Große Menüs schicken meist mehrere Gaumenschmeichler voraus. So ist es auch mit dem Überlinger WortMenue in seinem 20. Jahr und den ihm vorauseilenden Literarischen Entrées. Das erste gestaltete der Naturkost-Großhandel Bodan gemeinsam mit den Slowfood-Köchen Hubert Hohler und Markus Keller und dem SÜDKURIER, der mit seinem Kulturchef Johannes Bruggaier auch den Moderator stellte. Im Rampenlicht der ausgeräumten und mit Lichteffekten aufgewerteten Lagerhalle standen die Schauspielerin und Sprecherin Barbara Stoll als Frau des Wortes und der vielseitige Percussionist Michael Kiedaisch aus Freiburg.

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Die Bodan-Mitarbeiter hatten binnen eines Tages für 180 Gäste eine außergewöhnliche Location mit perfekter Licht- und Toninfrastruktur geschaffen. Die Firma wolle zeigen, dass die Kultur von Lebensmitteln und Feldfrüchten mit der Kunst von Wort und Klang eine fruchtbare Liaison eingehen könne, erklärte Geschäftsführer Sascha Damaschun: „Das ist auch ein Kulturort, denn hier fließt die Ware aus vielen Regionen durch, die sich um die Qualität der Lebensmittel bemühen.“

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An der lateinischen Herkunft und Bedeutung des Wortes Kultur machte Johannes Bruggaier deren praktische Wurzeln an der Haltung von Haustieren und der gezielten Aussaat von Samen fest. „Doch kann Kochen auch Kunst sein?“, fragte Bruggaier und erinnerte an den legendären katalanischen Kochkünstler Ferran Adrià, der mit „gefrorenem Rauch als süße Schaumspeise“ sogar Ironie auf den Teller gebracht habe. Allerdings habe er eine Einladung zu Documenta im Jahr 2007 am Ende mit dem Hinweis abgelehnt, er sei doch nur ein Handwerker.

Hommage an den Apfel: Barbara Stoll beschrieb die Frucht als Skulptur mit vielen Facetten.
Hommage an den Apfel: Barbara Stoll beschrieb die Frucht als Skulptur mit vielen Facetten. | Bild: Hanspeter Walter

Als sei sie die Klöcknerin von Notre-Dame schlich sich Barabara Stoll mit Kutte über dem Kopf, vermeintliche Zauberformeln brabbelnd durch die Halle und packte neben der Desoxyribonukleinsäure auch Begriffe aus dem Giftschrank aus: „Aflatoxin, Neonicotinoide, Asbest, Glyphosat – sag mir die Zukunft dieser Welt.“ Im Hubsteiger schwebte sie später unter der Hallendecke hoch über dem Publikum und deklamierte in luftiger Höhe Shakespeare und Goethe. Die bizarren Klänge dazu zauberte der Freiburger Musiker Michael Kiedaisch, der die Gäste schon mit Percussion auf Erntekisten empfangen hatte und später auf der Bühne neben Flaschen und Kalebassen im Wassertrog selbst einem Eierschneider bemerkenswerte Töne entlockte.

Mit Percussion auf Erntekisten empfing der Freiburger Michael Kiedaisch die rund 180 Gäste.
Mit Percussion auf Erntekisten empfing der Freiburger Michael Kiedaisch die rund 180 Gäste. | Bild: Hanspeter Walter

Mit einem Infoblock erörterte Johannes Bruggaier mit dem Tettnanger Obstbauer Johannes Bentele die Standortqualitäten für Obst am Bodensee, die Gefahr durch Fröste und wie man sich dagegen wappnen kann. Bentele erklärte dem Publikum, weshalb durch einer Beregnung bei Minusgraden durch die entstehende Kristallisationswärme das Eis sogar zum Frostschutz für den Fruchtknoten der Blüte werden kann.

Die Moderation übernahm SÜDKURIER-Kulturchef Johannes Bruggaier, hier im Gespräch mit dem Tettnanger Obstbauern Johannes Bentele.
Die Moderation übernahm SÜDKURIER-Kulturchef Johannes Bruggaier, hier im Gespräch mit dem Tettnanger Obstbauern Johannes Bentele. | Bild: Hanspeter Walter

Lyrisch weckte Barbara Stoll die poetische „Apfellust an vorgeglühten Alpen“ und beackerte mit viel Feingefühl die verschiedenen Feldfrüchte aller „Bio-Power-Betriebe“ am Bodensee. Zwei Tage vor dem Gipfel der SlowFood-Chef-Alliance beim "Markt des Guten Geschmacks" in Stuttgart hatten Hubert Hohler und Markus Keller als Köpfe des Bodensee-Conviviums ein leckeres Menü gezaubert, bei der sich die restlichen Wintergemüse mit jungen Frühlingsboten ein Stelldichein gaben. „Wir haben den letzten Chicorée von Rengoldshausen gebunkert“, erklärte Keller. Serviert wurde er mit frischem Spargel von Waldorfschülern. In Anspielung darauf sagte Hohler: „Die Zutaten sind ganz regional, der Service ist ganz international.“

Die SlowFood-Köche Markus Keller (links) und Hubert Hohler servierten regionale Feldfrüchte.
Die SlowFood-Köche Markus Keller (links) und Hubert Hohler servierten regionale Feldfrüchte. | Bild: Hanspeter Walter

Dass Weine ihre Kunden nicht mehr nur durch Aromen und Komplexität, durch Säuregehalt und Restzucker überzeugen, sondern Geschichten erzählen müssen, erklärte Bioweinhändler Peter Riegel an den drei ausgeschenkten Tropfen. Dem neuen Bio-Müller-Thurgau, der an der Birnau wächst, einem Rosé aus seinem wiederbelebten Weingut im Languedoc und einem Roten aus dem toskanischen Weingut des Musikers Sting. „Sting übt nicht nur gerne Gitarre im Weinkeller“, wusste Riegel zu berichten: „Er hat auch einen sehr guten Önologen, der seinen Biowein zu einem typischen Chianti macht.“

Erfreut über den begeisterten Zuspruch für diesen Auftakt zeigte sich zum Abschluss Organisator Peter Reifsteck, warb für die kommenden WortMenues und dankte auch dem anwesenden Redakteur Martin Baur, der die bisherigen SÜDKURIER-Entrées mit viel Engagement und Kreativität mitgestaltet habe.