen wollen, um ihren Sohn von der Arbeit abzuholen und gemeinsam mit ihm einkaufen zu gehen. Bevor sie gegangen sei, habe ihr Mann sie zum Geschlechtsverkehr aufgefordert, was sie abgelehnt habe. Weil sie ein ungutes Gefühl gehabt habe, habe sie die Wohnung früher verlassen, als ursprünglich geplant und sei zu der Bekannten in der Rauensteinstraße gefahren. An den Vorfall selbst erinnert sie sich nicht sehr gut, sie sei sich aber sicher, ihren Mann danach nicht mehr gesehen, sondern nur „Was habe ich nur getan“ sagen gehört zu haben.

Urteil in der nächsten Woche

Seit der mutmaßlichen Tat habe sie starke Schmerzen, Hüfte und Knie seien kaputt. 31 Tage lang habe sie im Krankenhaus gelegen, insgesamt drei Operationen habe sie bereits hinter sich, eine weitere solle noch folgen. Langes Stehen oder langes Sitzen sei ihr nicht mehr möglich. Zudem gehe es ihr auch psychisch schlecht, eine Zeit lang habe sie Angst vor dem Moment gehabt, an dem ihr Mann aus der Haft entlassen werde. Mittlerweile sei es jedoch etwas besser geworden. Während sie davon erzählt, bricht der Angeklagte in Tränen aus. Weinend versichert er ihr, nicht die Absicht gehabt zu haben, sie zu verletzen. Ob das zutrifft, muss nun das Gericht klären. Ein Urteil wird Ende der kommenden Woche erwartet.