Es war die Zeit des Umdenkens und Hinterfragens gesellschaftlicher Konventionen und Bedingungen, ausgehend von einer in den späten 60er-Jahren revoltierenden Jugend. Das äußerte sich auf dem Ernährungssektor als eine Hinwendung zu biologisch erzeugten Lebensmitteln: Zurück zur Natur! 1976 hat Heinz Knauss, einer der Geschäftsführer bei der Naturata Überlingen, in den Räumen des Hofguts Rengoldshausen einen kleinen Laden mit Naturkost und Bioprodukten eingerichtet, einer der ersten in der gesamten Bundesrepublik Deutschland, wie er sagt.

Eine Getreidemühle stand damals in jeder alternativen Küche, die Milch holte man beim Bauern, Gurken durften krumm sein, Kosmetika wurden selbst angerührt und die Kinder kamen in antiautoritäre Kinderläden, später auf die Waldorfschule. Inzwischen sind Bio und Öko in großem Stil in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Für Heinz Knauss stand aber noch eine weitere Idee im Vordergrund, dass nämlich Erzeuger, Händler und Verbraucher in einem engen Vertrauensverhältnis assoziativ zusammenarbeiten. Die von Rudolf Steiner begründete biodynamische Demeter-Landwirtschaft gab das Modell vor. Nicht umsonst zog man mit dem Bioladen im Jahre 1979 Richtung Waldorfschule, erwarb zwei gebrauchte Baracken und richtete neben einem Bioladen samt Lagerfläche auch ein kleines Café ein.

Große Vertriebsketten drücken in den Markt

Auch die Naturata e.G. mit Sitz in Lauda wurde von Heinz Knauss mitbegründet, eine Vertriebsgenossenschaft, die sich anschickte, die ganze Bundesrepublik mit Biowaren zu versorgen. Lauda liegt in der Mitte Deutschlands, ist also idealer Standort für eine schnelle, flächendeckende Auslieferung. Naturkostläden schossen wie Pilze aus dem Boden. Der Idee des assoziativen Produzierens und Vermarktens schlossen sich immer mehr Erzeugerbetriebe an. Wie Thilo Kauf, einer der drei Geschäftsführer der Naturata, kritisch bemerkte, schicken sich derzeit große Vertriebsketten an, den Handel mit Biowaren an sich zu reißen, wobei nicht immer die Qualität und der assoziative Grundgedanke im Vordergrund stehen, sondern Profitstreben.

Im Jahre 1989 plante man in der Naturata in Rengoldshausen dann eine Vergrößerung mit Neubau. Das Gebäude sollte allein schon von seinem Äußeren und seiner Baustruktur her den Grundgedanken einer Ausrichtung auf natürliche Bezüge widerspiegeln: Holz, große Glasflächen, lichte, helle und hohe Räume, eine organische Gesamtgestalt mit Zeichencharakter. Mit dem ungarischen Stararchitekten Imre Makovecz hatte man bald den richtigen Mann gefunden. Er entwarf ein kühnes Gebäude, hoch aufragend mit extrem steilem Dach, gotisch anmutende, große Fensterflächen, einem freien Blick bis hinauf zu den filigranen Holzstreben in zwölf Meter Höhe, die das Dach tragen, alles gestützt auf eine Reihe mächtiger, massiver Baumstämme, eingelassen im Fundament. Innerhalb von zwei Jahren realisierte eine Gruppe von ungarischen Arbeitern mit einfachsten Mitteln, ohne Kran und Aufzug, dieses spektakuläre Gebäude, heute vielfach auch besucht von Liebhabern origineller Architektur und weit über die Grenzen Überlingens hinaus bekannt.

Preise von Bio-Produkten immer im Kontext sehen

Neben einem Restaurant für bis zu 100 Gäste (inklusive den Plätzen auf der Terrasse), mit vollwertigen, biologischen Speisen, beherbergt das Gebäude einen großzügigen Verkaufsraum mit Biowaren aller Art. Im Obergeschoss finden sich sechs Gästezimmer. Verkauft werden ausschließlich Bio- und Naturprodukte, nicht nur Lebensmittel, auch Kleidung, Kinderspielzeug, Malutensilien. Eine Buchhandlung bietet ein Sortiment an Literatur, vorwiegend anthroposophisch orientiert.

Bummelt man durch den Laden, ist man nicht nur von der wirkgewaltigen Architektur beeindruckt, sondern auch von den auf den ersten Blick stattlichen Preisen, vor allem bei Obst und Gemüse. Für Heinz Knauss, zuständig für den Laden, müsse man die Preise in größerem Kontext sehen. Nicht nur dass es aufwendiger sei, zum Beispiel Obst und Gemüse rein biologisch zu erzeugen, auch leiste man durch den Kauf einen direkten Beitrag zum Schutz der Umwelt vor der Schädigung durch chemische Spritzmittel und belastenden Anbaumethoden. Nicht zuletzt unterstütze man auch eine artgerechte Tierhaltung und trage durch die Qualität der Lebensmittel zur Steigerung der eigenen Gesundheit bei. Wenn man genauer hinsehe, gebe der konventionelle Verbraucher letztlich nicht weniger Geld aus für Lebensmittel-Fertigprodukte, Fastfood, Süßigkeiten und Genussmittel, so Heinz Knauss.


Der Verein

Der Verein "Gemeinsam Handeln, Naturata International " mit Sitz in Überlingen-Rengoldshausen schließt mehrere Unternehmen ein. Neben der Naturata GmbH in Überlingen gibt es 14 Naturata-Initiativen bundesweit, zwölf in Luxemburg und eine in der Schweiz als jeweils eigenständige Unternehmen. Die Naturata AG in Marbach am Neckar ist für die Produktentwicklung und den weltweiten Vertrieb zuständig, die Naturata e.G. für die Logistik. Geschäftsführer der Naturata GmbH in Überlingen sind Sibylle Kauf (Restaurant), Heinz Knauss und Thilo Kauf (Laden). Mit dem Bioladen und Bistro "Kauf by Naturata" in der Altstadt von Überlingen und im Kiosk am Krankenhaus betreibt die Naturata außerdem seit einigen Jahren zwei Ableger in der Innenstadt.

 

"Harter Kampf um Marktanteile"

Thilo Kauf ist einer der Geschäftsführer.
Thilo Kauf ist einer der Geschäftsführer. | Bild: Erwin Niederer

Interview mit Geschäftsführer Thilo Kauf über die Situation in der Bioszene, Preisentwicklung und den Vegan-Trend
 

Wir erleben derzeit eine gewaltige Expansion der Biobranche, vor allem im Lebensmittelbereich. Können Sie aus Ihrer Warte auch Nachteile dieser Entwicklung erkennen?

Der Handel mit Biowaren gestaltet sich leider immer konventioneller, das heißt in der Branche wird hart um Marktanteile gekämpft, es geht oft in erster Linie um den Profit über günstige Preise, weniger um den partnerschaftlichen, assoziativen Aspekt. Der ursprüngliche Gedanke, mit dem Naturata vor 40 Jahren angetreten ist, wird zunehmend verwässert.

 

Wirkt sich das auch auf die Produktqualität aus?

Es gibt deutliche Unterschiede bei Bioprodukten je nach Zugehörigkeit zu einem Verband. EG-Bio ist im Grunde eine konventionelle Landwirtschaft mit Weglassen von Spritzmitteln. Bioland und Demeter achten viel mehr auch auf die Anbaumethoden und allgemeine Bezüge zum Natur-, Landschafts- und Tierschutz, was dem Verbraucher so nicht klar gemacht wird. Der richtet sich leider meist in erster Linie nach dem Preis.

 

Wie belastbar ist der Bio-Boom derzeit und wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung?

Der Verbraucher wird ja regelmäßig aufgeschreckt durch Skandale bei Lebensmitteln, praktisch immer aus dem Bereich konventionell erzeugter Produkte, was dem Biomarkt natürlich in die Hände spielt. Außerdem wird zunehmend akzeptiert, dass ein biologisch erzeugtes Lebensmittel nicht nur einen intensiveren Geschmack hat, sondern eben auch frei von Pestiziden und chemischen Düngemitteln ist, was natürlich auch unserer Gesundheit zuträglich ist. Nach meiner Meinung wird es in zehn Jahren nur noch zwei Arten von Lebensmitteln auf dem Markt geben, nämlich Bioprodukte mit hoher Qualität und zu fairen Preisen und Billig-Konventionelles. Es wird immer Verbraucher geben, die ausschließlich nach dem Preis gehen und die Risiken für ihre Gesundheit und unsere Umwelt nicht sehen wollen.

 

Was halten Sie von der derzeitigen Vegan-Welle?

Die Vegan-Welle basiert zunehmend auf Ersatzprodukten zu konventionellen Nahrungsmitteln, zwar ohne Fleisch und andere Anteile vom Tier, aber nicht minder industriell gefertigt, das heißt mit deutlich geminderten Nähr- und Vitalstoffanteilen. Es ist teilweise skurril, aber vor Jahren noch wurde empört festgestellt, dass auf Pizzen sogenannter "Kunstkäse" verwendet wird. Heute kann man das Produkt teuer als Vegankäse verkaufen. Eine ausgewogene, vegane oder vegetarische Vollwert- und Frischküche kann aber durchaus befürwortet werden, vermeidet sie doch die Nachteile konventioneller Kost, zum Beispiel durch hohen Fleischkonsum. Für die Demeter-Landwirtschaft sind Tiere im Erzeugerkreislauf unerlässlich und Fleisch wird in der Ernährung auch nicht kategorisch abgelehnt. Deshalb werden Sie auch bei uns im Laden kein Regal mit explizit veganen Produkten finden. In unserem Restaurant bieten wir aber immer eine große Auswahl an vollwertigen, vegetarischen Gerichten an. Vegane Speisen werden einfach zu selten nachgefragt.

 

Fragen: Erwin Niederer