Der Begriff "alternativlos" war 2010 zum "Unwort des Jahres" gekürt worden, nachdem die Bundeskanzlerin eine Bankenrettung mit Milliarden an Steuergeldern mit diesem Attribut begründet hatte. Alles andere würde den Staat noch teurer zu stehen kommen. Ähnlich scheint es im Kleinen mit dem Parkhaus Therme zu sein. Auch wenn die geplante Baumaßnahme in der abgespeckten Version mit 7,5 Millionen Euro plus Nebenkosten noch sehr teuer im Verhältnis zu den resultierenden 190 Stellplätzen sei, argumentierte Norbert Schültke, Geschäftsführer der Stadtwerke Überlingen, so würde ein Verzicht auf das Vorhaben den Lebensnerv der Bodenseetherme kappen, die bislang stets positive Betriebsergebnisse brachte. Eine Alternative sei nicht in Sicht, erklärte Schültke. Die Schwächung der Infrastruktur für die Therme würde aller Voraussicht nach ein dauerhaftes Defizit bei dem beliebten Wellnessbad heraufbeschwören. Vor diesem Hintergrund erschienen die vielfältigen Rechenübungen müßig, ob ein künftiger Stellplatz hier 39 000 Euro oder gar 50 000 Euro an Investitionen erforderlich mache.

In einem geradezu leidenschaftlichen Plädoyer listete Schültke alle Argumente auf, die die SWÜ an dem Projekt festhalten lasse, und kam zu dem Fazit: "Wir stehen vor einer Zukunftsfrage der Therme." Gemeinsam mit dem Architekturbüro Schaltraum habe man die Planung den Gegebenheiten angepasst. Nächste Woche wolle man den geänderten Bauantrag einreichen und hoffe, im Mai 2018 mit dem Bau beginnen zu können. Zum Auftakt des Gartenschaujahres 2020 könnte das Parkhaus dann noch fertig sein.

Architekt Christian Dirumdam vom Hamburger Büro Schaltraum war eigens angereist, um die an den ungewöhnlichen Grundriss angepasste spezielle Infrastruktur und die Gestaltung noch einmal zu erläutern. Der Planer nannte 190 Stellplätze, die nach Kriterien des ADAC besonders komfortabel angelegt seien. Die Ebenen haben eine Neigung von maximal sechs Prozent, um die reinen Rampen für die Erschließung der Etagen einzusparen. Mit dem Bau gleich angelegt werden die Voraussetzungen, um alle Stellplätze später auch mit Strom versorgen zu können. Die Doppelfassade mit ihren Holzelementen und einer umlaufenden Begrünung soll dem optischen Anspruch gerecht werden.

Aus unternehmerischer Sicht sei das Vorhaben auch in der vorliegenden Form durchaus verkraftbar, betonte der SWÜ-Geschäftsführer. Das habe man intensiv geprüft. Notwendig war dieses Bekenntnis im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsplan der Stadtwerke, den der Gemeinderat anschließend bei zwei Gegenstimmen befürwortete. Da 2018 zugleich die Übernahme des Stadtbusverkehrs vorgesehen ist, weisen die SWÜ im kommenden Jahr erstmals ein leichtes Defizit von 30 000 Euro aus. 2019 und 2020 rechnen die Stadtwerke dann wieder mit Überschüssen von gut 200 000 beziehungsweise 500 000 Euro.

"Es ist schwierig, eine Aida in voller Fahrt zu stoppen", beschrieb Walter Sorms (LBU/Grüne) das aktuelle Dilemma aus seiner Sicht. Die Architektur nannte Sorms "wunderbar" und entschuldigte sich dafür, dass er die Reißleine dennoch gerne richtig ziehen würde. Die Kapazität reiche ohnehin nur für die Therme-Besucher und das Kosten-Nutzen-Verhältnis sei so nicht zu vertreten. "Die bisher angefallenen Planungskosten würde ich auf das Konto Lehrgeld buchen." Für seine Rechnung, mit 3,6 Millionen Euro auf einfachere Weise dasselbe Angebot schaffen zu können, fand Sorms keine Unterstützer. Deshalb lehnte der Grünen-Stadtrat den Wirtschaftsplan der Stadtwerke als einziger ab – neben Roland Biniossek (Linke), der sich grundsätzlich gegen das Parkhaus wandte.

"Was ist am Ende billiger?" fragte Lothar Thum (ÜfA/FWV). Die Pläne für das Parkhaus "in die Tonne zu klopfen", könne am Ende teurer zu stehen kommen. Thum: "Dann holen uns die Kosten beim Defizit der Therme ein." Er selbst sei zwar Radfahrer, erklärte Oswald Burger (SPD). Doch er beobachte das Verhalten der meisten Therme-Besucher. "Sie wollen direkt dort parken." Auch für den Bürgerpark und das Wohnquartier könnten die Parkplätze erforderlich sein: "Wir müssen daher diesen Weg weiter gehen." Jörg Bohm (CDU) regte an, doch gleich an eine Erweiterung des Parkhauses zu denken und für rund 400 Stellplätze die Straße zweigeschossig zu überbauen. Nur so lasse sich die Stadt wirklich weiter "beleben".

Das Kind sei schon früher in den Brunnen gefallen, beklagte Ulf Janicke (LBU/Grüne). Zum einen habe es aus seiner Sicht nie eine „transparente Bedarfsdarstellung“ gegeben. Zum anderen habe man beim Wettbewerb keine fundierten Preise eingefordert. Janicke: „Ich stehe nun dumm da.“

Planung

Aus dem Architektenwettbewerb war das Hamburger Büro Schaltraum im Juni 2014 als Sieger hervorgegangen. Vorgesehen waren vier oberirdische und zwei unterirdische Geschosse mit 340 Stellplätzen. Im April 2015 hatte der Aufsichtsrat der Stadtwerke Überlingen (Swü) beschlossen, drei unterirdische und drei oberirdische Geschosse zu realisieren. Damals lagen die geschätzten Kosten bei 9,4 Millionen Euro plus Nebenkosten. Zum Zeitpunkt des Bauantrags im Dezember 2016 lag die neue Kostenberechnung schon bei 12,2 Millionen Euro. Die geologisch schwierigen Bodenverhältnisse hatten ebenso zu Buche geschlagen wie das Monitoring zur Sicherung der Gleisanlagen. Nach Einsprüchen aus der Nachbarschaft war der Bauantrag im Mai 2017 genehmigt worden. Mit der Ausschreibung der komplizierten Tiefbauarbeiten wären die Gesamtinvestitionen auf 14,6 Millionen Euro plus Nebenkosten geklettert. Der Aufsichtsrat beschloss daher, auf Untergeschosse zu verzichten. Die 190 Stellplätze auf vier oberirdischen Etagen sollen sich nun auf rund 7,5 Millionen Euro plus Nebenkosten belaufen. Die SWÜ rechnen mit einem Zuschuss von 1,8 Millionen Euro. (hpw)