"Die Gespenster können gut hören", erklärt Tanja Kaiser, "daher müsst ihr ganz leise sein. Und zum Glück können sie nichts sehen, das kleiner als einen Meter hoch ist. Wenn ihr ein Gespenst seht, müsst ihr sofort in die Hocke gehen. Wenn ihr das befolgt, kann euch nichts passieren." Saskia Metzler hebt einen Meterstab und zeigt, was die Höhe eines Meters bedeutet. Beide Frauen werden die Gruppe durch das Überlinger Museum führen. Eine wilde Kinderhorde ist es, die da um 21 Uhr in der mit Spinnweben dekorierten Kapelle des Museums in die anstehende Führung eingewiesen wird. Spielerisch werden die Verhaltensregeln erläutert.

Alles im Museum liegt im Halbdunkel

Dann geht es los: Von der Empore ertönt ein schauriges Wimmern, während die Kinder eine enge Wendeltreppe hochschleichen. Leise geht es durch verschiedene Räume. Alles liegt im Halbdunkel und unheimliche Musik wabert durch die gruselig geschmückten Flure. Da – eine Tür beginnt zu rütteln, bevor sie sich einen Spalt öffnet und eine zitternde Hand sichtbar wird. Schnell weiter! Ein Vampir starrt durch eine Fensterscheibe, lebensgroße Puppen beginnen, sich zu bewegen.

Besonders schaurig: Ein plötzlich auftauchender Vampir lehrt die Kinder das Fürchten.
Besonders schaurig: Ein plötzlich auftauchender Vampir lehrt die Kinder das Fürchten. | Bild: Christopher Rieck

Einem Jungen ist es zuviel. Er wird zu seinen Eltern in die Vorhalle zurückgebracht und darf das Geschehen über die Monitore bei der Museumskasse weiter verfolgen. Ja, Eltern dürfen leider nicht teilnehmen. Etwas neidisch warten sie auf das Ende der Gruselführung, werden aber als Entschädigung von den Frauen des Trachtenbundes bewirtet.

Respektvoll schleichen die Kinder durch das Museum. Hinter jeder Ecke kann ein Gespenst lauern.
Respektvoll schleichen die Kinder durch das Museum. Hinter jeder Ecke kann ein Gespenst lauern. | Bild: Christopher Rieck

Im ersten Stock haben derweil die ersten Gespenster ihren Auftritt. Der Diener des mittelalterlichen Arztes Reichlin von Meldegg treibt als Geist noch heute sein Unwesen und denkt laut über die alten Zeiten nach, als das imposante Gebäude erbaut wurde, bevor ein weiteres Gespenst, eine schimpfende Magd, ihn mit einigen Rutenschlägen in die Flucht treibt.

Rundgang zwischen Überlinger Geistern

Mucksmäuschenstill sitzen die Kinder in den Ecken. Sie können von den Geistern nicht gesehen werden, denn alle Kinder sind sitzend kleiner als einen Meter. Leise schleicht die Gruppe weiter und trifft auf den schwedischen General Horn, der darüber schimpft, dass er die Stadt Überlingen nicht erobern konnte, weil unter anderem der Ratsherr Johann Heinrich von Pflummern ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.

Der schwedische General Gustav Horn belagerte Überlingen 1634. Sein Gespenst ärgert sich noch heute, dass er die Stadt nicht erobern konnte.
Der schwedische General Gustav Horn belagerte Überlingen 1634. Sein Gespenst ärgert sich noch heute, dass er die Stadt nicht erobern konnte. | Bild: Christopher Rieck

Vieles erfahren die Kinder während dieser spannenden Führung: Jörg Zürn bestaunt sein eigenes Werk, den Hochaltar im Überlinger Münster. Sich selber hat er als Hirtenfigur mit Hut ebenfalls im Altar verewigt. Klirrend fällt ein Schlüssel zu Boden, das Gespenst des Jörg Zürn hat ihn verloren. Tanja Kaiser hebt ihn auf und probiert ihn an verschiedenen Türen, aber erst an einer großen Schatzkiste hat sie Erfolg. Die Goldtaler darin haben Schokoladenfüllung. Jedes Kind bekommt so eine Nervenstärkung.

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Das Gespenst des Narrenvaters, das eine frappierende Ähnlichkeit mit dem tatsächlichen Narrenvater Thomas Pross aufweist, taucht auf. Es packt ein kleines Hänsele, das zwischen all den lebensgroßen Puppen sein Unwesen treibt. Kann es sein, dass sich ein Mädchen unter dem Häs verbirgt? Unmöglich! Das Gespenst stellt klar: "Das Hänsele symbolisiert den Tod und dieser ist männlich. Für die Mädchen gibt es ja die Überlinger Löwen." "Aber", so erwidert das freche Hänsele, "der Löwe ist doch auch männlich." Egal – das Narrenvatergespenst packt das Hänsele, um es in den Hänselebrunnen zu werfen, denn so ergeht es allen weiblichen Wesen, die unter dem Hänselehäs erwischt werden.

Museumsführung mit viel Stadtgeschichte

Bei der ungewöhnlichen Museumsführung erfahren die Kinder auch, dass die alte Tradition der Überlinger Trachten zur Wiedereröffnung des Münsters 1924 wiederbelebt wurde, oder dass die Schwerttanzkompanie auf ein Privileg des Kaisers zurückgeht. Der genaue Ursprung liegt im Dunkeln, doch 100 Soldaten mussten dem Kaiser für einen Krieg zur Verfügung gestellt werden. Während 99 von ihnen am Abend vor der Schlacht einem Gottesdienst beiwohnten, vergnügte sich der hundertste Soldat lieber in einer Gastwirtschaft. Eben dieser war es, der dann als Einziger im Kampf fiel und seither als Hänsele seinen Platz im Schwerttanz einnimmt. Das Gespenst des Kommandanten der Kompanie, auch er gleicht dem tatsächlichen 1. Platzmeister Friedolin Zugmantel aufs Haar, berichtet von dieser Tradition im Zwiegespräch mit dem Hänsele, bevor er dieses mit blankem Säbel vertreibt.

Die Kinder schleichen hinter ihren Führerinnen durchs Treppenhaus, vorbei am schaurigen Vampir, zum Ausgang. Hier werden sie von ihren Eltern bereits erwartet. "Puh, das war ganz schön gruselig", hört man Kinder berichten. "Ich hatte gar keine Angst", tönen andere, die wenige Minuten zuvor noch sehr respektvoll ihren Kopf eingezogen hatten, wenn sie auf eines der Gespenster trafen, die so viel Spannendes und Informatives mit den Kindern zu teilen hatten.

Mona und Pia (von links) stärken sich nach der spannenden Führung mit einem Kinderpunsch im gruselig geschmückten Museumsgarten. "Der Vampir war besonders fürchterlich. Ich hätte nicht gedacht, dass es so gruselig wird", berichtet Pia. "Es war spannend, was die Gespenster erzählt haben. Mir haben die Trachten besonders gefallen", ergänzt Mona. "Ich habe sie schon bei der Schwedenprozession gesehen, aber sie sind noch viel älter, als ich dachte."
Mona und Pia (von links) stärken sich nach der spannenden Führung mit einem Kinderpunsch im gruselig geschmückten Museumsgarten. "Der Vampir war besonders fürchterlich. Ich hätte nicht gedacht, dass es so gruselig wird", berichtet Pia. "Es war spannend, was die Gespenster erzählt haben. Mir haben die Trachten besonders gefallen", ergänzt Mona. "Ich habe sie schon bei der Schwedenprozession gesehen, aber sie sind noch viel älter, als ich dachte." | Bild: Christopher Rieck

Bozena und Peter Graubach leiteten die Veranstaltung, die in diesem Jahr bereits zum vierten Mal stattfand. Pate steht der Film "Nachts im Museum", berichtet Bozena Graubach. 25 Helferinnen und Helfer hatten sie gewinnen können, die sich als Schauspieler, Kassierer, Schminkende, Gruppenführer und Bewirtende engagierten.

Alle zwei Jahre gibt es eine neue Auflage. Wer die Museumsnacht verpasst hat, kann sich auf 2020 freuen: Neben dem Narrentag, der Landesgartenschau und dem Stadtjubiläum gibt es in jenem turbulentem Jahr eine weitere Auflage von "Nachts im Museum".