Eines versteht die große alte Dame der Überlinger Fasnet und großartige Büttenrednerin Anny Hamm als Fasnachterin ganz genau: Wie es sich für "ne echte Kölsche Jecke" anfühlen muss, am Rosenmontag in Überlingen und nicht am Rhein zu sein. Merle Rueffer, Produktionsleiterin und Kölnerin, tat es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sie war mit ihrem Team sowie Kamera- und Tontechnik an den Bodensee geeilt, um jene Fasnachterin zu filmen, Anny Hamm. "Ja, jetzt verpasse ich de Zuch, aber das Renker bietet uns auch eine herrlich fasnachtliche Kulisse, überhaupt ist Überlingen eine filmisch fantastische Kulisse", schwärmte die Kölnerin und fügte hinzu: "Aber wir sind natürlich wegen Frau Hamm hier."

Im vergangenen Jahr meldete sich die Dokumentarfilm-Produktion "Fruitmarket" aus Köln bei Anny Hamm. Durch einen Artikel im SÜDKURIER aufmerksam geworden, schlugen sie der alten Dame eine Hauptrolle im Kinofilm "Century of Women", das Jahrhundert der Frauen, vor. Anny Hamm sagte spontan zu und vereinbart wurde als erster Filmdreh die Rosenmontagsfasnacht im Überlinger Weinhaus Renker. Das Filmteam kommt zu einer weiteren Aufnahme von Anny Hamm mit großem Team, Übertragungswagen, Maskenbildnerin und mit dem Regisseur Ulrich Gaulke dann noch einmal Anfang des nächsten Jahres nach Überlingen. "Wir haben aber alle Sequenzen im Renker sauber – das heißt, filmreif gedreht", erklärte Rueffer.

Anny Hamms Büttenrede, die sie zum dritten Mal im Renker hielt, ist mittlerweile nicht nur für das Kölner Filmteam ein echter Geheimtipp. So war bei strahlendem Sonnenschein das närrische Überlingen gen Renker gezogen, um dort geduldig auf Einlass zu warten. Die Renkerin hatte alles im Griff und verteilte das Narrenvolk so geschickt, dass jeder Narr einen guten Platz mit Blick auf die Hauptattraktion erhielt. Der SÜDKURIER verteilte Orden. "Über den habe ich mich so sehr gefreut, den zeige ich meinen Kindern", sagte Anny Hamm gerührt. Einen wahrhaft stimmgewaltigen und besonders herzlichen Empfang mit Narri-Narro und Kölle Alaaf bereitete das Publikum, verstärkt von den Damen vom "Wieber Allefanz", der Büttenrednerin, die als "Wetterfee" in den Renker gekommen war. Als diese aus der schwarzen Limousine stieg, flankiert von Kamera und Mikrofon, da hatte die Szenerie etwas von Hollywood. Auf die Frage, ob sie denn jetzt Starallüren habe, lachte Anny Hamm und meinte verschmitzt: "Ich bin immer noch einfach die Anny, aber ich fühle mich doch geehrt."

Für ihre pointierte Rede, die nichts aus dem Überlinger Stadtgeschehen des vergangenen Jahres ausließ, "...und 2016 fandet Alt und Jung, mir bruchet Luftveränderung, bi dä OB-Wahl gond mer wieder uf Start – und wählet ä neue Wetterkart...", findet Hamm genug Stoff in ihrer Lokalzeitung, wie sie erklärte und versetzte dieser auch gleich einen gut gemeinten Seitenhieb: "Und gucket die Leit etzt in SÜDKURIER nei, sind die Bildle so leer und die Fotos so klei, etzt bläret so manch Bürger is Kisse, denn das Lächeln der Ex-Chefin dond se vermisse.

.." Mucksmäuschenstill war es im Weinhaus während Anny Hamms Rede. Unterbrochen natürlich durch immer wieder aufbrandenden Applaus, den das Filmteam, wie Rueffer betonte, als Livekulisse gerne aufnahm. Es wäre dem Regisseur ganz besonders wichtig, dass seine Hauptdarstellerinnen, alles Frauen im gesegneten Alter über 100 Jahre, vor allem Lebensgeist und Charme versprühten. Rueffer betonte, dies sei bei Anny Hamm gegeben, verbunden mit einer unglaublichen Leichtigkeit und bezeichnete diese als politischen Leuchtturm von Überlingen.

Tränen der Rührung flossen bei der Wirtin: "Dass Sie, liebe Frau Hamm, in mein kleines Lokal kommen, das haut mich um." Nach dem Renker ging es dann für Anny Hamm schnurstracks zum See, um auf der Bareselinsel im Abendrot für den letzten Dreh zu posieren. Das strenge Programm hat die alte Dame bestens weggesteckt und so antwortete sie am Dienstag auf die Frage, ob ihr der Filmstart 2019 Kopfzerbrechen mache: "So Gott will, erlebe ich das. Ich hoffe, dass der Film etwas früher kommt, aber was ich jetzt erlebt habe, das bleibt mir – und das ist doch schön."

Die Produktion

Ulrich Gaulke, der Berliner Regisseur des Kinofilms "Century of Women", konnte beim Dreh in Überlingen nicht dabei sein. Er ist derzeit in Hollywood bei Dreharbeiten in einem Altenheim zu seinem Film "The Show must go on". Bevor sein Film "Century of Women" mit Anny Hamm in die Kinos kommt, muss die Produktionsfirma "Fruitmarket" erst einmal für die Finanzierung sorgen. Dabei sind die Landesförderanstalten behilflich. Die Kosten für einen solchen Film liegen meist bei über 1 Million Euro, erklärt Merle Rueffer von "Fruitmarket". Die Kosten für einen Tatort liegen meist darüber. Gedreht wird in Indien, Japan, den USA und auf Cuba, dort leben Anny Hamms vier "Filmpartnerinnen". Der Film erzählt die Entwicklung der Frauen in den vergangenen 100 Jahren.

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