Überlingen – Kennst du die Perle...? Viele wissen schon nach den ersten Takten zumindest, wie diese rhetorische Frage in einem bekannten Volkslied weitergeht und welche Perle hier gemeint ist. Doch wer wird denn in die Ferne nach Tirol und Kufstein schweifen, wenn eine andere liegt so nah? Die Perle am Bodensee – und davon legt ein anderes badisches Volkslied Zeugnis ab – ist zweifellos Überlingen. Schlicht den Namen der Stadt trägt auch dieses alte Lied, dem Altstadtrat Winfried Ritsch nachgespürt ist und dem er gerne zu neuem Ruhm verhelfen würde.

"Liegt ein Städtlein schön gebauet dort an grüner Uferhöh' / und sein altes Münster schauet weithin übern blauen See / Überlingen, teure Heimat wo ich gehe, wo ich steh / kann ich deiner nie vergessen, Perle du am Bodensee!" So lautet die erste Strophe des Liedes. Wer sich fragt, weshalb Überlingen eine Altstadtsatzung braucht, der weiß dies spätestens nach den folgenden Zeilen. Denn "Deine Mauern, deine Zinnen reden von vergang'ner Zeit...", schwelgt der Textautor wenig später über seine geliebte Perle.

Ritsch will dem Lied nun zu einer Renaissance verhelfen. Am liebsten gleich beim Dreikönigstrunk als Ergänzung zum legendären Badnerlied um Mitternacht, wie er anregt, vielleicht auch beim offiziellen Bürgerempfang im Kursaal eine gute Woche später. Nur noch ganz vage habe er sich an ein Lied erinnert, das einst Sonntag für Sonntag beim Tanztee im Kursaal erklungen sei. Es muss positiv in Erinnerung geblieben sein, denn Ritsch machte sich an die mühsame Recherche, die lange Zeit erfolglos zu bleiben schien.

Altstadtrat Winfried Ritsch will dem Lied  gerne zu neuem Ruhm verhelfen.
Altstadtrat Winfried Ritsch will dem Lied gerne zu neuem Ruhm verhelfen. | Bild: Hanspeter Walter

"Bis mir Fridolin Zugmantel sagte: Den Text habe ich zuhause", erinnerte sich der Altstadtrat. Als 1. Platzmeister der Schwerttanzkompanie wusste Zugmantel zum einen um ein Liederbüchlein, das der Brauchtumsverein zusammengestellt hat und in dem das Loblieb auf die Perle am See ebenso vorkommt wie das "Bodensee-Lied". Er erinnert sich auch noch gut an seine Kinderzeit Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, als er (damals war Vater Fritz noch Platzmeister) mit den Schwertletänzern unterwegs war. "Damals wurde das Lied regelmäßig gesungen. Ich habe das noch ganz gut im Ohr."

Komponiert und getextet wurde "Überlingen" von Ludwig Egler (1894-1965), der als waschechter Badener die "Perle am See" offensichtlich sehr gut gekannt hatte. "Von Jugend an auch lyrisch begabt, schrieb Egler auch die Texte für seine Kompositionen, in hochdeutsch oder in badischem Dialekt", ist in einem Wikipedia-Eintrag über ihn nachzulesen. "In seinen späten Jahren engagierte er sich für den Karlsruher Arbeiter-Bildungs-Verein." Ein Schatten fiel auf das Lied, als es im Dritten Reich zwischenzeitlich von den Nazis instrumentalisiert worden war, wie Fridolin Zugmantel sagt.

Obwohl es offensichtlich später wieder zu Ehren kam, scheint das melodiöse Dokument tatsächlich weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Meist erntet man Kopfschütteln, wenn man danach fragt. Selbst der versierte Städtische Musikdirektor Ralf Ochs muss passen. "Vielen, vielen Dank!" mailt der Meister des Taktstocks nach Zusendung des Notenblatts zurück: "Ne, das Lied kenne ich nicht."

Allerdings hätte es mancher Überlinger entdecken können. Wer Google mit einem Textfragment auf die Suche schickt, der landet auf der Homepage der Bürgerinitiative BÜB und einem der Kommentare, der im vergangenen Februar ausgerechnet von einer besorgten Sipplingerin kam. Erika Hack zitierte in einer Mail an die Initiative den Text des Loblieds auf die Perle Überlingen mit dem Wunsch auf Rettung der Platanen. Von den Bäumen bliebt zwar nur ein Teil erhalten, vielleicht könnte jedoch das geliebte Lied wiederbelebt und bewahrt werden.

Einige Überlinger und viele Sipplinger erinnern sich noch daran, dass Christian Behring, der "fahrende Sänger von Süßenmühle", dieses Lied gesungen hat. In der kleinen Pension von Rosalie Beirer-Maier und Christa Beirer (Bild) hängen noch mehrere Bilder des Exzentrikers (links mit Gitarre, rechts oben als Lauterwasser-Porträt), der bis zu seinem Tod ein skurriler, aber gern gesehener Gast war.
Einige Überlinger und viele Sipplinger erinnern sich noch daran, dass Christian Behring, der "fahrende Sänger von Süßenmühle", dieses Lied gesungen hat. In der kleinen Pension von Rosalie Beirer-Maier und Christa Beirer (Bild) hängen noch mehrere Bilder des Exzentrikers (links mit Gitarre, rechts oben als Lauterwasser-Porträt), der bis zu seinem Tod ein skurriler, aber gern gesehener Gast war. | Bild: Hanspeter Walter

Erika Hack erinnert sich noch gut an den "fahrenden Sänger" Christian Bering, der in Süßenmühle zuhause war oder tendenziell eher bescheiden hauste – erst in einer Sandsteinhöhle, dann mitten im Wald. "Ich selbst habe Gitarrenunterricht bei ihm gehabt", sagt Hack, "und wenn wir mit den Kindern im Auto unterwegs waren, haben wir seine Lieder ständig gehört."

Erst vor drei Jahren war der Stockacher Hubert Steinmann in der Pension von Rosalie Beirer-Maier in Sipplingen zufällig auf ein Foto des "Sängers vom Bodensee" gestoßen. Der bärtige Mann mit der zweihalsigen Gitarre, der 1971 gestorben ist, machte ihn neugierig. Steinmann recherchierte unermüdlich und verfasste eine Biografie mit dem Titel "Christian Bering – der sanfte Rebell".

Viele Jahre bewohnte der aus Norddeutschland stammende Exzentriker, der zwischenzeitlich auch mit Maler Stocksmayer auf dem Monte Verità bei Ascona gelebt hatte, einen kleinen Wagen im Wald bei Süßenmühle, den ihm die Familie Knisel zur Verfügung gestellt hatte. "Er saß häufiger in der Pension meiner Tante Rosalie und bekam etwas zu essen", erinnerte sich Christa Beirer, die als Jugendliche damals fasziniert war von dem Künstler, Querdenker und Schöngeist, dessen Leben nach Autor Steinmann "ein einziges existenzielles Abenteuer" war.

Der vollständige Text

Liegt ein Städtlein schön gebauet dort an grüner Uferhöh'n und sein altes Münster schauet weithin übern blauen See

Überlingen teure Heimat, wo ich gehe, wo ich steh, kann ich deiner nie vergessen Perle du am Bodensee

Dort am Hange sprießt ein Garten, wohl betreut von Gärtnershand, Blumen blüh'n an alten Warten bis hinauf zum Felsenrand.

Überlingen, teure Haimat, froh im Herzen ich gesteh': Dein Gewand, es fiel vom Himmel, Perle du am Bodensee!

Wenn im Lenz die Bäume blühen, leis' ans Land die Woge rollt, wenn die Alpenberge glühen, glänzt der See wie lauter Gold.

Überlingen, teure Heimat Paradies im Blütenschnee, ach, es kann nichts schön'res geben, Perle du am Bodensee!

Deine Mauern, deine Zinnen reden von vergangner Zeit,

sagen uns von treuen Minnen, von der Väter Lust und Leid.

Überlingen, teure Heimat, alles Ach und alles Weh

lindern deine sanfte Lüfte, Perle du am Bodensee!

Früh beim ersten Morgenläuten fährt der Fischer froh hinaus,

aus des Wassers blauen Weiten zieht er beuteschwer nach Haus.

Überlingen, teure Heimat, hochgepries'ne du von eh,

schimmre unter Gottes Segen, Perle du am Bodensee!

Text/Melodie: Ludwig Egler (1896-1965)