Wer seinen Arbeitsplatz in der Überlinger Innenstadt hat, kann die Mittagspause am See verbringen. Das gehört eindeutig zu den Vorteilen. Beginnt und endet jeder Arbeitstag aber mit einer zeitraubenden und teuren Anfahrt, relativiert sich dieses Privileg für viele.

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Einen Parkplatz findet nur, wer früh dran ist

Elke Milbli ist Leiterin der Osiander-Filiale und hat sich mit dem Pendeln zum Arbeitsplatz arrangiert. „Ich komme täglich mit dem Auto aus Owingen und parke meistens beim Friedhof“, berichtet sie. Da könne man für 4 Euro am Tag das Fahrzeug abstellen – allerdings nur, wenn man morgens früh eintreffe.

Der Stellplatzführer ist nur für Camper und hilft Elke Milbli wenig bei der Suche nach einem Parkplatz. Buddhistische Gelassenheit kann hingegen nicht schaden, findet sie.
Der Stellplatzführer ist nur für Camper und hilft Elke Milbli wenig bei der Suche nach einem Parkplatz. Buddhistische Gelassenheit kann hingegen nicht schaden, findet sie. | Bild: Sabine Busse

Fahrplan öffentlicher Verkehrsmittel nicht mit Arbeitszeiten vereinbar

Fängt ihre Schicht später an, kann es eng werden bei der Parkplatzsuche, berichtet sie. Die Buchhandlung hat sechs Tage in der Woche geöffnet, in den Sommermonaten sogar sieben, meistens bis 19 Uhr. Darum nutze sie keine öffentlichen Verkehrsmittel, erklärt Elke Milbli.

Die Anfahrt morgens wäre zwar kein Problem, dafür aber der Rückweg: „Wenn ich den Bus um 19 Uhr nicht bekomme, muss ich bis 21 Uhr auf den nächsten warten.“ Das habe sie eine Weile ausprobiert und sei schließlich so oft Taxi gefahren, dass sie diese Variante zu den Akten gelegt habe.

Warteliste für Dauerparkplätze geschlossen

Ihr Versuch, einen festen Stellplatz in einem der Parkhäuser zu bekommen, sei vergebens gewesen. Auf Anfrage des SÜDKURIER teilt der Betreiber Stadtwerk am See mit, dass zurzeit in allen drei Parkhäusern in der Innenstadt keine Dauerparkplätze zur Miete angeboten würden und auch die Warteliste geschlossen sei.

Parksituation im Überblick

Verschärfung der Situation während der Landesgartenschau?

In Anbetracht der nicht einfachen Situation schaut Elke Milbli mit Sorge auf das nächste Jahr: „Dann müssen wir uns die wenigen für Pendler geeigneten Parkplätze mit den Besuchern der Landesgartenschau und den auf dem Gelände beschäftigten Leuten teilen.“

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Kollegin nutzt stündliche Zugverbindung zwischen Salem und Überlingen

Ihre Kollegin Karen Maier aus Salem-Neufrach kommt mit dem Zug nach Überlingen. „Der fährt stündlich, daher bin ich morgens eine Dreiviertelstunde vor Arbeitsbeginn in Überlingen“, erläutert sie. „Ich versuche, die Zeit sinnvoll zu nutzen und Dinge zu erledigen.“

Karen Maier fährt mit dem Zug zur Arbeit und muss wegen der Taktzeiten oft Zeit überbrücken.
Karen Maier fährt mit dem Zug zur Arbeit und muss wegen der Taktzeiten oft Zeit überbrücken. | Bild: Sabine Busse

Die Strecke von zu Hause bis zum Salemer Bahnhof lege sie mit dem Fahrrad zurück. Ist es im Winter zu kalt oder der Heimweg nach Abendveranstaltungen im Dunkeln zu unheimlich, steige sie manchmal aber doch auf das Auto um.

Kritik an Tarifsystem

Pendler brauchen nicht nur Zeit, auch die Kosten summieren sich. Dabei gilt es, den Durchblick im Tarifdschungel der öffentlichen Verkehrsmittel zu behalten. Von Kollegen habe sie erfahren, dass eine Monatskarte teurer sei als ein Abo-Ticket, erzählt etwa Karen Maier. Kurioserweise gebe es dieses aber nicht bei der Bahn, sondern beim örtlichen Busunternehmen. Karen Maier wünscht sich nicht zuletzt deshalb bessere, auf Pendler zugeschnittene Lösungen und mehr Transparenz, sagt sie.

Weite Wege bis zur nächsten Bushaltestelle machen Auto zwingend notwendig

Glücklich über seine Lösung ist Peter Striebel. Der Inhaber des Friseursalons Hair‘n‘More hat für sein Auto seit mehr als zehn Jahren einen Stellplatz in fußläufiger Entfernung gemietet.

Peter Striebel gehört zu den wenigen, die einen Dauerparkplatz mieten konnten.
Peter Striebel gehört zu den wenigen, die einen Dauerparkplatz mieten konnten. | Bild: Sabine Busse

Bei seiner Auszubildenden Nora Müller sieht es anders aus: Sie könne den Weg nach Überlingen nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen, weil sie jemand von ihrem Heimatort erst nach Herdwangen-Schönach zur Bushaltestelle bringen und abends wieder abholen müsste. Also komme sie mit dem Auto und zahle nicht selten 9 Euro Parkgebühren am Tag.

Auszubildende Nora Müller hat eine weite Anfahrt und muss oft hohe Parkgebühren bezahlen.
Auszubildende Nora Müller hat eine weite Anfahrt und muss oft hohe Parkgebühren bezahlen. | Bild: Sabine Busse

Innenstadt zu Fuß, mit dem Rad, Zug oder Schiff gut erreichbar

Eine andere Sichtweise hat Landschaftsarchitektin Bernadette Siemensmeyer vom Planungsbüro 365 Grad Freiraum in der Klosterstraße: „Wir haben den Standort in der Innenstadt 2001 bewusst gewählt.“ Allerdings seien sie damals noch nicht so viele Leute gewesen. Heute seien es 20 Mitarbeiter, die zum Teil mit dem Fahrrad, dem Zug, zu Fuß oder auch dem Schiff aus Wallhausen zur Arbeit kämen. „Dafür ist die Lage ideal“, sagt sie.

Innenstadtlage soll junge Fachkräfte ansprechen

Allerdings seien sie für ihr Tagesgeschäft auf Autos angewiesen, um zu Baustellen oder Kunden zu fahren. Dafür hätten sie Stellplätze angemietet. „Alle Mitarbeiter nutzen die Autos nach Bedarf und versuchen auch, auf öffentliche Verkehrsmittel auszuweichen.“ Zwar müsse man sich arrangieren, aber ein Standort vor den Toren der Stadt mit einem Parkplatz vor der Tür hätte in ihren Augen mehr Nachteile. „Gerade junge Leute, die wir als Mitarbeiter gewinnen wollen, ziehen gerne in die Stadt und brauchen oft kein Auto.“