Erstwähler sind eine begehrte Beute, die bisweilen leicht zu erlegen ist. Das wissen die Parteien nur zu gut. Zumindest fünf von jenen, die sich am 13. März bei den Landtagswahlen Chancen ausrechnen, standen daher pünktlich um 7.50 Uhr, Prospekte und Werbematerialien ausgebreitet, im Foyer der Constantin-Vanotti-Schule. Die 20 Schüler der Politik-AG, die seit diesem Schuljahr von Benjamin Zöhrlaut geleitet wird, hatten zu einer sechsstündigen Politik-Messe eingeladen. Rund 500 Schüler aus 21 Klassen hatten Gelegenheit, sich Argumente für das Kreuzchen auf dem Wahlzettel zu holen. „Uns war wichtig, dass möglichst vieler Mitschüler sich mit der Thematik auseinandersetzten“, erklärte Lea Bentele, und Tamara Wagner ergänzte: „um aus den Aussagen und Informationen für sich selbst vertretbare Entscheidung zu treffen.“ Dafür hatten die Klassen eine Unterrichtsstunde frei bekommen.

In starker Besetzung angetreten war um 8 Uhr nicht nur die CDU mit dem Ortsvorsitzenden Alexander Bruns und dem Kreisvorsitzenden Lothar Fritz. Auch bei den Grünen nebenan hatte Vorsitzender Manfred Schrader noch beim Aufbau mitgeholfen, ehe er sich auf den Weg nach Shanghai machte. Martin Hahn, Abgeordneter und Kandidat, stieß von der Klausurtagung seiner Fraktion etwas später dazu. Für die Sozialdemokraten ging Kandidat Dieter Stauber an den Start, die Gemeinderäte Oswald Burger und Michael Wilkendorf sekundierten. Noch aktiver zeigte sich der frisch gebackene Juso-Landesvorsitzende Leon Hahn, doch dazu später mehr. Bei der FDP erhielt Kandidat Klaus Hoher von Stefan Zwick Unterstützung. Personalnot hatte nach Aussagen der Organisatoren die „Linke“ und verzichtete auf eine Teilnahme.

Nicht so die rechte Alternative für Deutschland (AfD), für die das 36-jährige Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel noch eine Handvoll Senioren mitgebracht hatte. Die Überlinger Ökonomin ist seit 2015 Vorsitzende der Bundesprogrammkommission. Ein Wackelkandidat ist die AfD nach Prognosen auch im Ländle längst nicht mehr, was den Einzug in den Landtag angeht. Gewackelt hat allerdings die Entscheidung der Politik-AG, ob sie die populistische AfD mit ihren vorwiegend europa- und flüchtlingsfeindlichen Parolen in die Messe einbeziehen sollte. Betreuungslehrer Benjamin Zöhrlaut sagt: „Es wurde sehr kontrovers diskutiert. Dann gab es eine demokratische Mehrheit, die sich dafür ausgesprochen hat.“

Für richtig hielt dies auch CDU-Vertreter und Jurist Alexander Bruns. „Die AfD ist nun einmal Realität, das kann man nicht ignorieren.“ Gar nicht begeistert von der Präsenz war hingegen Juso-Vorsitzender Leon Hahn. Ein Pulk von Schülern ballte sich schon kurz nach 8 Uhr an der Nahtstelle zwischen AfD- und SPD-Stand. „Er hat ganz aggressiv die Schüler von unserem Stand weggeholt“, beklagt sich Alice Weidel: „So etwas machen wir nicht.“ Er habe sich diese „Unwahrheiten“ nicht mehr anhören können, die die AfD-Senioren gegenüber den Schülern geäußert hätten. „Da musste ich einfach manches korrigieren“, erklärte Hahn.

Auf ihrer Homepage schlug Weidel später massiv zurück. „Mit dem Kampfspruch ‚Nazis stoppen‘ und Zwischenrufen haben die Jusos heute unsere Infoveranstaltung in einem Gymnasium am Bodensee – nicht ohne Erfolg – gestört. Ich wurde aktiv daran gehindert, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.“ Weidel und ihre Mitstreiter kamen sehr wohl ins Gespräch. „Langsam, langsam, jetzt hör du mal zu“, bekam Schüler Stefan Reichle zu hören, „das sind doch alles Wirtschaftsflüchtlinge. Das können wir uns doch nicht mehr leisten.“ Ungereimtheiten in der Argumentation, die Reichle aufzeigte, wischte der Gegenüber vom Tisch, der seinen Namen nicht preisgeben wollte. Dass es durchaus Trends in Richtung AfD gebe, räumten Mitschüler ein, die formulierten: „Die CDU müsste hier tatsächlich etwas strenger sein.“
 

Politische Bildung

Politische Bildung zu vermitteln, ist den Schulen explizit aufgetragen. Wenn es um Parteipolitik geht, wird es aber schnell heikel, besonders vor Wahlen. Das hatte Andreas Glöser, der frühere Betreuungslehrer der Politik-AG an der Constantin-Vanotti-Schule, vor Jahren erlebt. Damals hatten Schüler die Republikaner aussortiert und die Schule bekam deren Groll zu spüren. Bewusst habe die Schule daher die Veranstaltung vor Beginn der achtwöchigen Karenzzeit im Vorfeld von Wahlen gelegt, um selbst eine Auswahl treffen zu können. Die Politik-AG diskutierte, stimmte ab und lud die AfD ein, die nach der gestrigen Infratest-Dimap-Umfrage bei 10 Prozent rangiert.