Die Enttäuschung stand Sabine Becker ins Gesicht geschrieben. Kurz nach 19 Uhr war klar: Nach acht Jahren als Oberbürgermeisterin von Überlingen muss sie ihren Amtssessel räumen – und an Jan Zeitler abgeben. Während Becker es bei der Neuwahl nur noch auf 12,1 Prozent der Stimmen (erster Wahlgang 17,3 Prozent) brachte, reichten Zeitler 50,1 Prozent zum Wahlsieg. Klaus Kirchmann steigerte sich zwar auf 37,8 Prozent (erster Wahlgang 32,2 Prozent), lag am Ende aber doch recht deutlich hinter dem Wahlsieger.

Für Jan Zeitler ist es der nächste Karriereschritt. Der Politik- und Verwaltungswissenschaftler ist seit 2010 Bürgermeister in Horb am Neckar, nun folgt also der Wechsel an die Spitze des Überlinger Rathauses. "Es ist ein Traum, den ich heute hier erleben darf", sagte Zeitler in seiner ersten Ansprache nach Auszählung aller Stimmen. Von Anfang an lag er in Front, doch erst nach den ersten fünf Wahlkreisen wurde seine Miene etwas entspannter: "Jawohl", sagte er, als sich sein Vorsprung stabilisiert hatte. Nach 25 von 26 Wahlkreisen packte er bei 49,7 Prozent liegen sogar seinen Ehrgeiz aus. "50,1 hätte ich schon gerne, die absolute Mehrheit wäre nicht schlecht", sagte er. 50,1 Prozent wurden es schließlich auch. Dass er die 50-Prozent-Marke geknackt hat, bedeute für ihn einen starken Rückhalt für die kommenden acht Jahre.

Bereits aus dem ersten Wahlgang war der 46-Jährige mit 43,3 Prozent als klarer Sieger hervorgegangen. In den vergangenen drei Wochen hatten seine Konkurrenten dennoch ihre Chance gewittert. Anlass war die Diskussion um die Vereinbarkeit des möglichen Aufsichtsratsvorsitzes von Zeitler und die Geschäftsführertätigkeit seiner Frau Annette Stoll-Zeitler bei der Landesgartenschau GmbH. "Ich verspreche Ihnen, es wird eine saubere Regelung geben", sagte Zeitler direkt nach seiner Wahl. Zuvor hatte ihm schon Landrat Lothar Wölfle sekundiert. "Aus meiner Sicht ist diese Konstellation überhaupt kein Problem", sagte Wölfle, den das Ergebnis ebensowenig überraschte wie den Bundestagsabgeordneten Lothar Riebsamen (CDU). Dass es ihm wichtig ist, die Wogen des Wahlkampf möglichst schnell zu glätten, zeigte Zeitler, als er diejenigen ansprach, die ihn nicht gewählt haben: "Wir starten bei Null. Ich werde Ihnen die Hand reichen."

Das Handreichen begann direkt anschließend mit zahlreichen Glückwünschen von Bürgern und Bürgermeisterkollegen aus der Region. Auch Sabine Becker und Klaus Kirchmann gratulierten dem designierten neuen Oberbürgermeister zum Sieg. "Ich habe bis zum Schluss gekämpft", sagte eine enttäuschte Sabine Becker. Sie hatte trotz des schwachen Ergebnisses im ersten Wahlgang noch Hoffnung gehegt, die Amtsgeschäfte weiterführen zu dürfen. Dennoch gab sie sich auch versöhnlich: Sie habe zwar die Wahl verloren, aber an Freiheit gewonnen.

 

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Als fairer Verlierer zeigte sich auch Klaus Kirchmann, der Zeitler schon zu dessen gutem Ergebnis gratulierte, bevor der letzte Wahlkreis ausgezählt war. Der spätere Sieger revanchierte sich und attestierte Kirchmann einen engagierten Wahlkampf. Von dem klaren Ergebnis waren andere überraschter als der Wahlsieger selbst.

Etwas überraschend war auch, dass das Interesse der Überlinger etwas niederiger ausfiel, als noch beim ersten Wahlgang vor drei Wochen. 18 524 Überlingerinnen und Überlinger waren aufgerufen, ihre Stimme abzugeben, 10 844 haben von ihrem Recht Gebrauch gemacht – das entspricht einer Wahlbeteiligung von 58,5 Prozent.

 

Klaus Kirchmann: Das Ergebnis ist wichtig für die Stadt

Klaus Kirchmann trifft als letzter der drei Kandidaten im Kursaal ein. Als er ihn endlich betritt, sind die ersten Ergebnisse schon auf den Bildschirmen. Der Kandidat bahnt sich den Weg durch die Menge, immer wieder klopfen ihm Menschen auf die Schulter. Ein Blick nach oben führt ihn zu der Einschätzung: "Die Tendenz ist im Moment ungünstig." Um ihn herum sagen die Leute "Das schafft er nicht mehr" und "So sind die Wähler". Diese Beurteilung stellt sich dann auch schnell bei Kirchmann selbst ein: "Das ist gelaufen", murmelt er, als gut die Hälfte der Stimmen ausgezählt ist. "Enttäuscht bin ich nicht", sagt Kirchmann, fügt aber hinzu: "Das wird sich wohl erst morgen einstellen, wenn wir sondieren, wie es weitergeht". Er nimmt seine Frau, Lucia Bugnara-Kirchmann, in den Arm. "Ich bin stolz auf dich", bestärkt sie ihn.

Dann gehen die beiden zügig zum Gewinner des Abends, Jan Zeitler, und gratulieren ihm und seiner Frau herzlich.

"Für mich ist das Ergebnis ein Riesenerfolg", sagt Klaus Kirchmann. "Der ehrliche und herzliche Zuspruch, auch jetzt im Saal, war und ist wunderbar. Ich bin dankbar für die vielen Begegnungen im Wahlkampf." Als die Kapelle das Badnerlied anstimmt, fährt ihm dann aber doch ein Ruck durch die Glieder. Plötzlich hat er es eilig, das hintere Ende des Kursaals zu erreichen. Doch Kirchmann kommt nicht weit. Immer wieder sprechen ihn Überlinger an, gratulieren ihm und wünschen ihm alles Gute für die Zukunft. Wie die aussieht? "Vermutlich werde ich meine internationalen Kontakte wieder aktivieren", sagt Kirchmann. Er freue sich für Überlingen, auch über die Klarheit des Wahlergebnisses. "Ein Ergebnis über 50 Prozent ist wichtig für die Stadt." Er selbst werde Überlingen erhalten bleiben. "Durch den intensiven Wahlkampf ist mir Überlingen umso mehr zur Heimat geworden", sagt er und bleibt dann doch noch im Kursaal. (rho)

 

Sabine Becker: Die Wahl verloren, aber an Freiheit gewonnen

Es war nicht mehr die ganz große Fassungslosigkeit wie nach dem ersten Wahlgang, aber eine große Enttäuschung für Sabine Becker. „Ich habe voll gekämpft und weniger wäre einfach nicht genug gewesen, jetzt habe ich eine Wahl verloren, aber an Freiheit gewonnen“, sagte sie nach der Auszählung.

Sie habe sich innerlich auf die Niederlage vorzubereiten versucht, so die noch amtierende Oberbürgermeisterin, jetzt brauche sie erst einmal Abstand, um Wahlkampf und Niederlage zu verdauen. „Der Wähler hat gesprochen, er ist der oberste Souverän.“ Leid täte ihr aber schon, dass ihr die Vermittlung ihrer Leistung offenbar nicht gelungen sei.

Jetzt habe ein neuer Oberbürgermeister die Chance und sie sei gespannt, wie beispielsweise die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat gelingen würde. Ihr war es wichtig, ihren Dank an ihre Wähler, Unterstützer und Freunde Ausdruck zu verleihen, die ihr die Treue gehalten hätten. Klaus Kirchmann kam nach der Auszählung zu Sabine Becker: „Das Ergebnis entspricht nicht dem, was Sie für Überlingen geleistet haben, ich hätte sie gewählt und gratuliere ihnen zu dem Erreichten.“ Becker dazu: „Das gilt auch umgekehrt.“

Die Amtsinhaberin war mit ihrer Tochter Nuria und ihrem Lebensgefährten Martin Hahn gekommen. Der Landtagsabgeordnete wolle in Zukunft auf der professionellen Ebene mit Jan Zeitler zusammenarbeiten, sagte er. Für Nuria Becker stand fest: „Ich habe die beste Mama der Welt und daran hat sich nichts geändert.“ Die Gratulation an ihren Amtsnachfolger fiel seitens Becker kühl und kurz aus. Sie wünsche ihm Glück im Amt, sagte Becker. Ein Sabbatjahr möchte Becker einlegen, da sie in den vergangenen 12 Jahren immer nur sehr kurz Urlaub gehabt habe. „Wie lange ich das tatsächlich aushalte, weiß ich allerdings noch nicht.“ Bei dieser Aussage konnte Becker bereits wieder lächeln. (sma)