Alle Jahre wieder…. lügen Eltern ihre Kinder an. Aber es ist eine der schönsten Lügen, die es gibt, und eine, die die Kinder lieben. Denn es ist die vom Nikolaus, der nachts Geschenke in die geputzten Stiefel legt, vom Christkind, das an Heiligabend Geschenke unter den Baum legt und dann das Glöckchen läutet, und die vom Weihnachtsmann, der sich das ganze Jahr darauf vorbereitet, zu Weihnachten die Wünsche der Kinder zu erfüllen. Magische Figuren, die der Advents- und Weihnachtszeit einen ganz besonderen Zauber verleihen. Und solche magischen Figuren, sagt die Kinder- und Jugendlichentherapeutin Dorothea Groschwitz aus Stuttgart, gehören zur natürlichen Entwicklung des Kindes: „Wenn es keine Figuren aus Kultur oder Religion – wie Nikolaus und Christkind – sind, dann schaffen sich Kinder diese magischen Begleiter oft selbst. Zum Beispiel den unsichtbaren Bruder oder das Gespenst unterm Bett.“

Heike Knuth-Tseng von der Psychologischen Beratungsstelle des Caritasverbandes in Überlingen sagt, jede Familie müsse für sich entscheiden, welchen Bräuchen man folgt. Wichtig sei, dass die Eltern dabei authentisch sind. Und wenn sie mit Überzeugung das Christkind ins Spiel bringen, umso besser. „Es ist für Kinder sehr schön, mit diesem Weihnachtszauber, zu dem auch die Figuren des Christkindes oder des Weihnachtsmannes gehören, aufzuwachsen“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

Irgendwann kommen Zweifel auf

Doch irgendwann kommt der Tag, vor dem sich manche Eltern fürchten: Der Tag, an dem das Kind fragt: „Gibt es das Christkind wirklich?“ Spätestens wenn es dem Kind dämmert, dass es vom Nikolaus nicht nur zu Hause, sondern auch noch im Kindergarten, auf dem Marktplatz und im Kaufhaus beschenkt wird, kommen Zweifel auf, ob das alles der eine Nikolaus ist, der draußen vom Walde herkommt.

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Was stellen Eltern nicht alles auf die Beine, um die Kinder im Glauben zu lassen: Sie verkleiden sich, schleichen nachts heimlich durchs Haus, verstecken Geschenke und Kostüme, erfinden Ausreden. Stehlen den Wunschzettel vom Fensterbrett, wenn die Kinder schlafen und behaupten steif und fest, gesehen zu haben, dass das Christkind durchs Fenster geflüchtet ist. Und jetzt zugeben, dass alles inszeniert war? Dass man sein Kind jahrelang angelogen hat?

Dorothea Groschwitz.
Dorothea Groschwitz. | Bild: privat

Nein, das sei alles nicht so dramatisch, sagen die Experten. Im Gegenteil. Eltern müssten keine Beichte ablegen, sagt Dorothea Groschwitz: „Sie haben sich nicht schuldig gemacht, sondern das Kind in seinem Aufwachsen mit hilfreichen Figuren begleitet.“ Und wann und wie sollte der Nachwuchs aufgeklärt werden? Auch hier gilt es, Ruhe zu bewahren. Dorothea Groschwitz: „Magisches Denken gehört in das Entwicklungsalter bis etwa fünf bis sechs Jahre. In diesem Alter „hören“ die Kinder die Wahrheit meist gar nicht, wenn sie ihnen gesagt wird, sie sind eher irritiert. Dann beginnt das rationalere Denken und viele Kinder geben von alleine diese Vorstellungen auf oder wehren sich nicht dagegen, wenn ihnen die Wahrheit gesagt wird.“

Oft sorgen Geschwister und Freunde für Aufklärung

Die Zweifel kommen also von allein, und die Aufklärung ebenso: Geschwister und Freunde erzählen gerne weiter, dass sie hinter das Geheimnis der Erwachsenen gekommen sind. Dorothea Groschwitz: „Wenn Kinder sowieso wissen, was es mit Nikolaus und Christkind auf sich hat, sollte man natürlich bei der Wahrheit bleiben. Kinder sind aber auch rücksichtsvoll und lassen die Erwachsenen im Glauben, dass sie noch an das Christkind glauben.“

Heike Knuth-Tseng
Heike Knuth-Tseng | Bild: Julia Rieß

Die Aufregung um die Aufklärung ist also, wenn man den Experten glaubt, umsonst. „Es ist ja alles sehr positiv und mit Wohlwollen untermalt“, sagt Heike Knuth-Tseng. Es ist ein Geschenk der Eltern an die Kinder, wenn sie Weihnachtsmann, Christkind und Nikolaus zum Leben erwecken und diese Teil des Advents- und Weihnachtszaubers werden. Und zu dem gehören die Adventslieder, Zimtsterne und Adventskränze ebenso wie der gefüllte Stiefel am 6. Dezember, das Klingeln des Glöckchens am Heiligen Abend und der Weihnachtsmann, der aus seinem Sack Geschenke zaubert. Eltern müssen also keine Angst haben, dass sie ihr Kind belügen. Und auch nicht, dass die Wahrheit für die Kinder ein Schock ist. Denn die haben meist schon längst begriffen, was es mit Nikolaus, Weihnachtsmann und Christkind auf sich hat: Es geht nicht darum, wer sie sind, sondern was sie uns lehren: Auf die Wünsche und Bedürfnisse anderer zu achten, selbstlos zu schenken, und sich auf ein zauberhaftes Weihnachten voller Geheimnisse zu freuen. Alle Jahre wieder.