Fotos von Gemeinderäten in der Region lassen sich stets mit der Zeile "Gruppenbild mit Dame(n)" unterschreiben. In allen gewählten Gremien sind Männer deutlich in der Überzahl. Der Landtag in Baden-Württemberg ist mit einem Frauenanteil von 24,5 Prozent Schlusslicht im Ländervergleich. Im Kreistag in Friedrichshafen sieht es noch schlechter aus: Die Quote liegt bei 13,79 Prozent oder acht Frauen bei insgesamt 58 Räten für den Bodenseekreis.

In Überlingen sind von den 26 Gemeinderäten sechs Frauen, die sieben Ortsvorsteher sind alle männlich. In Sipplingen sitzen zwei Frauen und zehn Männer am Ratstisch und in Owingen sind es fünf Damen und neun Herren.

"Da muss etwas passieren", dachte sich eine Gruppe von politisch aktiven und ehrenamtlich engagierten Frauen aus dem Bodenseekreis und dem Landkreis Ravensburg und gründete das überparteiliche Frauennetzwerk Bora. Im Vorfeld der Kommunalwahlen 2019 wollen sie "Frauen jeden Alters gewinnen, die für politische Gremien kandidieren möchten". Um mit Frauen in Kontakt zu kommen, organisiert das Netzwerk Veranstaltungen.

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Marga Lenski: "Männer dominieren leicht, vielleicht nicht immer bewusst"

Marga Lenski
Marga Lenski | Bild: privat

Marga Lenski, LBU: Lenski vertritt seit 14 Jahren die LBU (Liste für Bürgerbeteiligung und Umweltschutz) im Überlinger Gemeinderat. Zu ihrer ersten Kandidatur wurde sie bei einer Busfahrt nach Chantilly "überzeugt". Damals kam sie knapp in den Gemeinderat, bei der Wahl 2014 erhielt sie die meisten Stimmen als Einzelperson. "Ich bin nie als Frau diskriminiert worden", betont sie. Die Arbeit und das Auftreten im Gemeinderat hätte sie erst einmal lernen müssen. Sich in der großen Runde zu Wort zu melden, erfordere Mut. "Männer dominieren leicht, vielleicht nicht immer bewusst", sagt sie. Dazu müsse man in der Politik auch immer Gegenwind aushalten, was Frauen oft schwerer fällt als Männern. "Es ist eine große Freude, wenn es gelungen ist, eine Mehrheit zu bekommen, vor allem über die Parteigrenzen hinweg!", sagt Lenski. Das größte Hindernis für jüngere Frauen, sich politisch zu engagieren, sei der Zeitaufwand. Frauen seien beruflich und familiär eingespannt, da bliebe wenig Zeit für Ausschusssitzungen, Abendtermine und andere Verpflichtungen.

Aniko Haufe: "Ich möchte mitgestalten und nicht meckern!"

Aniko Haufe
Aniko Haufe | Bild: Privat

Aniko Haufe, CDU: "Als Jugendliche hat mich gewundert, dass viele auf Politiker schimpfen, sich aber keiner selber engagiert", beschreibt Anniko Haufe ihr Motivation. Nach ihrem Umzug nach Überlingen trat sie in die CDU ein. Dort wurde sie angesprochen, ob sie für ein Amt zur Verfügung steht. "Ich möchte mitgestalten und nicht meckern!" Zurzeit ist sie im Vorstand als stellvertretende Vorsitzende aktiv und will für den nächsten Gemeinderat kandidieren. In der Partei hat sie sich nie diskriminiert gefühlt. Im Gegenteil: Ihr Interesse, sich aktiv einzubringen, wurde freudig aufgenommen. Als Mitbegründerin und Organisatorin des Forums für Frauen, bei dem in loser Folge Referenten über unterschiedliche Themen berichten, ist ihr aufgefallen, dass Frauen sich offener zu Wort melden, wenn sie unter sich sind. Haufe vermutet, dass es auch aus diesem Grund weniger Bewerberinnen für den Gemeinderat gibt. "Nur weil sie leiser sprechen, heißt das doch nicht, dass sie keine guten Ideen haben. Es wäre schön, wenn Frauen mehr Mut hätten!"

Ancilla Starosta: "Wir müssen uns einmischen"

Ancilla Starosta
Ancilla Starosta | Bild: Privat

Ancilla Starosta, CDU und Üfa: In ihrem Heimatort Lippertsreute war Ancilla Starosta von 1994 bis 2004 Ortvorsteherin. Dazu war sie erst für die CDU- und später für die Üfa-Fraktion (Überlingen für alle) im Überlinger Gemeinderat. Von ihrem Vater hat sie gelernt, dass man Verantwortung übernehmen muss, von ihrer Großmutter, wie selbstbewusste Frauen agieren. "Auch bei unterschiedlichen Meinungen muss der Respekt erhalten bleiben. Frauen haben eine andere Streitkultur und deshalb ist es wichtig, dass es mehr Frauen in den Gremien gibt." Für sie ist das schlechte Image der Politik Schuld, dass es kaum weiblichen Nachwuchs gibt. "Es gibt leider zu wenig Respekt und Anerkennung für die lokale Politik." Demokratie lebe davon, dass man nicht fragt "was bekomme ich?", sondern "was kann ich tun?". Dafür bekomme man auch etwas: Wer sich engagiert, könne seine Heimat aus anderer Perspektive kennenlernen. Auf die aktuelle politische Situation bezogen sagt Starosta: "Wir müssen uns einmischen, wenn wir keine Extremisten wollen!"

Sibylla Kleffner: "Gemeinderat muss gut gemischt sein"

Sibylla Kleffner
Sibylla Kleffner | Bild: Eva-Maria Bast

Sibylla Kleffner, LBU: Für Sibylla Kleffner war es immer selbstverständlich sich zu engagieren. Als ihr Mann starb, der Mitglied im Gemeinderat war, raffte sie sich auf und kandidierte für die LBU (Liste für Bürgerbeteiligung und Umweltschutz), für die sie von 2004 bis 2014 als Ratsfrau agierte. "Das Problem heute ist die Zeit", sagt sie. "Die Arbeit im Gemeinderat frisst viel Zeit und das ist mit Familie und Beruf auch bei Mithilfe der Partner ein Problem. Aber das gilt auch für die Männer, da gibt es auch zu wenige." Zudem würden sich manche Frauen nicht trauen, das Wort zu ergreifen und für ihre Meinung einzustehen. Weil sie meist in der Minderheit seien, würden sie kritischer beobachtet, auch von anderen Frauen. "Deshalb muss der Gemeinderat gut gemischt sein, das ist kreativer und ein echter Mehrwert", ergänzt Sibylla Kleffner. "Ich setze viel Hoffnung in den neuen Jugendgemeinderat und positive Beispiele. Solche Beispiele brauchen wir!" Ihr Fazit lautet: "Mit meinen heute 78 Jahren kann ich sagen: Es ist nie zu spät. Und es hält herrlich jung!"

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