„Politik in der Kirche?“, hatte ein Gottesdienstbesucher nach der Ankündigung eines Podiumsgesprächs zur Europawahl wenige Tage zuvor verdutzt gefragt. Doch die drei Themenbereiche, die Dekanin Regine Klusmann als Moderatorin für die Veranstaltung in der Auferstehungskirche ausgewählt hatte, sprachen für sich: Frieden, soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, unter der sie auch die Stabilisierung des Weltklimas subsumierte.

Grafik zum Wandel des Weltklimas

Eine einzige Grafik, die dessen Entwicklung in jüngster Zeit mit dem Wandel der Farbe von Blau nach Rot symbolisierte, unterstrich die Brisanz der Veränderungen und der Herausforderungen an die Politik.

Schon Bonhoeffer machte sich 1934 für internationale Zusammenarbeit stark

Noch ein weiteres theologisches Fundament schickte Klusmann („Warum machen wir das?“) der Diskussion vorweg: Schon 1934 habe sich Dietrich Bonhoeffer bei der ersten ökumenischen Konferenz in Skandinavien für eine internationale Zusammenarbeit stark gemacht. Nicht zuletzt darin seien wohl auch die Wurzeln seines Widerstandes zu suchen.

Internationale Begegnungen pflegen

Klusmann: „Wer den Frieden will, der muss die internationalen Begegnungen und Kontakte mit anderen Nationalitäten pflegen.“ Auch für die Kirchen sei es wichtig, über die Grenzen zu blicken und die gemeinsamen Werte über wachsende nationale Egoismen hinweg zu erhalten. Die Bewahrung von Demokratie und Schöpfung nannte Klusmann in einem Atemzug.

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Wie dies am besten geht, darüber tauschten sich bei dem Podium aus: die CDU-Abgeordnete im Europäischen Parlament Christine Jerabek, der früherer Landtagsabgeordnete Hans-Peter Wetzel (FDP) sowie die drei Kandidaten für die Wahl zum Europäischen Parlament, Dieter Heidtmann (SPD), Wolfgang Wettach (Bündnis 90/Grüne) und Heidi Scharf (Linke).

Klimapolitik: besser international oder national?

Mehr oder weniger deutlich gingen die Akzente auseinander, wo bei der Klimapolitik anzusetzen sei. „Klima- und Umweltpolitik kann man nur international betreiben“, erklärte Hans-Peter Wetzel (FDP). Dennoch sei es gut und wichtig, wenn Deutschland hier Vorreiter sei. Doch allein könne es kaum etwas bewegen. Den Blick auf den Verkehr richtete Christine Jerabek (CDU).

Kritik an Autoherstellern

Sie kritisierte das „kriminelle Management“ bei den Autoherstellern. Dennoch setze sie gerade in Deutschland bei den entscheidenden Verbesserungen nach wie vor auf den technischen Fortschritt und intelligente Systeme. Trotz mancher Alternativen wisse „jeder im ländlichen Raum, dass er um das Auto nicht herumkommt“.

Europäischer Mindestlohn?

Deutliche Unterschiede waren beim Thema soziale Gerechtigkeit auszumachen, wo sich Scharf, Wettach und Heidtmann mit unterschiedlichen Nuancen für einen europäischen Mindestlohn und eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung stark machten, während Jerabek und Wetzel hier auf die Bremse traten.

"Best Practice" bei Ausbildung und Bildung austauschen

Für wichtiger hielten sie es, Knowhow und „Best Practice“ bei Ausbildung und Bildung auszutauschen, insbesondere bei der beruflichen Bildung und dem dualen System.

Dekanin: Konflikte zivil, nachhaltig und politisch lösen

„Jaget dem Frieden nach“ zitierte Dekanin Klusmann die Jahreslosung und verwies auf den Appell der Landeskirche an die europäischen Parteien, „statt Militär und Rüstung aufzubauen, Konflikte zivil, nachhaltig und politisch zu lösen“. Christine Jerabek verwies auf die Menschenrechte und ihre persönlichen Erfahrungen während des Balkankriegs. Manchmal sei es einfach erforderlich, „militärisch Ordnung zu schaffen“, wenn die politischen Bemühungen zuvor gescheitert seien. Jerabek betonte jedoch auch: „Militär schafft keinen Frieden.“

Für und Wider einer europäischen Armee

Während sich Heidi Scharf (Linke) grundsätzlich gegen eine europäische Armee aussprach, konnten Wolfgang Wettach (Grüne) und Dieter Heidtmann (SPD) diesem Ziel durchaus etwas abgewinnen – allerdings nur mit defensiver Ausrichtung. Heidtmann: „Es müsste eine friedliche Schutzarmee sein.“ Vor diesem Hintergrund zeigte sich Wolfgang Wettach angetan von den Thesen „Sicherheit neu denken“ der badischen Landeskirche. Dass Christine Jerabek (CDU) der Europäischen Union den „Export von Menschenrechten“ als Markenkern zuschrieb, stellten manche Zuhörer noch beim Hinausgehen infrage und konfrontierten die EU-Abgeordnete mit der Toleranz der Europäischen Volkspartei (EVP) gegenüber Viktor Orban in Ungarn.