Der Kulturverein Überlingen veranstaltet nun schon zum dritten Mal zusammen mit der Schauspielerin Johanna Wolf eine Lesung im Foyer der Kunstakademie mit Büchern der jeweils aktuellen Literaturnobelpreisträger. Das Buch der 2015 mit dem Preis ausgezeichneten Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, „Tschernobyl, eine Chronik der Zukunft“, nimmt eine zentrale Rolle im literarischen Gesamtwerk der Autorin ein. So mancher Besucher sah sich beklemmend zurückversetzt in das Jahr 1986, als die radioaktive Wolke auch auf unserem Gebiet niederging.

Das Buch ist kein Roman, keine Erzählung. Distanzlos greift der Text mitten hinein in das damalige Geschehen, besteht zu einem großen Teil aus Interviews mit Betroffenen, Bauern, Soldaten, Müttern, authentisch, hautnah, unterlegt mit eigenen Gedanken der Schriftstellerin in Form eines ausführlichen Prologs. Für sie ist Tschernobyl mehr als nur ein Unfall, es ist ein „Riss in der Zeit“, eine Explosion bisheriger Wertvorstellungen von Leben und Tod“, eine „Bankrotterklärung des Menschen als Verwalter dieser Welt“.

Zu Wort kommen die einfachen Menschen, „die Sandkörner dieser Welt“, ein Feuerwehrmann der ersten Stunde, der völlig ungeschützt an die „Atomfront“ geschickt wird, eine junge Frau, die ihren sterbenden Ehemann nicht mehr berühren darf, eine Mutter, die am Bett ihrer missgebildet zur Welt gekommenen Tochter sitzt, ein Bauer, der sich weigert, den Ernst der Lage zu akzeptieren oder ein Soldat, abkommandiert ins Zentrum der Katastrophe, der sich als Held fühlt.

So manches Interview hat Johanna Wolf bewusst nicht vorgelesen, zu privat, zu intim und zu bestürzend. Im Prolog analysiert die Schriftstellerin mit Scharfsinn und ohne zu beschönigen die Folgen dieser Katastrophe für die Menschheit. Sie spricht von „spurlosen Spuren des Todes“, Erlebnisse und Berichte der Betroffenen nennt sie „Blackboxes“, untrügliche Aufzeichnungen einer erschreckenden Realität. Nach Tschernobyl ist nichts mehr wie vorher, der Feind trägt keine Waffen, kommt lautlos und unausweichlich, ein neuer, totalitärer Todesbegriff ist entstanden und dennoch existiert immer noch dieser Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik, an die Vernunft und moralische Qualität des Menschen, selbst nach Fukushima – und der „Sarkophag“ von Tschernobyl ist zum Ziel touristischer Führungen verkommen. „Wenn man den Glauben an die Regierung verliert, wird man zum Mittäter“, sagt ein Parteifunktionär in einem Interview. Viele sind daran zerbrochen, haben resigniert und schauen einfach weg, andere kämpfen an der Seite der Atomkraftgegner. „Die Erde ist klein geworden und unsere Zeit geschrumpft angesichts der Halbwertzeit atomarer Strahlung, es gibt nur noch Liebe oder Tod, Vergangenheit weicht einer unbekannten Gegenwart“, formuliert Svetlana Alexijewitsch.