Die Kommune bemüht sich nach Kräften, ihr Kneippsches Erbe zu pflegen und ihm einen zeitgemäßen Ausdruck zu verleihen. Erst im Vorjahr feierten der Verein und die Stadt gemeinsam das 60-jährige Bestehen des Prädikats Kneippheilbad. Auch beim neuen Tourismus-Marketing-Konzept fehlt das Stichwort Kneipp keineswegs. Umso erstaunlicher ist es, dass kaum Kenntnis davon genommen wurde, als Anfang Dezember das Kneippen als „traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ noch Anfang Dezember von der Unesco als „Immaterielles Weltkulturerbe“ geadelt wurde.

Kneipp-Kultur gerät immer mehr in Vergessenheit

Wir sind Weltkulturerbe, ließe sich formulieren. Bei einer Veranstaltung der CDU hatte die Vorsitzende des Kneipp-Vereins, Heidi Thies, dies als Gast fast beiläufig erwähnt und auf den schleichenden Verlust an sichtbaren Insignien der Kneipp-Kultur hingewiesen. Zur Feier des 60. Jahrestags für das Prädikat Kneippheilbad im vergangenen Sommer standen im oberen Stadtgarten und an der östlichen Promenade vor dem Kurhotel Seehof gerade mal zwei Tretbecken zur Verfügung. Wenn man von dem kleinen Kanal zwischen Wellnessbereich und Sauna der Bodensee-Therme einmal absieht, der nur deren Besuchern kalte Füße beschert. Seit vielen Jahren ist das Felsenbecken im Stadtgarten aus Sicherheitsgründen abgesperrt und vergittert und der Erweiterung der Bodensee-Therme um die große Panoramasauna hatte zwar die mächtig Flügelnuss als botanische Besonderheit standgehalten, nicht jedoch das dortige Tretbecken mit Armbad. „Wir waren bislang sehr ruhig in dieser Sache“, erklärte die Vorsitzende. Doch der Kneipp-Verein habe sich damals mit 1000 Euro an der Sanierung der Becken im Kurgarten beteiligt.

Von der Therme sei Ersatz zugesichert worden, sagt Thies: „Doch jetzt werden wir immer auf die Landesgartenschau vertröstet.“ In der Tat scheint es derzeit nicht an den Finanzen und auch nicht an der Bodensee-Therme zu liegen, wie auch Betriebsleiter Peter Koop betont, sondern an der Suche und Festlegung eines neuen Standorts. Denn 2016 hat die Sport- und Freizeitanlagen Überlingen GmbH schon eine zweite Charge von 15 000 Euro zur Finanzierung neuer Kneippbecken im Wirtschaftsplan ausgewiesen, die gleiche Summe steht noch aus dem Vorjahr zur Verfügung.

Der Erhalt der Becken ist schwierig

Doch nicht nur an der Infrastruktur fehlt es dem Kneipp-Verein, auch die Luftqualität lasse nach wie vor zu wünschen übrig, erinnerte Vorsitzende Thies. Seit dem Gutachten des Deutschen Wetterdienstes (DWD), das im November 2014 vorgestellt worden war, habe sich nichts getan. Für das Kurgebiet wurden die Werte auf dem Gelände der Klinik Buchinger Wilhelmi erfasst, für die verkehrsreiche Innenstadt in unmittelbarer Nähe des Franziskanertors. Insbesondere die Belastung durch Stickstoffdioxid ist, gemessen an den Bestimmungen des Deutschen Heilbäderverbands, „in unzulässiger Weise erhöht“, heißt es in dem Gutachten. Auch bei einem relevanten Bestandteil des Grobstaubs ist die Belastung zu hoch, allerdings nicht so hoch, dass es alleine zu einer negativen Entscheidung geführt hätte.

„Ich möchte Sie dringend bitten“, hatte Thies betont, „sich um die Kriterien für das Prädikat Kneippheilbad zu kümmern.“ Diese seien im Blick auf die Luftqualität derzeit nicht erfüllt. „Und gerade die Luft ist ein Thema, das uns alle betrifft. Sie ist wichtig für unser Wohlbefinden und unsere Gesunderhaltung.“ Aber auch die Kultur des Kneippens gelte es zu bewahren.


Das Heilbad

Schon 1894 - drei Jahre nach einem Besuch des charismatischen Pfarrers Sebastian Kneipp aus Bad Wörishofen - war zum ersten Mal ein Kneipp-Verein in Überlingen gegründet worden. Bis zum Erwerb des Prädikats "Kneippheilbad" sollte es allerdings noch 61 Jahre dauern. Bis heute ist Überlingen allerdings das einzige in ganz Baden-Württemberg geblieben. Zu den fünf Elementen Kneipps gehören neben dem kalten Wasser insbesondere die Bewegung und die bewusste Ernährung, die Kräutertherapie und die Balance von Körper und Geist. Nicht nur aus Sicht des Vereins entspricht die Lehre ganz dem Trend zum naturgemäßen Leben, da der Alltag immer schneller getaktet sei. Kneipp befasst sich heute nicht nur mit Gesundheitsmanagement in Betrieben, sondern hat auch in Kindergärten Einzug gehalten - am Kinderhaus Burgberg ebenso wie im Nußdorfer Rosa-Wieland-Kindergarten.