Das ist selten: Politikerinnen unterschiedlicher Parteien diskutieren auf dem Podium und sind sich in fast allen Punkten einig. Gelungen ist dies Bora bei einer Veranstaltung im Überlinger Rathaussaal. Das Netzwerk bringt engagierte Frauen aus dem Bodenseekreis und dem Kreis Ravensburg zusammen. Ziel der Initiative ist es, im Vorfeld der Kommunalwahlen 2019 Frauen zu motivieren, sich politisch einzumischen.

Im Kreistag Bodenseekreis prozentual weniger Frauen als im afghanischen Parlament

Moderatorin Veronika Wäscher-Göggerle, Frauen- und Familienbeauftragte des Bodenseekreises, skizzierte anfangs die Situation in den politischen Gremien: Im Kreistag im Bodenseekreis säßen prozentual weniger Frauen als im afghanischen Parlament. "Wir brauchen das Wissen, die Erfahrung und die Kompetenz von Frauen und wollen Lust auf politische Teilhabe wecken."

Vier Politikerinnen auf dem Podium

Danach wandte sie sich mit Fragen an die vier Frauen auf dem Podium: Maria-Lena Weiss, CDU, ist Kreisvorsitzende in Tuttlingen, Dorothea Wehinger, Bündnis 90/Die Grünen, ist Landtagsabgeordnete und sitzt im Kreistag Konstanz, Stefanie Bürkle, CDU, ist Landrätin im Kreis Sigmaringen und Claudia Haydt, Die Linke, ist Mitglied im Vorstand der europäischen Linkspartei und ehemalige Stadt- und Kreisrätin in Tübingen.

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Warum so wenige Frauen aktuell in den Gremien vertreten sind, habe mehrere Gründe. Maria-Lena Weiss sagt: "Frauen entscheiden sich sehr bewusst und nehmen dann das politische Engagement sehr ernst." Als Mutter noch kleiner Kinder wisse sie, dass ein Engagement mir diesem Anspruch ohne familiären Rückhalt nicht zu schaffen sei.

Maria-Lena Weiss: "Frauen entscheiden sich sehr bewusst und nehmen dann das politische Engagement sehr ernst."
Maria-Lena Weiss: "Frauen entscheiden sich sehr bewusst und nehmen dann das politische Engagement sehr ernst." | Bild: Sabine Busse

"Die Rahmenbedingungen müssten flexibler gestaltet werden." Und manche Dinge müsse man sich einfach trauen. So hat sie kürzlich mit Kinderwagen an einem Ortstermin teilgenommen.

Dorothea Wehinger: "Wir müssen dranbleiben und uns nicht entmutigen lassen. Wir haben die Gelegenheit mitzuentscheiden, zum Wohle von uns allen. Uns steht die Hälfte der Macht zu!"
Dorothea Wehinger: "Wir müssen dranbleiben und uns nicht entmutigen lassen. Wir haben die Gelegenheit mitzuentscheiden, zum Wohle von uns allen. Uns steht die Hälfte der Macht zu!" | Bild: Sabine Busse

Dorothea Wehinger meint: "Der Mut fehlt. Es liegt nicht am Können oder Wissen, oft trauen sich die Frauen das nicht zu, stellen sich hinten an und übernehmen dann die weniger sichtbaren Ämter. Wehrt euch! Setzt euch ein, nur so gelingt Gleichberechtigung."

Stefanie Bürkle
Stefanie Bürkle

Nach Tipps für Frauen gefragt, die den Schritt gewagt haben, rät Stefanie Bürkle: "Vernetzen ist wichtig. Man muss sich Menschen suchen, mit denen man gleiche Vorstellungen teilt. Miteinander macht es mehr Freude zu gestalten. Manchmal müssen dicke Bretter gebohrt werden, aber gemeinsam bekommt man das hin."

Claudia Haydt: "Frauen möchten vorher immer genau wissen, was auf sie zukommt. Aber eigentlich müssen sie nur wissen, was sie ändern und bewegen wollen."
Claudia Haydt: "Frauen möchten vorher immer genau wissen, was auf sie zukommt. Aber eigentlich müssen sie nur wissen, was sie ändern und bewegen wollen." | Bild: Sabine Busse

Ähnlich sieht das Claudia Haydt: "Als ich mit Anfang 20 angefangen habe, Kommunalpolitik zu machen, habe ich schnell gelernt, dass man sich Verbündete suchen muss, gleich aus welcher Partei."

Es herrscht kein Zweifel, dass es an der Zeit sei, endlich für ausgeglichene Verhältnisse in den Räten zu sorgen. "Uns steht die Hälfte der Macht zu!", stellt Dorothea Wehinger fest. "Wir haben die Gelegenheit mitzuentscheiden, zum Wohle von uns allen." Maria-Lena Weiss ergänzt: "Die Gremien sollten die Bevölkerung abbilden, das wäre das Natürlichste."

Zum Thema Frauenquote gehen die Meinungen auseinander

In der anschließenden Fragerunde ging es auch um das Thema Frauenquote für Kandidatenlisten. Bei den Grünen sind diese stets paritätisch besetzt. Claudia Haydt sieht darin eine Chance, da es so nötig werde, sich um die Frauen zu bemühen und entsprechende Strukturen zu schaffen. Stefanie Bürkle lehnt eine Quote ab und setzt auf die Förderung durch Netzwerke wie Bora. Maria-Lena Weiss hält die Quote für ein funktionierendes, aber fragliches Instrument und plädiert für Förderung durch andere Frauen und starke Vorbilder.

So gab es am Ende doch noch unterschiedliche Meinungen, bevor die rund 60 Besucherinnen und die Podiumsteilnehmer im Foyer von Überlinger Ratsherren – den einzigen Männern des Abends – Getränke serviert bekamen.