Herr Burger, Herr Fritz, in den vergangenen 35 Jahren hat sich die Stimmung am Ratstisch und in der Stadt sicherlich sehr häufig gewandelt. Was war denn in Ihrer beider Anfangszeit der größte Gegensatz zu heute?

Fritz: Die Fronten waren viel, viel härter.

Burger: Ich galt damals als dezidierter Linker, auch innerhalb der SPD. Damals war die Situation innerhalb des Rates sehr polarisiert: einerseits waren da wir, andererseits die sehr traditionellen Kräfte.

Und Sie haben diese Polarisierung als junger Stadtrat verstärkt?

Burger: Oh ja, ich habe das auch zugespitzt, diesen politischen Kampf auf der politischen Bühne.

Fritz: Wir waren damals noch sehr im Bewusstsein der Fronten und haben sie gepflegt. Aber das haben auch die Altvorderen gemacht, die haben ein gewisses Auseinandersetzen draufgehabt, ich selbst war gerade mal 40 Jahre alt und habe mich am Anfang eher zurückgehalten. Aber es war damals auch ganz anders durch die unechte Teilortswahl, dadurch war die CDU ganz groß, wenn wir geschlossen gestimmt haben, konnten wir alles durchsetzen, was natürlich auch einen gewissen Druck bedeutete.

Burger: Es war damals sogar so, dass man etwas bekämpft hat, was gar nicht so schlecht war, nur, weil es von der anderen Gruppe kam. Das waren Spielchen, wirklich dumme Spielchen.

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Blieb der Zwist denn damals am Ratstisch oder ging das auch in die persönliche Ebene? Hat man die Straßenseite gewechselt, wenn man den politischen Gegner traf?

Fritz: Nein, so weit würde ich nicht sagen, aber man wollte nicht viel miteinander zu tun haben und ging sich aus dem Weg.

Burger: Doch. Ich habe das auch überhöht zum Klassenkampf. Ich habe den linken Flügelmann gegeben.

Eine literarische Figur, ein Theaterstück? Die Romantik im Politischen?

Burger: Ja, doch, so kann man das nennen.

Sie sprechen beide in der Vergangenheitsform, sitzen hier friedlich miteinander am Tisch, wenn man Sie beiden in den vergangenen Jahren erlebt hat, machten Sie nicht den Eindruck erbitterter Kontrahenten, da gab es andere Streithähne, die weit mehr im Gedächtnis blieben.

Burger: Ja, das hat sich im Laufe der Jahre tatsächlich positiv verändert, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass man sich näher kennenlernte, dass die Akteure sich kennenlernten, dass die Oberbürgermeister nicht mehr so sehr Exponenten einer Richtung waren.

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Ebersbach als SPD-Mann?

Burger: Ja, wobei er ja auch weit in die Kreise der CDU Anhänger hatte: Den langjährigen CDU-Heroen Anton Wilhelm Schelle hat er vom Thorn gestürzt und das war frech. Schelle ist nach 21 Jahren abgewählt worden, das hätte kein Mensch gedacht.

Fritz: Es war ja sogar am Wahlabend schon die Stadtmusik auf dem Weg zu Schelle, die wussten ja gar nicht, wo Ebersbach wohnt. Die waren sicher, dass Schelle wieder OB ist.

Burger: Ebersbach hatte 32 Stimmen mehr.

Und diese Empörung kam dann mit an den Ratstisch?

Burger: Ja. Aber dann gab es eine immer bessere Kooperation zwischen den Fraktionen. Es gab Aufeinanderzubewegungen.

War das eine lineare Entwicklung? Würden Sie sagen, die Fraktionen am Ratstisch haben sich in den vergangenen 35 Jahren konstant aufeinander zubewegt?

Fritz: Mit einigen bekannten Ausnahmefällen.

Biniossek?

Fritz: Biniossek.

Burger: Aber immer wenn die OB-Wahlen anstanden, gab es auch wieder Zuspitzungen. Da waren wir auf einmal wieder in Konfrontation und haben misstrauisch gegeneinander agiert.

Auch Sie beide? Persönlich?

Fritz: Doch.

Burger: Ja, wir beide. Und danach sind wir wieder aufeinander zugegangen.

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Können Sie einen Moment ausmachen, an dem sich das Miteinander am Ratstisch entscheidend verändert hat?

Fritz: Aus meiner Sicht war die Abschaffung der unechten Teilortswahl entscheidend, da waren wir als CDU plötzlich halbiert, da mussten wir uns ganz neu orientieren.

Der mächtige Gegner war nicht mehr so mächtig, also musste man ihn auch nicht so scharf angreifen? Seither haben sich ja zahlreiche neue Gruppierungen gebildet, immer mehr Fraktionen sitzen am Ratstisch.

Burger: Ja, wie im letzten Gemeinderat, fünf, sechs Gruppierungen.

Fritz: Der Trend ging immer weiter in immer kleinere Gruppen. Und damit entstand ein immer größerer Zwang zur Kompromissfindung.

Burger: Wenn auch nur ein Besenstiel für die AfD kandidiert hätte, er wäre gewählt worden.

Lähmt es, wenn am Ratstisch so viele Fraktionen, respektive so viele Meinungen vertreten sind? Oder schafft es im Gegenteil ein buntes und differenziertes Bild?

Burger: Manchmal lähmt es. Und Entscheidungen, die man nicht wirklich will, werden vertagt und vertagt und vertagt.

Fritz: Die Tonlage ist nicht mehr kämpferisch.

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Woran liegt das?

Burger: Daran, dass die Verwaltung zu viele Dinge schon vorentscheidet.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Burger: Die alljährliche Debatte über den Haushaltsplan. Das war das Königsrecht der Gemeinderäte, das war die große Stunde der Fraktionsführer, es gab einen Katalog der Programmpunkte, jeder hat sich für ein Thema stark gemacht. Die Vorhaben für die Haushaltspläne waren offener, heute ist das alles so differenziert, dass sich keiner traut, auch nur an einem Eck zu ziehen. Haushaltspläne sind heute so alternativlos, so komplex.

Bedauern Sie das?

Burger: Ja.

Fritz: In gewisser Weise schon.

Bedeutet das, dass der Gemeinderat an Bedeutung verloren hat?

Burger: Ja, das glaube ich schon.

Fritz: Ja, weil die Verwaltung schon vorentschieden hat und Gegenvorschläge oft aufgrund der Fülle von Fakten nicht zu bewältigen sind.

Aber dennoch wird ja gestritten?

Fritz: Also, früher, da hat man sich miteinander gezofft, aber man hätte nicht ständig Dienstaufsichtsbeschwerden ans Regierungspräsidium geschickt.

Burger: Man wäre gar nicht auf die Idee gekommen.

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Sehnen Sie sich denn nach der guten alten Zeit der Kontroversen zurück? Oder besser: Würden Sie sich zurücksehnen, wenn Sie noch am Ratstisch säßen?

Fritz: Naja, es gibt ja noch einen Rest und das ist die innerstädtische Verkehrspolitik.

Burger: Und da bin ich wirklich ermüdet. Immer nur diese kleinen Schritte und diese Testphasen. Seit Jahrzehnten!

Gab es denn in den vergangenen 35 Jahren eine Kontroverse oder ein Thema, das Ihre Beziehung zueinander nachhaltig verändert hat?

Burger: Die Kurhausdebatte. Wir waren uns einig und dadurch ist dann die außerparlamentarische Opposition entstanden, die zur LBU wurde. Und auch bei Therme und Gartenschau war das so. Die wirklich großen Projekte haben wir zusammen betrieben, Seite an Seite. Da hat sich dann eine neue Kultur der Gemeinsamkeit entwickelt und an den Rändern sind die Oppositionen entstanden, die LBU, die BÜB.

Fritz: Und genau da hat der Prozess der Zersplitterung begonnen und ist bis dato vorangeschritten.

Ebersbach, Patzel, Weber, Becker, Zeitler: Fünf Oberbürgermeister haben Sie erlebt. Würden Sie sagen, dass die Stadtoberhäupter Einfluss auf die Stimmung am Ratstisch hatten? Haben sie Sie geprägt?

Burger: Jeder hatte einen anderen Stil, einen anderen Charakter, das sicher. Aber haben sie uns geprägt?

Fritz: Nein.

Burger: Nein, nein, sie haben uns nicht geprägt.

Fritz: Keiner von ihnen.

Burger: Das waren Prozesse, die von selber abliefen.

Fällt es Ihnen schwer, zu gehen, nach dieser langen Zeit als politische Menschen? Und werden Sie nicht genau das bleiben? Politische Menschen?

Burger: Nein, es fällt mir nicht schwer und ich werde mich auch nicht einmischen. Ich werde auch nicht zu den Fraktionssitzungen gehen, allenfalls zu den Mitgliederversammlungen. Und vielleicht auch Aufgaben übernehmen. Irgendwann zum Beispiel durch die Führung der Parteikasse. Das ist die Aufgabe eines elder statesman.

Fritz: Das Wort würde ich auch für mich in Anspruch nehmen: elder statesman.

Sie saßen mehr als drei Jahrzehnte miteinander am Ratstisch. Sie waren – oder sind – beide Pädagogen. Sie haben beide einen engen Bezug zu Israel. Sie waren beide Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Und besonders gern sind Sie beide auf runde Geburtstage gegangen, weil Sie sie sich für die Leben der Jubilare interessierten. Und selbst politisch haben Sie manchmal Seite an Seite gekämpft. Was bleibt denn da nach einer solch langen Zeit gemeinsam? Wie würden Sie das benennen?

Burger: Es ist ein einander Ernst nehmen, ein einander Zuhören,

Fritz: Die persönliche Ebene hat sich absolut verändert, auch deshalb, weil wir viele gemeinsame Dinge hatten, gerade im Bereich der Jugendarbeit. Die Schärfe ist rausgegangen. Es ist Wertschätzung.