„Oh, wie schön, dass ihr alle hier seid!“ stand auf den Servietten, die Anita Keller vom Katharinenhof auf ihren hübsch dekorierten Tischen zum Empfang der Wanderer ausgelegt hatte. Der Satz symbolisierte das, was die dritte Tour der „Aktion Wanderlust“ von Verschönerungsverein (VVÜ) und SÜDKURIER Überlingen kennzeichnete: herzliche Gastfreundschaft des diesmal erkundeten Ortsteils Deisendorf. Er präsentierte sich den über 60 Teilnehmern im besten Licht – nicht nur, was das Wetter betraf.

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Alleine die Tatsache, dass Daisendorfer mitmarschierten, drückte das Miteinander der Dorfgemeinschaft aus: Ortsvorsteher Martin Strehl, Fördervereinsvorsitzender Peter Müller, Feuerwehrkommandant Josef Wesle und weitere Engagierte des heute etwa 680 Bürger zählenden Orts, das durch das Neubaugebiet rund 45 Einwohner dazugewonnen hat, erklärten und ergänzten die Beiträge von Heimatkenner und Mund(art)gewaltigem Hermann Keller.

Durch lichtdurchfluteten Wald führte ein Teil der Tour der „Wanderlust“, die Südkurier und Verschönerungsverein Überlingen anboten.
Durch lichtdurchfluteten Wald führte ein Teil der Tour der „Wanderlust“, die Südkurier und Verschönerungsverein Überlingen anboten. | Bild: Christine Keutner

Anfänge der Dorfschule

Er berichtete über die Anfänge der Dorfschule in der napoleonischen Zeit um 1800 mit Lehrern, die ihr kärgliches Salär mit Ratschreiber-, Meßner- und Glöcknerdiensten aufbessern mussten, zitiert Überliefertes vom gesitteten und guten Leben 1856: „Die Gemeinde hat wenig uneheliche Kinder und die Gemeinde muss wenig Armenunterstützung zahlen“, und von einstigen Rebhängen, deren Erträge im spitälischen Torkel des alten Fachwerkhauses bei der Kapelle verarbeitet wurden. Ein Raunen ging durch die Reihen, als bekannt wurde, dass zum Ende des 18. Jahrhunderts die österreichische Kaiserstochter Marie-Antoinette auf dem Weg nach Paris durch Deisendorf zog, ebenso die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, wenn sie in Meersburg die Verwandten besuchte. Der Name Postgasse zeugt noch von der ehemaligen Poststation der anfangs österreichischen, später Thurn- und Taxis-Postlinie.

Dass man sich aber auch in Deisendorf verweilen kann, bewies die Tour, die zum Bedauern des Ortsvorstehers nur einige Punkte streifen konnte. Wer sich jedoch auf eigene Faust den hübschen, Ruhe und noch viel ursprünglichen Dorfcharakter ausstrahlenden Ort erschließen möchte, dem erklären Schilder die Kleinodien.

Da griffen die Wanderer gerne zu: Pflaumen, Äpfel und Birnen sowie erfrischende Getränke offerierten die Familien Keller und Rauch.
Da griffen die Wanderer gerne zu: Pflaumen, Äpfel und Birnen sowie erfrischende Getränke offerierten die Familien Keller und Rauch. | Bild: Christine Keutner

Schweißtreibend war nur der steile Anstieg zum Andreashof. Christine Freistetter stellte den dort betriebenen schwierigen Anbau und die Wirkungsweise der Lichtyam-Wurzel vor, die als Heilpflanze mit vielen nachgewiesenen und weiteren Besonderheiten punktet. Sie schnippelte Rädle der Wurzel zum Probieren ab und offerierte Lichtwurzel- und Rosenelixier, sodass die wissbegierigen Wanderer mit neuer Energie die Tour fortsetzten und sich gedanklich eine Wiedervorlage zum genauen Erkunden des Hofes mit seinem Rosen- und Kräutergarten machten.

Tim (links) und Benni freuten sich riesig, dass sie die junge Schleiereule halten und streicheln durften.
Tim (links) und Benni freuten sich riesig, dass sie die junge Schleiereule halten und streicheln durften. | Bild: Christine Keutner

Gastfreundlich war auch der nächste Halt nach einer Strecke mit atemberaubenden Ausblicken bis zum See und den im Dunst verschleierten Alpen am Katharinenhof: Anita Keller und der Obsthof Rauch offerierten Obst und Apfelsaft, Hermann Keller servierte launige Sprüche und Anekdoten. Vorbei an Kuhweide, Wiesen und Äckern, durch sonnendurchfluteten hell- und dunkelgrünen Laub- und Tannenwald erwartete die Gruppe eine spontan durch Wanderführer Michael Wilkendorf organisierte Überraschung: Ewald Wirth erzählte unterhaltsam und launig über die ehemalige, abgelegene Fuchsfarm, das Leben ohne Elektrizität und fließend Wasser und die Tierliebe, mit der das Ehepaar seit Jahrzehnten mittlerweile 3121 Vögel, Rehe, Igel und andere Wesen rettete. Die Wanderer waren tief beeindruckt und vom jüngsten mitgebrachten Pflegefall hochentzückt: Eine junge Schleiereule, die aus dem Nest verstoßen worden war, blinkte die Staunenden gelassen an.

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Einzige Gaststätte schließt

Über den Rengo-Hof und an der Siechenkapelle vorbei, die für ältere Bewohner ein kleiner Wallfahrtsort ist, ging es ins Gasthaus "Löwen" für einige dort quasi zum letzten Ma(h)l: Die einzige Gaststätte im Ort wird Ende Oktober schließen. Beendet sind auch die diesjährigen Wanderungen von SÜDKURIER und Verschönerungsverein. Eine Neuauflage gibt es voraussichtlich im nächsten Jahr.

Ortsvorsteher Martin Strehl (rechts) begleitete die Wandergruppe bei ihrer Tour "Rund um Deisendorf". Vom Standort Wasserhochbehälter bot sich ein schöner Blick.
Ortsvorsteher Martin Strehl (rechts) begleitete die Wandergruppe bei ihrer Tour "Rund um Deisendorf". Vom Standort Wasserhochbehälter bot sich ein schöner Blick. | Bild: Christine Keutner