Ganz unten ist eine 65-jährige Frau aus Überlingen angelangt, als sie jetzt zusammen mit einem Pflichtverteidiger vor dem Landgericht Konstanz gegen eine Haftstrafe von sechs Monaten ankämpfte. Die hatte das Amtsgericht Überlingen vor einem halben Jahr verhängt. Der Vorwurf: Unterschlagung, Diebstahl und versuchter Betrug. Und das nicht zum ersten Mal.

„Ich blicke bei gar nichts mehr durch!“

Nach einer dreißigjährigen Odyssee durch psychiatrische Kliniken und ähnliche Einrichtungen landete die ehemalige Rechtsanwältin aus München zuletzt im Überlinger Obdachlosenheim. Verwandte, die sie zuvor noch betreut und gestützt hatten, sind inzwischen verstorben. Drei Mal baute die Frau mit ihrem Roller einen Unfall, zuletzt brach sie sich dabei die Schulter. Die Fahrerlaubnis ist sie inzwischen los. Vor dem Landgericht erschien sie jetzt völlig außer Atem, klagte über Schmerzen in der operierten Schulter und rief: „Ich blicke bei gar nichts mehr durch!“

Mit gefundener EC-Karte Einkäufe bezahlt

Im Sommer 2017 fand sie die EC-Karte einer Frau aus der Region, welche dieser in der Meersburger Therme abhandengekommen war. Anstatt sie bei der Polizei abzugeben, behielt sie diese für sich. Als sie in Sipplingen in einem Laden eine Handtasche und eine Geldbörse stehlen wollte, wurde sie erwischt. Da kam ihr die Karte gerade recht, und sie versuchte, damit zu bezahlen. Da sie die PIN nicht kannte, musste sie die Sachen schließlich bar bezahlen. Einige Tage später benutzte sie die fremde EC-Karte, um Einkäufe im Wert von 70 Euro zu bezahlen, die sie in einem Überlinger Supermarkt gemacht hatte. Dazu fälschte sie die Unterschrift.

Landgericht hält Geldstrafe für angemessen

Der Schwindel flog auf. Doch ins Gefängnis wollte sie nicht. Vor der Berufungskammer sollte die Haftstrafe wenigstens zur Bewährung ausgesetzt werden, erklärte ihr Pflichtverteidiger. Den Schuldspruch hat sie längst akzeptiert. Auch die Staatsanwaltschaft hatte Berufung eingelegt. Ihr erschien die Strafe zu niedrig. Die Richter am Landgericht hoben das Urteil des Amtsgerichts auf. Statt Gefängnis gab es jetzt eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je fünf Euro, welche die Frau durch Pflegegeld und Rente auch stemmen kann.

Sozialer Abstieg einer ehemaligen Rechtsanwältin

Bei der Schilderung ihrer Biografie war die 65-Jährige mehrmals in lautes Weinen ausgebrochen. Sie beklagte sich über ihre unerträglichen Lebensumstände in der Obdachlosenunterkunft. „Lauter Alkoholiker und Drogensüchtige“, rief sie. Alle persönlichen Papiere und Unterlagen habe sie verloren: „Ich lebe nur noch mit einem Karton voller Klamotten“ beschrieb sie ihren bestürzenden sozialen Abstieg. Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte die 65-Jährige bereits vor dem Amtsgericht für vermindert schuldfähig erklärt. Eine gesetzliche Betreuung hat sie bislang abgelehnt.