Roland Biniossek, Stadtrat der Linken in Überlingen, lädt zum Gespräch für die SÜDKURIER-Reihe zur Kommunalwahl nach Hause ein. Er wohnt in einem alten Bauernhaus in Hödingen zur Miete. Biniossek spricht unter anderem über seinen Rückzugsort, über das Auftanken und über seinen Treibstoff für das "harte Geschäft", wie er die politische Arbeit im Stadtrat bezeichnet. Der Hausherr serviert Espresso aus der Metallkanne, „eben authentisch“, kommentiert er.

Hinterzimmergespräche lehnt Biniossek ab

Auf die Frage, ob er sich im Überlinger Stadtrat zeitweise als Querulant sehe, reagiert Roland Biniossek gelassen. „Das ist ja doch ein so negatives Wort, ich sehe mich eher als Querdenker, oder noch besser: als Vordenker." Er sei aber mittlerweile auch ein Mann der Geduld und manches im Rat dauere eben seine Zeit. Mit „hartem Geschäft“ meine er auch die intensive Arbeit, die ein Rat vor den Sitzungen zu leisten habe, erklärt Biniossek. An den sogenannten Nachsitzungen im Anschluss an den Gemeinderat nimmt er nicht teil. „Eine Ratssitzung von bis zu fünf Stunden Dauer reicht mir und dann gehe ich heim. Außerdem lehne ich Hinterzimmergespräche ab, die bringen mir gar nichts“, sagt Biniossek.

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Für mehr Frauen in der Politik

Zu der Behauptung, Frauen seien vielleicht die besseren Politiker, nickt der Stadtrat zustimmend: „Frauen am Ratstisch nötigen mir den größten Respekt ab. Die sechs Frauen im bisherigen Stadtrat imponierten mir am meisten, drei davon treten ja leider nicht mehr an." Frauen in der Politik schaffen seiner Meinung nach einen Ausgleich und bringen andere Qualitäten mit. Deswegen würde er sich darüber freuen, wenn sich mehr Stadträtinnen in der Kommunalpolitik engagieren würden, sagt er. „Aber, wie schon gesagt, es ist eben ein hartes Geschäft." Die Entscheidung von Sahra Wagenknecht, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der ersten Reihe der Partei zurückzuziehen, bewundere er. "Da sieht man es doch wieder: Frauen sind intuitiver, hören in sich hinein und sind damit oft klüger als Männer. Die treiben es ja oft bis zum Herzinfarkt. Sahra Wagenknecht führt übrigens keine Hinterzimmergespräche und ich auch nicht“, betont Biniossek.

Ernsthafter Umgang mit politischen Entscheidungen

Wie sieht Roland Biniossek seine Verantwortung für das Stadtgeschehen und fühlt er sich oft zu Unrecht dafür angeprangert? Der Überlinger Stadtrat trägt nach seiner Auffassung die volle Verantwortung für die Entscheidungen. In Gesprächen mit den Bürgern ziehe er sich diesen Schuh auch an, sagt Biniossek. „Wir sind das oberste Verwaltungsorgan und wenn wir uns im Rat einig sind, dann bestimmen wir auch die Politik und das muss man schon ernst nehmen. Der OB hat schließlich nur eine Stimme, wir haben die anderen." Auf dieser Basis stelle er sich den Gesprächen mit den Bürgern.

Biniossek sieht Verfehlungen in der Baupolitik

Facebook-Debatten verfolge er nicht, da sie ihm zu unpersönlich seien, sagt der Mann, der nach eigenen Angaben seit Jahren kein Handy mehr hat. Auch für die Baupolitik in der Stadt, die laut Biniossek verfehlt sei, trage der Stadtrat letztlich die Verantwortung. Biniossek nennt die großen Bauten mit den hochpreisigen Eigentums- oder Mietwohnungen als Beispiel für diese Verfehlungen. Ginge es nach ihm, wäre jede Sitzung des Bauausschusses öffentlich, sagt er.

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Was er beschließen würde, wenn er der einzige Stadtrat wäre

Auf die Frage, welche Maßnahmen er sofort umsetzen würde, wenn er allein entscheiden könnte, nennt Roland Biniossek als erstes die Einführung eines sogenannten "Shared Space" in der Innenstadt. Das würde bedeuten, dass alle Verkehrsbeteiligten, Fahrzeuge und Fußgänger, sich den Raum gleichberechtigt teilen. Ein Konzept, das seiner Ansicht nach sehr zur Verkehrsberuhigung beitragen würde. Als zweiten Punkt nennt er mehr Förderung für die Vereine, dritte Maßnahme wäre der Erhalt des Telekomgebäudes.

Mit Entscheidungen mitgehen

Zur Landesgartenschau sagt der Stadtrat, er wäre ja für eine „kleine Gartenschau“ gewesen, habe mit dem Thema aber seinen Frieden gemacht. Denn erstens könne alles, was von Menschenhand gemacht ist, auch wieder rückgängig gemacht werden. Zweitens vertrete er den Standpunkt, dass er als Stadtrat mit einer einmal im Gremium getroffenen Entscheidung dann auch mitgehen sollte und den Prozess positiv begleiten wolle.

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Über das Ratsgeschehen denkt er oft nachts nach

Roland Biniosseks Rückzugsort ist sein Zuhause. Das sei für ihn der Ort, an dem er auftanke und Kraft schöpfe: „Früher war ich mal ein Partygänger, heute lese ich Fachzeitungen“, erzählt er und lacht. Die Familie komme bei ihm zwar immer an erster Stelle, Geheimnisse aus dem Ratsgeschehen bespreche er allerdings mit niemandem. Nicht einmal mit seiner Frau. Er habe kein Problem damit, keine Fraktionskollegen zu haben, mit denen er sich besprechen könnte und denke oft nachts über die Gemeinderatssitzungen nach. „Ich genieße das allerdings, denn da habe ich die nötige Ruhe dafür."

Ungerechtigkeit auf der Welt als Antrieb für politisches Engagement

Politik zu machen, als Stadt- und Kreisrat, mache ihm noch immer großen Spaß, erzählt Roland Biniossek. „Es gibt doch noch so viel zu tun, gerade jetzt. Denn aus übergeordneter Sicht macht eine Gesellschaft, die keinen Ausgleich schafft zwischen Arm und Reich doch das Tor zur Hölle auf." Die von ihm empfundene Ungerechtigkeit auf der ganzen Welt und auch vor Ort sei sein Treibstoff, sich politisch zu engagieren.