Fahrradfreundlichkeit in Überlingen: Mangelhaft! Oder in Schulnoten ausgedrückt: 4,5. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) ließ im Herbst die Fahrradfreundlichkeit der Städte bewerten und veröffentlichte nun die Einzelergebnisse ihres Fahrradklima-Tests. Und da sieht es für Überlingen ganz schlecht aus: Mit einer Gesamtnote von 4,5 ist Überlingen nicht nur die fahrradunfreundlichste Stadt im Bodenseekreis, sie belegt in der Stadtgrößenklasse für Baden-Württemberg ebenfalls den letzten Platz und rangiert im Bundesvergleich auch nur auf dem viertletzten Platz.

"Die meisten Bewertungen der hiesigen Radler bestätigen die uns bekannten Vorzüge und Defizite der fünf Kommunen", kommentiert Karl Honnen vom ADFC-Kreisvorstand die Ergebnisse. Speziell für Überlingen fügt er noch an: "Es wird ebenfalls negativ beurteilt, dass die Stadt in den letzten Jahren keine Förderung des Radfahrens betrieben hat." Für das fehlende Engagement erhielt Überlingen eine 5,3 Note, das wurde ebenso schlecht bewertet wie die Breite der Radwege in Überlingen.

Mit dem Bodensee-Radweg, dem Bäderradweg und dem Rhein-Radweg führen drei überregionale touristische Radwege durch Überlingen. Zusätzlich benutzen zwischen 10 und 25 Prozent der Überlinger ihr Fahrrad, so eine Haushaltsbefragung von 2013. Es sind also sehr viel Radfahrer in Überlingen unterwegs.

Und für die hat die Stadt in den vergangenen zehn Jahren sehr viel Geld ausgegeben, zumindest für Gutachten, die sich mit der Problemanalyse beschäftigen. Im Jahr 2004 stellte der Verkehrsplaner Modus-Consult aus Karlsruhe in seinem Verkehrsentwicklungsplan eine Vielzahl von Gefahren und Konflikte für Radfahrer in Überlingen vor. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der Verkehrsplaner Brenner, der seit 2012 an einem Radverkehrskonzept für Überlingen arbeitete. Im Juli 2015, also vor knapp zwei Jahren, hat der Gemeinderat einstimmig die Umsetzung des von Brenner erarbeiteten Radverkehrskonzeptes beschlossen. Analysiert, geplant und diskutiert wurde viel, doch passiert ist radfahrtechnisch seitdem nichts.

"Wir haben seit zwei Jahren nichts mehr gehört." Mit diesen Worten fasst Irene Alpes die Zeit nach dem Ratsbeschluss von 2015 in einem knappen Satz zusammen. Alpes ist beim ADFC engagiert und sitzt zudem für die LBU/Grüne im Gemeinderat und auch im Verkehrsausschuss. Dort hat sie am vergangenen Montag den ADFC-Fahrrad-Klimatest präsentiert. Sie erinnerte auch an den im Oktober 2010 ins Leben gerufene Arbeitskreis Radverkehr Überlingen, doch "der hat seit 2014 nicht mehr getagt", wie sie eingesteht. "Ich sehe es für mich als Ansporn", kommentierte sie persönlich das schlechte Abschneiden Überlingens, "ich will bessere Noten, weil wir was umsetzen können."

Wie der Pressesprecher der Stadt Überlingen, Raphael Widemer-Steidinger erklärte, werden in der nächsten Gemeinderatssitzung aller Voraussicht nach drei Möglichkeiten zur gegenläufigen Nutzung der Hafenstraße für Radfahrer vorgestellt. "Wir gehen mit der Fertigstellung der erforderlichen Tiefbauarbeiten im kommenden Herbst/Winter aus, sodass auch dieser wichtige Baustein des Radverkehrskonzeptes umgesetzt ist."

Des Weiteren verweist er auf die begonnenen Bauarbeiten an der neuen Bahnhofstraße, die mit einem Fahrradstreifen für mehr Sicherheit ausgestattet werden soll. Doch auf mehr Sicherheit müssen die Radfahrer noch lange warten: Zwar wird die Straße schon 2017 fertig gestellt, wegen fehlendem Parkraum wird der Fahrradstreifen jedoch bis 2019 noch temporär als PKW-Parkplatz genutzt werden. Derweil ist der ADFC in Überlingen aktiv im Diebstahlschutz. Am Mittwoch hatten die einen Stand auf der Münsterstraße und kodierten Fahrräder. Eine Maßnahme, die in Überlingen nicht wirklich nötig ist, da die beste Note Überlingen in der ADFC-Umfrage beim Thema Fahrraddiebstahl erreicht wurde: "Fahrraddiebstahl stellt kein Problem dar", so Honnen.

ADFC-Fahrradklima-Test

  • Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und wurde im Herbst 2016 zum siebten Mal durchgeführt. Mehr als 100 000 Menschen stimmten ab, für Überlingen waren es 73 Teilnehmer. Der Test bestand aus 27 Fragen, wie „Macht das Radfahren Ihrer Stadt Spaß oder Stress?“ oder „Sind die Wege für Radfahrende angenehm breit oder zu schmal zum Überholen?“ Bewertet wurde nach dem Schulnoten-Prinzip mit Werten zwischen eins und sechs.
  • Überlingen kam 2016 zum ersten Mal in die Auswertung des Tests und landete mit einem Durchschnitt von 4,5 im Vergleich ähnlicher Städte im Bodenseekreis und in Baden-Württemberg (bis 50 000 Einwohner) auf dem letzten Platz. Besonders negativ sehen die Überlinger Radfahrer die Ampelschaltungen für Radfahrer, die mangelnde Breite der Radwege und die fehlende Falschparkerkontrolle auf Radwegen. Es wird ebenfalls negativ beurteilt, dass die Stadt in den letzten Jahren keine Förderung des Radfahrens betrieben hat. Positiv dagegen ist, dass Fahrraddiebstahl kein Problem darstellt. Es wird auch anerkannt, dass viele Menschen Rad fahren, eine gute Fahrradwegweisung sowie Abstellanlagen vorhanden sind. (mde)