Bewegte Bilder bewegen Menschen, Kino ist längst Kulturgeschichte geworden. Zu deren Überlinger Wurzeln kehrt das Städtische Museum mit seiner Ausstellung „Verführung – 100 Jahre Kino in Überlingen“ zurück, die Filmfan Hansjörg Straub als Gastkurator konzipiert und die Peter Graubach mit seinem Team realisiert hat.

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Für die Sonderausstellung, die vom 2. April bis 31. Oktober im Reichlin-von-Meldegg-Haus zu sehen ist, haben sie einen authentischen Rahmen geschaffen, ein echtes Kinoerlebnis gezaubert sowie zahlreiche künstlerische und technische Besonderheiten zusammengetragen.

Im Gasthof "Adler" fanden 1919 die ersten Kinovorführungen statt.
Im Gasthof "Adler" fanden 1919 die ersten Kinovorführungen statt. | Bild: Stadtarchiv

Ausstellung nimmt Besucher mit auf eine Zeitreise

„Selten gibt es Orte, an denen 100 Jahre lang ununterbrochen Kinofilme gezeigt wurden, wie das ehemalige Gasthaus 'Adler' in der Franziskanerstraße“, sagt Hansjörg Straub. Was am 21. Juni 1919 in dessen Saal begann, entwickelte sich später zu den Kammerlichtspielen und ist bis heute das Kino mit den beiden Sälen "Kammer" und „Tivoli". Peter Graubach hat den Eingang der alten Kammerlichtspiele nachempfunden. Durch diesen können Besucher bald die Ausstellung betreten.

So sah der erste Kinosaal aus – mit Orchestrion (rechts im Bild). Das automatische Musikinstrument steht heute im Landesmuseum in Bruchsal.
So sah der erste Kinosaal aus – mit Orchestrion (rechts im Bild). Das automatische Musikinstrument steht heute im Landesmuseum in Bruchsal. | Bild: Stadtarchiv

Berühmte Namen der Filmbranche

Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte es in der Brauerei Waldschütz, im Zähringer Hof oder bei Jahrmärkten kleine mobile Filmvorführungen gegeben. Als Josef Waldschütz, Albert Posch und Heinrich Demeter am 7. März 1919 den Antrag auf Eröffnung eines Kinos stellten, war die Genehmigung keineswegs gesichert. Schließlich hatte die Stadt noch wenige Jahre zuvor die eine oder andere mobile Filmaufführung verboten, wie aus Dokumenten des Stadtarchivs hervorgeht. Ein Glücksfall ist es, dass einige Menschen, die das Kino in besonderer Weise geprägt hatten, in Überlingen ihr zweites Zuhause suchten. Dazu gehörten unter anderem der Kameramann Peter Forster (1918-2017) oder der Grafiker Alfred Eckart (1909-1995).

Wanderkinos gab es als Vorläufer auf dem Landungsplatz und in Gaststätten. Im damaligen "Seeboten" warben Anzeigen dafür. Aus dem "Lichtspielhaus Überlingen" wurden nach einigen Jahren die "Kammerlichtspiele".
Wanderkinos gab es als Vorläufer auf dem Landungsplatz und in Gaststätten. Im damaligen "Seeboten" warben Anzeigen dafür. Aus dem "Lichtspielhaus Überlingen" wurden nach einigen Jahren die "Kammerlichtspiele". | Bild: Stadtarchiv

Straub und Graubach finden im Depot des Museums Vorentwürfe des Grafikers Alfred Eckart

Hansjörg Straub ist durch die ganze Republik gereist, um in Berlin, Potsdam, Hamburg, Frankfurt und Biberach Dokumente zu sammeln. Zu den interessantesten Funden zählte allerdings das Erbe des erwähnten Alfred Eckart, der in Hamburg über vier Jahrzehnte lang berühmte Filmplakate gestaltet hatte und seine Sammlung 1975 an seinen Ruhesitz nach Überlingen brachte. Eine Fundgrube tat sich Straub und Museumsleiter Peter Graubach im Depot auf, als sie auf das künstlerische Vermächtnis Eckarts stießen, das der leidenschaftliche Segler dem Museum zugedacht hatte. Denn dessen Filmplakate hängen zwar in Museen in Hamburg oder Zürich, doch im Überlinger Fundus fanden sich viele Vorentwürfe, die die Grundlage der späteren Arbeit waren.

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Traum von Überlinger Filmfestspielen

Eine Besonderheit der Ausstellung ist das authentische Kinoerlebnis, das Peter und Bozena Graubach geschaffen haben. Dafür haben sie mit echten Sesseln aus dem Konstanzer Scala eine kleine Loge gezimmert. Hier können die Besucher kurze Filmsequenzen auf sich wirken lassen.

Mit rotem Plüsch aus dem Konstanzer Scala montieren Bozena und Peter Graubach eine kleine Loge in das städtische Museum.
Mit rotem Plüsch aus dem Konstanzer Scala montieren Bozena und Peter Graubach eine kleine Loge in das städtische Museum. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Die Vorführung beginnt mit einem Streifen aus dem Hause Lauterwasser zu einer Wiedereröffnung des Münsters. Auch Ausschnitte aus der Walser-Verfilmung „Ein fliehendes Pferd“ mit Ulrich Tukur, Katja Riemann, Ulrich Noethen und Petra Schmidt-Schaller sind zu sehen. Für die Premiere im September 2007 war auf dem Landungsplatz sogar ein roter Teppich ausgerollt worden. „Ich träume ja immer noch von Überlinger Filmfestspielen“, legt Hansjörg Straub die Latte seiner Visionen recht hoch. Zumindest mit einem attraktiven Programm besonderer Filme verschiedener Jahrzehnte werden Nicole und Thomas Lailach die Ausstellung flankieren.

Ein Filmfan seit jungen Jahren: Hansjörg Straub ist kenntnisreicher Kurator der Ausstellung über die Anfänge des Kinos in Überlingen vor 100 Jahren.
Ein Filmfan seit jungen Jahren: Hansjörg Straub ist kenntnisreicher Kurator der Ausstellung über die Anfänge des Kinos in Überlingen vor 100 Jahren. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Ehrenoscar für Willy Burth aus Ravensburg

Technische Errungenschaften aus den Anfängen werden ebenfalls zu bewundern sein. Dazu zählen ein sogenannter Kinematograf, die weniger erfolgreiche Erfindung aus dem Hause Edison, ein Praxinoskop und ein Kinematograf, mit dem die französischen Brüder Lumière 1895 dem Kino den Weg bereitet hatten. Dass mehrere Filmrollen nahtlos abgespielt werden konnten, dafür sorgte der große Burthsche Teller, mit dem der Ravensburger Willy Burth die Spulen von der Senkrechten in die Horizontale brachte. Der Tüftler sollte dafür 1988 von der Filmindustrie Hollywoods mit einem Ehrenoscar gewürdigt werden.

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Ausstellung als Branchentreff der Filmschaffenden in der Region

Auch Annett Maaß von der "Film Comission" der baden-württembergischen Medien- und Filmförderung in Konstanz unterstützt Hansjörg Straubs Engagement. Für sie ist die Ausstellung ein willkommener Anlass, die Filmschaffenden der Region bei einem Branchentreff zusammenzubringen. „Wir freuen uns, dass Sie dieses Thema aufgegriffen haben, denn für uns ist der Film ein wichtiges Kulturgut."