Der Esstisch ist das Zentrum im Heim von Familie S.*, die in einem Dorf nahe Überlingen lebt. Familie S., das sind Vater, Mutter, drei leibliche und ein Vollzeitpflegekind. Im November vergangenen Jahres kamen noch fünf Geschwisterkinder aus dem Ausland hinzu. Zwei von ihnen sind geblieben. Familie S. besteht momentan also aus zwei Erwachsenen und sechs Kindern sowie einem quirligen Hütehund. "Ob nun fünf, sechs, acht, oder zehn Personen am Tisch sitzen, ist nicht wichtig", sagt der Familienvater. "Uns geht es relativ gut. Warum sollten wir nicht etwas davon abgeben?", fragt er. Im Jahr 2005 fing seine Frau auf der Suche nach einer Beschäftigung mit der Tagesbetreuung von Kindern an. Es folgten 2012 die Vollzeitpflege und 2017 die Bereitschaftspflege. Für das Jugendamt ist die Großfamilie ein Vorzeigebeispiel an Engagement. Für den Vater verhält sich die Sache ganz einfach so: "Wenn wir etwas anfangen, machen wir es auch durch."

Mehr als 20 Kinder hat das Ehepaar S. in über einem Jahrzehnt über wenige Stunden, einige Tage, mehrere Monate oder Jahre begleitet. Vollzeit- oder Bereitschaftspflege bedeutet dabei nicht, die Kinder mit Zuneigung zu überschütten. Die Kinder und Jugendlichen brauchen meist etwas völlig anderes. Ihr Leben ist aus der Spur geraten. Bei Familie S. erfahren sie eine Struktur und Regeln. Oft zum ersten Mal. "Viele Kinder, die zu uns kommen, haben so etwas nicht vorgelebt bekommen", sagt der Vater. Zeitig aufstehen, frühstücken, zur Schule gehen, Hausaufgaben, Hobbys: All dies geschieht in der Pflegefamilie. Schon am Abend vorher werde eine Horde an Vesperdosen vorbereitet. Der Vater arbeitet Vollzeit in einem Unternehmen. Der Job der Mutter beinhaltet, den Haushalt und die Tagestermine zu organisieren. Zeitweise hatte Familie S. Kinder in fünf verschiedenen Schulen im Landkreis.

Hilfeplan legt Umgang mit Eltern fest

Eigentlich hatte der Familienvater nie daran gedacht, eigene Kinder zu bekommen. Geschweige denn Pflegekinder. Jetzt ist alles ganz anders gekommen. Grundlage der Pflege sind Verträge, die die Familie auch kündigen kann. Erst einmal war eine Trennung nötig. Zwischen Familie S. und einem Jugendlichen hat es einfach nicht geklappt. In beiderseitigem Einverständnis wurde die Pflegschaft damals beendet. Bevor das Ehepaar S. ein Kind bei sich aufnimmt, erfährt es lediglich die wichtigsten Eckdaten aus dessen Leben. "Man bekommt die Kinder quasi als weiße Westen", sagt der Vater. Etwa ein halbes Jahr dauere es, bis bei den Pflegekindern die Maske falle. Dann sehe man, ob das Zusammenleben funktionieren könne, oder nicht. "Pflegekinder sind Kinder, die einen Rucksack haben. Man muss bereit sein, sich darauf einzulassen", sagt die Mutter. Teilweise dauere es ein bis eineinhalb Jahre, bis die Kinder Vertrauen hätten: "Je nachdem, was sie erlebt haben, und wie lange." Beim Jugendamt machen die Pflegeeltern vorausschauend einige Angaben, mit welchem Hintergrund sie zurechtkommen. Beispielsweise, welcher Religion die Pflegekinder angehören können, die bei ihnen leben sollen. Im gemeinsamen Alltag ergibt sich dann alles andere – muss sich alles andere ergeben. Die Umgangsregeln mit den leiblichen Eltern werden indessen in einem Hilfeplan festgelegt. Treffen finden nur auf neutralem Boden statt. Nicht bei den Pflegefamilien zuhause. Darauf achtet das Jugendamt.

Goldene Regel für das Ehepaar S. ist es, sich nie gegen die Herkunftsfamilien der Kinder zu stellen. Diese Richtlinie hat sich das Paar selbst auferlegt. "Wir lernen über die Kinder die Probleme der Eltern kennen", sagt der Vater. Doch statt zu urteilen, versuchen sie, die Kinder in der Verbindung zu ihren Eltern zu stützen. Denn das Ziel des Jugendamtes ist es, dass die Kinder über einen gewissen Zeitraum in den Pflegefamilien an die Hand genommen werden, dann aber wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Vorausgesetzt, die Zusammenführung ist möglich.

Das hält sich Familie S. immer vor Augen. "Wenn man merkt, dass zu viel Bindung zum Kind besteht, ist es Zeit, sich zu fragen, ob es noch die richtige Betreuung ist", sagt der Familienvater. Die Pflegekinder nennen ihn und seine Frau deshalb auch nicht Papa und Mama. Stattdessen haben sie die Bezeichnung für Onkel aus einer anderen Sprache entlehnt und für die Mutter einen Kosenamen ausgesucht. Als Pflegeeltern sehen sie sich ausschließlich als Ersatz für die leiblichen Eltern. Ein Ersatz, der Dinge gibt, die die Herkunftsfamilien gerade nicht geben können. Der Vater sieht es als Lebenshilfe, die zum Beispiel auch Aufgaben im Haushalt, den Umgang mit Taschengeld und mediale Erziehung beinhaltet. Die Pflegeeltern entscheiden in vielen Dingen für die Kinder mit. "Es ist eine Entwicklung, die von vielen Leuten mitgetragen wird. Vom Jugendamt, von der Schule, von uns", sagt die Mutter. Bei einem Schulwechsel, Operationen oder der Eröffnung von Konten sind aber die leiblichen Eltern gefragt. Sie müssen in diesen Dingen ihr Einverständnis geben.

Bei Familie S. nimmt das Thema Pflege viel Raum ein. Damit die Eheleute und ihre drei leiblichen Kinder – sie sind teils bereits Teenager – als Kernfamilie nicht darin verloren gehen, ist auch mal ein Urlaub nur für die fünf drin. Dann werden die Pflegekinder kurzzeitig wo anders untergebracht. Das ist in Absprache mit dem Jugendamt machbar. "Wir müssen uns öffnen. Die Kinder müssen sich mitziehen lassen", sagt der Vater. Die Frage, ob sie nicht doch mal eine gewöhnliche Familie sein könnten, ist bei den leiblichen Kindern schon mal aufgekommen. Das bestätigt die Mutter. Doch wenn es drauf ankommt, zum Beispiel in der Öffentlichkeit als Familie zusammenzustehen, halten die Kinder auch zusammen – wie andere Geschwister. Nur sind sie es eben auf Zeit und nicht für immer.

*Der volle Name der Familie und der Wohnort werden hier aus Gründen der Anonymität nicht genannt.

Welche Arten von Pflege gibt es?

  • Diese Betreuungsarten listet das Jugendamt auf: In der Vollzeitpflege lebt das Pflegekind mit der Familie zusammen. "Die Aufnahme des Pflegekindes ist planbar und Sie werden auf die Aufnahme vorbereitet", so das Jugendamt. Die Pflegeeltern erhalten zum Beispiel Hintergrundinformationen. Der Zeitpunkt für die Rückkehr des Pflegekindes in die eigene Familie sei (meist) nicht bekannt. Anders verhält es sich bei der Kurzzeitpflege, in der das Ende des Pflegeverhältnisses im Voraus bekannt ist. Die Wochenpflege beschränkt sich auf Montag bis Freitag. In der Bereitschaftspflege sind die Pflegeeltern jederzeit dazu bereit, ein Pflegekind kurzfristig, ohne Zeit zur Vorbereitung aufzunehmen: "Das Kind/der junge Mensch bleibt maximal drei Monate bei Ihnen." Eine Gastfamilie gewährt eine besondere Form der Vollzeitpflege. Das Kind oder der Jugendliche hat einen Fluchthintergrund beziehungsweise ist erst seit kurzer Zeit in Deutschland.
  • Pflegekinder aufnehmen kann jeder Mensch, der die notwendigen Voraussetzungen erfüllt. "Ob Sie in einer Familie mit eigenen Kindern, in einer (gleichgeschlechtlichen) Partnerschaft oder alleine leben, ist nicht entscheidend", erklärt das Jugendamt. Gute Voraussetzungen sind: Platz in der Wohnung, Zeit, gesicherte finanzielle Verhältnisse, Belastbarkeit, Bereitschaft, mit den Herkunftsfamilien und dem Jugendamt zusammenzuarbeiten. Die Pflegeeltern erhalten Pflegegeld und auf Antrag Beihilfen für einmalige Anlässe. Weitere Informationen zur Pflege gibt es im Internet: www.bodenseekreis.de/pflegefamilien