Die Nachricht, mit der Reinhard Weigelt am Ostermontag an die Öffentlichkeit ging, war alles andere als ein Ostergeschenk für Kulturliebhaber in Überlingen: "Kunst im Garten, Kultur im Kapuziner ist tot", verkündete der Eventmanager am Montagabend auf Facebook. Zumindest in diesem Jahr wird es das etablierte Kleinkunstfestival in Überlingen nicht geben. Nach dem Aus für das Sommertheater fällt damit in diesem Sommer bereits die zweite kulturelle Großveranstaltung weg. Und auch die "Kleine Oper am See" wird zumindest in diesem Jahr nicht stattfinden.

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Grund ist die Sanierung der baufälligen Kapuzinerkirche, die bereits seit eineinhalb Jahren gesperrt ist. Während im vergangenen Jahr mit dem Glaspavillon im Badgarten noch eine Ausweichlösung gefunden wurde, fehlt in diesem Sommer eine Spielstätte für die Kulturveranstaltungen. Wegen der Baustelleneinrichtung für die Sanierung am Kapuziner kann Weigelt seinen Pavillon nicht wieder im Badgarten aufstellen. Auch die Hoffnung, dass der Kapuziner bis zum Sommer soweit gesichert ist, dass er wieder genutzt werden kann, hatte sich zuletzt zerschlagen. Erst auf Druck der Gemeinderatsfraktionen hatte das städtische Baumamt unter Leitung von Matthias Längin im März die ersten Arbeiten für die Sanierung ausgeschrieben. Diese werden sicher nicht bis zum Sommer fertiggestellt.

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Keine Baugenehmigung für Pavillon

Eine von Weigelt vorgeschlagene Alternativlösung hatte sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zerschlagen. Der Veranstalter hatte die Idee ins Spiel gebracht, den Glaspavillon aus dem Vorjahr in diesem Jahr auf der sogenannten Fischerwiese beim Gondelehafen aufzubauen – allerdings nicht nur für ein paar Wochen, sondern für eineinhalb Jahre: "Wegen drei Monaten stell' ich das Ding nicht nochmal auf", sagt Weigelt im Gespräch mit dem SÜDKURIER. "Das ist wirtschaftlich nicht refinanzierbar." Seine Idee: Während der Zeit der Kapuzinersperrung sollte der Pavillon auch für andere Veranstaltungen genutzt werden – etwa beim Narrentag im Januar 2020 und bei den Festlichkeiten zum 1250-jährigen Stadtjubiläum.

Auf der sogenannten Fischerwiese beim Gondelehafen wollte Reinhard Weigelt für 18 Monate seinen Glaspavillon aufbauen. Die Stadt hat das abgelehnt.
Auf der sogenannten Fischerwiese beim Gondelehafen wollte Reinhard Weigelt für 18 Monate seinen Glaspavillon aufbauen. Die Stadt hat das abgelehnt. | Bild: Deck, Martin

Das Problem: In Baden-Württemberg dürfen sogenannte "Fliegende Bauten" – also bauliche Anlagen, die wieder abgebaut und an anderer Stelle aufgebaut werden können – nur für maximal sechs Monate an einem Standort stehen bleiben. Für einen längeren Zeitraum braucht es eine Baugenehmigung, und diese hat die Stadt abgelehnt. Bereits im vergangenen Jahr habe er eine Bauvoranfrage gestellt, aber erst auf eigene Nachfrage Ende Februar eine Absage erhalten. Die Stadt habe ihn über Monate hingehalten, sagt Weigelt. "Über die Art und Weise bin ich richtig sauer." Generell habe es von Seiten der Stadtspitze und Kulturamtsleiter Michael Brunner keinerlei Unterstützung bei der Suche nach einer Lösung gegeben: "Es kam nichts, gar nichts."

Dass er sein Kleinkunstfestival in diesem Jahr nicht ausrichten kann, treffe ihn nicht nur finanziell, sondern auch emotional: "Das tut mir schon sehr weh." Richtig dramatisch sei die Situation jedoch für die "Kleine Oper am See".

Es fehlt an Veranstaltungsstätten

So sieht es auch die deren Vereinsvorsitzende Sabine Wuermeling. "Das trifft uns sehr schwer", sagt sie auf Nachfrage des SÜDKURIER. Seit rund einem halben Jahr steckten die ehrenamtlichen Helfer bereits in der Planung. Man habe schon ein Arrangement eingekauft und Schauspieler verpflichtet. Diesen musste der Verein nun wieder absagen. "Wir haben ganz aktuell die Reißleine gezogen und die Oper abgesagt", sagte Wuermeling am Dienstagabend. "Wir müssen jetzt schauen, wie wir die finanziellen Verbindlichkeiten decken."

Im vergangenen Jahr zeigte die "Kleine Oper am See" das Stück "Don Giovanni". In diesem Sommer wird es keine Opernaufführung geben.
Im vergangenen Jahr zeigte die "Kleine Oper am See" das Stück "Don Giovanni". In diesem Sommer wird es keine Opernaufführung geben. | Bild: Lothar Fritz

Sie habe seit Wochen nach Alternativen Ausschau gehalten und Gespräche geführt – ohne Erfolg. Der Kursaal sei seit langem ausgebucht, das Salem College mit einer schulinternen Veranstaltung belegt und die Walddorfschule habe noch nicht endgültig zusagen können. Auch die Hoffnung, die Suso-Kirche am Burgberg als Veranstaltungsraum nutzen zu können, sei von der Kirchengemeinde abgelehnt worden, sagt Wuermeling.

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Dass durch die Kapuzinersanierung in diesem Sommer drei größere Kulturveranstaltungen ausfallen, bezeichnet die Vereinsvorsitzende als "Armutszeugnis", da die Situation schon seit langem bekannt sei. "In Überlingen fehlt seit zig Jahren eine größere Veranstaltungsstätte", sagt sie und gibt dafür nicht nur der aktuellen Verwaltung, sondern auch deren Vorgänger die Schuld.

Eventmanager Reinhard Weigelt vor dem Glaspavillon im Badgarten im Sommer 2018. Der Bau erwies sich im vergangenen Jahr als Besuchermagnet für "Kultur am Kapuziner".
Eventmanager Reinhard Weigelt vor dem Glaspavillon im Badgarten im Sommer 2018. Der Bau erwies sich im vergangenen Jahr als Besuchermagnet für "Kultur am Kapuziner". | Bild: Deck, Martin

Auch Reinhard Weigelt erhebt Vorwürfe gegen die Stadtverwaltung: "Kultur wird in Überlingen dann großgeschrieben, wenn es dem Kulturamtsleiter und dem OB wichtig erscheint. Ansonsten findet sie nicht statt", sagt er. Im Gegenteil: Private Anbieter, die der Stadt die wichtige Aufgabe der kulturellen Angebote "für kleines Geld" abnehmen, würden auch noch mit Füßen getreten. "Dabei hat die kulturelle Vielfalt Überlingen mal ausgezeichnet." Im Internet drückt er das so aus: "Es wird dunkel um die darstellende Kunst, aber bei der Dali-Ausstellung ist helles Licht!"

Zukunft der Veranstaltungen offen

Ob es die Kleinkunstreihe im nächsten Jahr wieder geben wird, ist derzeit genauso ungewiss wie die Zukunft der "Kleinen Oper am See". Man wolle alle Möglichkeiten ausschöpfen, im nächsten Jahr wieder eine Opernveranstaltung anbieten zu können, sagt Sabine Wuermeling. Und auch Weigelt will weiter für sein Festival kämpfen, schließt aber nicht aus, dieses in Zukunft in einer anderen Stadt auszurichten. "Eine Anfrage gibt es", sagt er. "Die werde ich mir auf jeden Fall anhören."

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