Millionen Touristen, die jährlich nach Barcelona in die wohl berühmteste Kirche Spaniens strömen, die Sagrada Familia von Antoni Gaudi, ahnen nicht, dass ein wichtiger Teil dieser Basilika aus Überlingen stammt. Das Prospekt der Orgel, das sind die Orgelpfeifen, die man sieht, stammt aus einem kleinen Handwerksbetrieb in Lippertsreute. Als ein Mammut-Projekt bezeichnet Orgelpfeifenbauer Franco Sinistra diesen Auftrag und erinnert sich gut, als damals 2010 der Lastwagen aus Spanien kam, um die Orgelpfeifen, teils mit einer Gesamtlänge von 7,30 Meter, nach Barcelona zu bringen.,

Papst Benedikt XVI kam zur Einweihung der neuen Orgel in das spanische Gotteshaus, dessen Bau 1882 begann und das 2026 fertiggestellt werden soll. Franco Sinistra und seine Frau Judith hatten leider keine Zeit für die Reise nach Spanien, aber Judith Sinistra erinnert noch gut, wie sie von überall her Matratzen organisiert hatten, um damit die kostbaren Pfeifen im Wabensystem des Lastwagens sicher für die weite Reise zu lagern.

Diese Orgelpfeifen sind noch nicht gewaschen und noch mit einer Schutzhülle umgeben.
Diese Orgelpfeifen sind noch nicht gewaschen und noch mit einer Schutzhülle umgeben.

Franco Sinistra kam in den 1970er Jahren aus Italien nach Deutschland. Zwei seiner Brüder arbeiteten im Ernatsreuter Orgelpfeifenbau Brede und motivierten den Neuankömmling, dort mitzuarbeiten. "Nie hätte ich damals gedacht, dass ich mich mal mit Orgelpfeifen selbstständig mache", sagt Sinistra lachend. Als 2007 sein damaliger Chef, der heute 78-jährige Wolfgang Brede, seinen Betrieb in Ernatsreute nach 38 Jahren altersbedingt aufgab, übernahm Sinistra die Nachfolge.

Seit zehn Jahren bauen die Eheleute Sinistra, unterstützt von Wolfgang Brede, "der guten Seele des Betriebs", so Franco Sinistra, Orgelpfeifen. Zu ihren internationalen Kunden gehören unter anderem das Bolschoi-Theater in Moskau, die weltbekannte Basilika St. Kastor in Koblenz oder das Kloster Montserrat bei Barcelona. Aber auch im Überlinger S-.-Nikolaus Münster sind"von den über 2000 Pfeifen ein paar von mir", sagt Franco Sinistra. Auch in der Emmaus-Kirche befinden sich Orgelpfeifen von Sinistra. Selbst bis nach Südkorea wurde schon geliefert.

Orgelpfeifenbauer und Firmeninhaber Franco Sinistra rollt die Fußzuschnitte der Pfeifen über eine konische Metallform.
Orgelpfeifenbauer und Firmeninhaber Franco Sinistra rollt die Fußzuschnitte der Pfeifen über eine konische Metallform. | Bild: Stef Manzini

Absolutes Vertrauen der Kundschaft, so Wolfgang Brede, sei die Grundlage des Orgelpfeifenbaus, denn schließlich müssten die Töne stimmen. Seit 60 Jahren baut Brede Orgelpfeifen, "sie sind mein Leben", gibt der Senior freimütig zu.

200 bis 220 Register, ein Register umfasst 56 Orgelpfeifen, werden auf dem ehemaligen Betriebsgelände Bodan in Überlingen-Lippertsreute pro Jahr gebaut, dass sind zwischen zehn und 15 000 Pfeifen. Eine Orgelpfeife besteht aus Fuß, Körper und dem Kern, dieser sogenannte Kern ist die Seele der Pfeife, denn er erzeugt den Ton, erklärt Sinistra. Der Wind, also die am Instrument erzeugte Luft, bricht sich im Kern und dadurch entstehen die Orgeltöne. Diese Seele zeigt sich als kleiner Schlitz im Metall auf der Pfeife. Körper und Fuß werden in Millimeterarbeit aneinandergepasst, über Formen zylindrisch gerollt, zum Löten gerichtet, gewaschen und in Form gebracht. Sogenannte Labialpfeifen, von Streichholzdicke bis zu einer Länge von 7,30 Metern Länge, werden so aus Zinn-Blei-Legierungen gefertigt. Jede Orgelpfeife ist ein Unikat, sagt Judith Sinistra.

2012 reiste Franco Sinistra mit der Orgelbaufirma GGO aus Pfullendorf-Aach-Linz für drei Wochen nach Sun City im amerikanischen Arizona. Dort wurde eine Orgel aufgebaut, deren Pfeifen Sinistra gebaut hatte. "Einer der Zollbeamten in den USA trat auf die Verpackung und so hatte eine Pfeife eine Delle", erinnert sich der Orgelpfeifenbauer. "Da war es sehr geschickt, dass ich vor Ort war und sofort reparieren konnte." Vor zwei Jahren war Sinistra, ebenfalls mit der Firma GGO, in Moskau und für 2021 ist eine Arbeitsreise nach New York geplant. Der Orgelpfeifenbau Sinistra restauriert auch Pfeifen.

Da liegen sie die 16-Fuß-Pfeifen, deren Durchmesser 250 Millimeter beträgt.
Da liegen sie die 16-Fuß-Pfeifen, deren Durchmesser 250 Millimeter beträgt. | Bild: Stef Manzini

"Die größte Schwierigkeit ist es für uns, qualifizierte Mitarbeiter mit feinmotorischem Geschick und Sinn für die Umsetzung der vielfältigen Aufgaben zu bekommen. Vielleicht fühlt sich ja jemand angesprochen, wir würden uns freuen", sagt Judith Sinistra. Ihr Mann Franco, der auf 40 Jahre Erfahrung im Orgelpfeifenbau zurückblickt, ergänzt: "Der Pfeifenbau ist etwas ganz Besonderes und es macht uns schon stolz, vor einer großen Orgel zu stehen, sie zu hören und zu wissen, wir haben gute Arbeit geleistet."

 

So entsteht eine Orgelpfeife

Die Maßangabe, nach der eine Pfeife gebaut wird, nennt man Mensur. Nach dieser Mensur entsteht dann ein Register, es besteht immer aus 56 Orgelpfeifen. Aus den Platten der Zinn-Blei-Legierungen werden zunächst die Maße ausgeschnitten, dann werden die sogenannten Pfeifen-Körper und Füße in Millimeterarbeit aneinandergepasst. Sie werden zylindrisch gerollt, zum Löten gerichtet und gewaschen. Das Labrium ist die Einteilung auf dem Pfeifenkörper, die maßgeblich für den Ton ist. Jede Pfeife ist ein Unikat.