Auf den ersten Blick scheint es nur etwas für Hartgesottene zu sein: Das Kneippen. Gemeint ist damit das Wassertreten, bei dem man im Storchengang durch wadenhohes kaltes Wasser schreitet oder einzelne Körperteile eintaucht. Gerade dann, wenn der Hochsommer bereits vorbei ist, fordert das manchem eine große Überwindung ab. Aber grundsätzlich gefragt: Wofür soll diese Anwendung überhaupt gut sein? Und wie kneippt man richtig? Und wo in Überlingen ist dies überhaupt möglich?

Das könnte Sie auch interessieren

Auf der Internetseite der Überlinger Marketing und Tourismus GmbH heißt es, Überlingen sei bereits 1955 der Titel „Kneippheilbad“ verliehen worden. Kneippbecken gibt es danach im Stadtgarten, in der Überlinger Therme bei der Gläsernen Werft im Kurpark am See und im Kurpark am See nahe des ehemaligen Haus des Gastes. Letzteres wurde erst im Mai 2017 in Betrieb genommen. Sogar einen eigenen Kneippverein gibt es, dessen Vorsitzende seit diesem Jahr Renate Rösler ist. Sie kneippt bereits seit Jahrzehnten und kennt sich mit dem Wassertreten bestens aus. Wie sie erklärt, geht die offizielle Kneippsaison noch bis Ende September – wer also vor dem kommenden Jahr selbst einmal die Auswirkungen des Wassertretens ausprobieren möchte, der sollte das recht bald tun.

Nicht nur die kommen beim Kneippen mit Wasser in Berührung. Auch andere Körperteile wie die Arme können untergetaucht werden.
Nicht nur die kommen beim Kneippen mit Wasser in Berührung. Auch andere Körperteile wie die Arme können untergetaucht werden. | Bild: Judith Brouwers

Auch gibt es einige Regeln zu beachten: Einfach drauflos kneippt empfiehlt sich nicht. „Grundsätzlich müssen die Beine warm sein“, sagt Renate Rösler. Das gelte auch für die anderen Körperteile. Und es dürfe auch nicht allzu lange gekneippt werden: „Nach einigen Runden, beziehungsweise wenn ein unangenehmes Gefühl aufkommt, beendet man die Übung und streift das Wasser ab“, sagt sie. Die Übungen lassen sich übrigens auch zuhause ausführen: Wie es auf der Internetseite des Gesundheitsratgebers „Kneippvisite“ des Vereins Kneipp-Bund heißt, auf den Renate Rösler verweist, kann auch in einer Badewanne oder einem großen Bottich gekneippt werden.

Nach dem Kneippgang sollte umgehend dafür gesorgt werden, dass die Haut gewärmt wird. Die „Kneippvisite“ rät zu diesem Zweck dazu, sich zuzudecken oder warm anzuziehen. Bei Bedarf solle sogar im Sommer zu warmer Kleidung gegriffen werden. Und es sollte nicht sofort nach dem Aufwärmen weitergekneippt werden. „Grundsätzlich sind zwischen den verschiedenen Wasseranwendungen mindestens zwei Stunden Pause einzulegen“, mahnt Renate Rösler.

Das Kneippbecken an der Gläsernen Werft.
Das Kneippbecken an der Gläsernen Werft. | Bild: Judith Brouwers

Wer sich an diese Regeln hält, der könne sich auf die positiven Effekte des Kältereizes beim Kneippens freuen: „Es stärkt das Immunsystem, fördert die Durchblutung, hilft bei Schlafstörungen und mehr“, so Rösler. Und auch für die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten soll die Anwendung laut des Ratgebers „Kneippvisite“ als Abhärtung geeignet sein sowie Stress mildern. Kalte Armbäder sollen dagegen erfrischen und anregen.

Trotzdem eignet sich das Kneippen nicht für jeden. „Menschen mit Unterleibserkrankungen sollten auf das Wassertreten verzichten“, rät Renate Rösler. Auch könne vor dem Kneippen der Arzt oder Apotheker zurate gezogen werden. Die „Kneippvisite“ weist zudem darauf hin, dass sich das Wassertreten für Personen, die unter anderem an Blasen- oder Nierenkrankheiten und schweren Durchblutungsstörungen leiden, nicht eignet. Auch während der Menstruation sollten Frauen keine Anwendungen an den Beinen, sondern nur am Oberkörper durchführen. Wer eine Herzkrankheit hat, der dürfe keine Armbäder machen.

Kneipps Lehren und Kneippverein Überlingen

  • Der als Naturheilkundler bekannt gewordene Priester Sebastian Anton Kneipp, auf den das Kneippen zurückzuführen ist, glaubte nicht nur an den positiven Effekt von Wasseranwendungen wie das Wassertreten. Seine Philosophie umfasst fünf Bereiche:
    1. Einsatz von Wasser zur Verbesserung der Gesundheit, 2. Einflüsse von Bewegung, 3. Pflanzen als Heilmittel, 4. eine gesunden Ernährung und
    5. eine ausgeglichenen Lebensweise
  • Der Kneippverein Überlingen hat derzeit 280 Mitglieder. Renate Rösler wurde 2019 zur Vorsitzenden des Vereins gewählt.
  • An der Landesgartenschau beteiligt sich der Überlinger Kneippverein mit zwei Kräuterhochbeeten, die dauerhaft angelegt und der Stadt gespendet werden sollen. Außerdem wird der 199. Geburtstag von Sebastian Kneipp am 17. Mai mit einem Aktionstag gefeiert, unter Mitwirkung der zwei Kneipp-Kindergärten, der Miniköche und des Taichi Hauses Überlingen, so Renate Rösler. Der Kneippverein will dabei die fünf Elemente von Kneipp mithilfe von Vorträgen und Bewegungsbeispielen vorstellen. Am 26. August soll in Zusammenarbeit mit dem Taichi Haus der vierte Welt Qui-Gong Tag ausgerichtet werden.