Im Distrikt Eichholz knattern die Kettensägen. Zu hören ist das dumpfe Geräusch, das erklingt, wenn ein Baumriese zu Boden fällt. Dann kehrt wieder Stille ein, die auffliegenden Vögel zwitschern. Douglasien, Tannen, Buchen: Der Staatsforst zwischen Überlingen-Bambergen und Ernatsreute wird derzeit durchforstet.

In Überlingen genießt der Schutz von Bäumen eine hohe Priorität, und so wundert es nicht, dass die Forstarbeiten zu kritischen Nachfragen führen: Dürfen die das überhaupt? Es ist doch schon März, herrscht ab März nicht zum Schutz von Brutvögeln ein Fällverbot?

Richtig, zwischen März und Oktober dürfen Bäume in Parks und Privatgärten zum Artenschutz nicht gefällt werden. Dieses Verbot gilt allerdings nicht für Waldflächen. Darauf weist Michael Strütt hin, Forstamtsleiter im Bodenseekreis. Auf Anfrage teilte er mit: "Die Maßnahme im Eichholz erfolgte planmäßige gemäß der mittelfristigen Forsteinrichtungsplanung von 2017. Im Wald gilt die Einschränkung von Baumfällarbeiten nach Naturschutzrecht nicht."

Verboten im Stadtpark, rechtmäßig aber im Wald: Dieser Unterschied führe regelmäßig zu Missverständnissen. Zur Begründung, warum im Wald auch während der Vogelbrutzeit Bäume abgeholzt werden darf, wird angeführt, dass es im Wald – im Gegensatz zu Gärten – langjährige Ruhephasen gebe, in denen kein Baum gefällt wird. Damit komme es viel seltener zu Störungen der Tiere. Während beim Beschnitt von Gehölzen im Garten die Tiere oft keine Alternative fänden, gebe es im Wald ausreichend alternative Brut- und Nistplätze.

Wie Forstamtsleiter Michael Strütt erklärt, gebe es im Staatswald von Baden-Württemberg ein Alt- und Totholz-Konzept. Es diene vorsorglich dazu, die Tierarten zu schützen. Dieses Konzept bestehe aus zwei Säulen. Einerseits bilde man Baumgruppen (Habitatgruppen), die dem natürlichen Zerfall überlassen werden, und zwar Gruppen von mindestens 15 Bäumen auf jeweils drei Hektar Fläche. Andererseits würden so genannte "Waldrefugien" ausgewiesen. Das seien Flächen von einem bis drei Hektar Größe, die aus der Bewirtschaftung herausgenommen würden und ebenfalls der natürlichen Entwicklung überlassen werden, so Strütt. Im Bereich des Holzeinschlages im Eichholz seien aktuell drei Habitatbaumgruppe angelegt, erkennbar an weißen Wellenlinien.

Ökoflächen im Wald

Im gesamten Staatswald des Bodenseekreises gebe es auf rund 3800 Hektar Fläche folgende Schutzzonen: 536 Habitatbaumgruppen, angelegt zwischen 2010 und 2016. 105 Hektar an Waldrefugien, (Schwerpunkt Tettnanger Wald). Das teilte das Landratsamt des Bodenseekreises mit. Außerdem gebe es 36 Hektar Bannwald im Kohltobel, Deggenhausertal. Das heißt, 4,4 Prozent der Waldfläche des Landes im Bodenseekreis dienten ausschließlich dem Naturschutz und würden nicht mehr bewirtschaftet. Dazu kommen weitere nur extensiv bewirtschaftete Waldflächen und Biotopflächen im Wald von mehr als 50 Hektar. Soweit bis 2020 alle Habitatbaumgruppen angelegt sind, ergebe sich eine "Flächenstillung" im Wald aus Naturschutzgründen von etwa sechs Prozent der Gesamtfläche des Staatswaldes.