Die Diskussion um die Stilllegung des Wasserkraftwerks in Überlingen geht in die nächste Runde. Gemeinderat Roland Biniossek (Die Linke) kündigte gestern öffentlich an, dass er den Antrag stellen werde, den Stilllegungsbeschluss rückgängig zu machen. Den Beschluss hatte zwar nicht der Gemeinderat gefällt gehabt, sondern der Aufsichtsrat des Stadtwerks am See. Doch will Biniossek erreichen, dass der zu Teilen von Gemeinderäten besetzte Aufsichtsrat "aufgefordert" wird, "seinen Beschluss zur Stilllegung des Wasserrohrs vom Andelshofer Weiher zur Stromturbinen-Anlage am Mantelhafen zurückzunehmen und nach Sanierung der Leitung die Stromerzeugung wieder anzufahren."

Bereits in der vergangenen Sitzung des Gemeinderats gab es einen von Marga Lenski, Fraktionssprecherin von LBU/Die Grünen, eingebrachten Antrag, die Verfüllung der Druckleitung vom Andelshofer Weiher zum Turbinenhaus nicht mit Beton, sondern mit Kies vorzunehmen, um dies eventuell irgendwann einmal rückgängig machen zu können. SPD, FWV/ÜfA und CDU unterstützen laut Lenski den Antrag, auch die FDP erklärte sich in der Sitzung solidarisch mit dem Vorstoß. Die Aufgabe der Wasserkraft und die Verfüllung der Leitung mit Beton hatte der Aufsichtsrat des Stadtwerks am See 2017 mit Verweis auf Wirtschaftlichkeits- und Sicherheitsgründe beschlossen und die erforderlichen Investitionen auf mindestens drei Millionen Euro beziffert.

„Wir sind der Überzeugung, dass die Druckleitung vom Andelshofer Weiher zum Turbinenhaus nicht unumkehrbar mit Beton verfüllt werden darf“, trug Lenski nun vor. Es gebe „alternative Verfüllmethoden“, die ebenso für Sicherheit sorgten, aber für die Zukunft noch offen ließen, ob die Leitung saniert wird oder nicht. Der Gemeinderat möge dieses Anliegen in geeigneter Form und zeitnah, bevor unumkehrbare Maßnahmen ergriffen worden seien, in das verantwortliche Gremium der SWSee GmbH einbringen.

Die wirtschaftlichen Aspekte und die Sicherheitsprobleme seien zwar nachvollziehbar, begründete Lenski den Antrag. „Nicht nachvollziehbar ist jedoch die endgültige Stilllegung ohne jede Notwendigkeit.“ Eine Verfüllung mit Kies wäre genauso sicher, argumentierte sie, und von Aufwand und Kosten her „sicher nicht teurer“. Dafür könnte sie wieder rückgängig gemacht werden und lasse die Möglichkeit einer späteren Sanierung der Leitung und den Betrieb eines Pumpspeicherkraftwerks offen.

Oberbürgermeister Jan Zeitler sagte, dass der Antrag bei ihm auf "völliges Unverständnis" stoße. Zeitler: „Ich nehme den Antrag mal so entgegen.“

Auf Anfrage argumentierte das Stadtwerk am See: „Wir haben durch ein unabhängiges Institut verschiedene Möglichkeiten prüfen lassen“, so Pressesprecher Sebastian Dix: „Dessen Empfehlungen sind wir gefolgt.“ Dies gelte auch für die Technik der Stilllegung und Sicherung der Leitung. Die unternehmerische Entscheidung sei in allen zuständigen Gremien so gefällt worden, sagt Dix: „Für uns ist die Sache damit erledigt.“

Was die ökologische Stromerzeugung angeht, so generiere das Stadtwerk am See an anderer Stelle und auf andere Weise „das Zigfache“ dessen, was man mit der Kapazität an Wasserkraft hätte erzielen können. So sei das Stadtwerk nicht nur am Solarpark Eigeltingen beteiligt, am geplanten Windpark Länge von Solarcomplex bei Donaueschingen, sondern auch am Windpark Amtenhausener Berg bei Immendingen. Dieser ging im März im Beisein von OB Jan Zeitler, Aufsichtsratsvorsitzender des Stadtwerks am See, in Betrieb.

Andele bis Mantelhafen

1923 wurde das Wasserkraftwerk von der Stadt gebaut, zur Versorgung Überlingens mit Elektrizität. Als Wasserspeicher wurde der Andelshofer Weiher (genannt Andele) genutzt, der 1922 bis 1924 als Stausee angelegt wurde. Die rund 2400 Meter lange Fallleitung überbrückt rund 110 Höhenmeter. Dem Flächennutzungsplan ist eine mutmaßliche Trasse zu entnehmen (siehe Karte). Auf Anfrage ans Stadtwerk am See, wo die Leitung exakt verläuft, und mit welchen Betretungsrechten der Eigentümer der Leitung ausgestattet ist, antwortete die Pressestelle des Stadtwerks: "Wir können keine Karte zum Verlauf der Leitung zur Verfügung stellen. Auskunft zu Grunddienstbarkeiten – ebenso wie zu Grundbuchsachen – dürfen wir nicht geben.“