Wie siehst Du eigentlich die ganze Sache, fragte mich ein Bekannter vor ein paar Tagen am Telefon. Ich staune, wie manche momentan genau wissen, was Sache ist. Aktuell habe ich viel mehr Fragen als Antworten. Wenn ich dieser Tage aus dem Haus gehe, kann ich die Menschen auf zwei Weisen wahrnehmen: Entweder als potentielle Bedrohung oder als jemand, der in derselben Situation ist wie ich. Das sind zwei Arten zu sehen. Manche Blicke, die mir begegnen, sind voller Angst und senden eine klare Botschaft: Bleib bloß weg! Und ich frage mich, kann es sein, dass wir in dieser Krisenzeit den Blick füreinander verlieren?

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Als es mit dem Coronavirus in Europa anfing, ging vor dem eigentlichen Virus eine Nachricht auf Twitter um die Welt: Ich bin kein Virus. Vor allem Menschen mit asiatischem Aussehen fühlten sich nur noch als Bedrohung und als Virenschleuder wahrgenommen. Aber der andere ist kein Virus. Er ist mein Nächster. Und ihn gilt es zu lieben, sagt Jesus. Das kann sehr Unterschiedliches bedeuten: Rücksicht nehmen und Abstand halten. Für die beten, die jetzt über ihre eigenen Kräfte hinaus arbeiten. Auch stellvertretend beten für alle, die nicht beten können. Nächstenliebe konkret heißt auch, die Menschen in unserem Umfeld im Blick zu behalten. Es gibt viele Menschen, die das seit einigen Tagen tun. Jeden Abend läuten um 19 Uhr die Glocken unserer Kirchen und laden zum Gebet ein. Das stiftet Gemeinschaft trotz räumlicher Distanz.

Wie siehst du das Ganze, fragten auch die Jünger, als sie an dem Blindgeborenen vorbeigingen. Im Johannesevangelium steht: Rabbi, wie kommt es, dass dieser Mann blind geboren wurde? Wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern? Das sind auch zwei Arten, auf Menschen zu sehen. Ist jemand selbst schuld oder trägt jemand anderes Verantwortung. Mich stimmen die Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien in diesen Tagen traurig. Jesus interessiert die Schuldfrage überhaupt nicht. Seine Antwort auf die Frage der Jünger ist: weder noch. Es geht ihm darum, Gott zu finden und nicht nach Schuld zu suchen. Jesus fragt nicht, wen man da verantwortlich machen kann. Das Wirken Gottes soll offenbar werden, lehrt Jesus seine Jünger.

Wir sind getrennt und doch vereint

Wie siehst Du die ganze Sache? Ich wünsche uns Augen, die tiefer sehen. Augen, die im anderen den Nächsten erkennen, und Augen des Glaubens, die Gott am Werk sehen. Er lässt uns nicht allein. Wir sind getrennt und doch vereint.

Wie ich die ganze Sache sehe? Da bin ich überfragt, aber ich vertraue darauf, dass Gott die Sache in der Hand hat, und das habe ich dem Bekannten dann geantwortet. Bleiben Sie gesund und halten Sie den notwendigen Abstand!

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