Überlingen – Mit Bedauern hat das Theater Konstanz zur Kenntnis genommen, dass das Sommertheater in Überlingen 2019 nicht stattfindet. „Wir fragen uns, welchen Stellenwert die Kultur in Überlingen künftig haben wird“, schrieb das noch unter Christoph Nix stehende Theater in einem Brief an unsere Redaktion. Nach dem Ausscheiden des Theaters Konstanz sei das Sommertheater Überlingen „in einem Fiasko geendet“.

Christoph Nix.
Christoph Nix. | Bild: Felix Kästle, dpa

„Der Anfang vom Ende“, so das Theater, „war die Reduktion des Zuschusses von Seiten der Stadt Überlingen und ihrer ehemaligen Oberbürgermeisterin Sabine Becker von 60 000 auf 30 000 Euro als Sparmaßnahme.“ Zu Ende 2016 hatte die Stadt Überlingen den laufenden Vertrag über das Überlinger Sommertheater zwischen den Städten Überlingen und Konstanz gekündigt gehabt.

Die Kapuzinerkirche konnte 2018 nicht als Spielort genutzt werden, sie ist einsturzgefährdet. Das machte eine teure Ersatzlösung nötig.
Die Kapuzinerkirche konnte 2018 nicht als Spielort genutzt werden, sie ist einsturzgefährdet. Das machte eine teure Ersatzlösung nötig. | Bild: Hilser, Stefan

Was mit Sparmaßnahmen begründet wurde, entpuppte sich mittlerweile als eine Maßnahme, die die Kosten massiv in die Höhe trieb. Denn während die Stadt Überlingen früher 60 000 Euro bezahlte und dafür eine komplette Produktion inklusive aller Nebenkosten wie Marketing und Technik erhielt, zahlte die Stadt im vergangenen Sommer 118 000 Euro an Zuschüssen.

Blaesi: "Bin nur in die Bresche gesprungen"

Hinzu kommen, so die Rechnung, die der Somertheater-Förderverein und die Bühne gGmbH als mit der Organisation beauftragte Firma aufmachen, weitere Kosten, nämlich rund 14 000 Euro für Kartenverkaufsgebühren, Tantiemen (Gema-Gebühren) und Systemkosten. Auch diese Kosten, so Simeon Blaesi (Bühne), habe bislang Konstanz übernommen gehabt. Dass die Stadt den Vertrag mit Konstanz damals kündigte, habe er nie begrüßt, auch wenn ihm Nix vorgeworfen habe, als Organisator des neuen Sommertheaters von der Sache zu profitieren. Nein, sagt Blaesi, er sei nur in die Bresche gesprungen und habe 2018 sogar auf fast 39 000 Euro verzichtet, die für ihn und seine Firma angefallen seien.

Stadt deckelt Kosten bei 118.000 Euro

Simeon Blaesi sagt: Er habe dieses Geld der Stadt nicht in Rechnung gestellt und damit quasi für das Sommertheater ehrenamtlich gearbeitet, weil die Stadt ihre Ausgaben auf die besagten 118 000 Euro gedeckelt hatte. Wie die Stadt gestern noch einmal bestätigte, seien die realen Kosten für das Sommertheater 2018 bei 211 000 Euro gelegen (hiervon sind Kartenerlöse, Gehaltsverzicht Blaesi und Sonderkosten für die Spielstätte abzuziehen, woraus sich die 118 000 Euro für die Stadt ergeben).

Nach dem Aufbau des Kulturpavillons aus Glas im Badgarten: Die Initiatoren Reinhard A. Weigelt (links) und Simeon Blaesi.
Nach dem Aufbau des Kulturpavillons aus Glas im Badgarten: Die Initiatoren Reinhard A. Weigelt (links) und Simeon Blaesi. | Bild: Hilser, Stefan

Angesichts dieser Summen, die 2018 für die Kooperation mit den Festspielen Wangen anfielen, wundert es nicht, dass aus Konstanz eine gewisse Häme zu vernehmen ist. „Die Missachtung der künstlerischen Arbeit des Theaters Konstanz scheint sich nun selbst zu strafen“, heißt es in dem Brief aus Konstanz. Das Schreiben wurde zwar von der Pressestelle des städtischen Theaters verschickt, es darf aber angenommen werden, dass Nix den Stift führte. „Den Zuschauern war und ist bewusst, welche Kraft und welches Geld durch das Konstanzer Theater in diese Kooperation gesteckt wurde.“

Das könnte Sie auch interessieren

Von 2003 bis 2016 habe das Theater Konstanz in Überlingen „für einen lebhaften, abwechslungsreichen Theatersommer“ gesorgt. Das Theater erinnert an die Eigenproduktionen „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“, „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser oder an das Stück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer sowie Strindbergs „Fräulein Julie“. Zusammen mit den Musikabenden und dem Kinderprogramm habe das Theater einen Höhepunkt im Überlinger Kultursommer geschaffen. Wörtlich heißt es im Brief aus Konstanz: „Die Kooperation zwischen Altbürgermeister Ulrich Lutz und Intendant Professor Dr. Nix brachte Glanzzeiten hervor, seither geht es kulturell abwärts in Überlingen. Für 2019 verordnet sich die Stadt eine ‚Denkpause’ fürs Sommertheater. Traurig für die Kunst und das Theater. Wir empfinden Trauer.“

Kosten für Spielstätte

Die Stadtverwaltung bleibt nach wie vor bei ihrer Aussage: Die Kosten für die Spielstätte (Glaspavillon und damit zusammenhängende Kosten) für das Sommertheater 2018 lägen bei 54 000 Euro netto. Gestern gab die Verwaltung Einzelposten zu dieser Rechnung bekannt, wegen der Komplexität des Themas habe es mit der Beantwortung länger gedauert. Fragen waren aufgekommen, nachdem im Kulturausschuss des Gemeinderats zwar Kosten von 60 000 Euro genannt wurden, Eventmanager Reinhard Weigelt vor knapp zwei Wochen aber mitgeteilt hatte, dass er der Stadt nur 18 000 Euro für den Pavillon in Rechnung gestellt habe. Wo blieb also der Rest hängen? Die Stadt rechnete folgende Posten hinzu: Technik, Backstage, Entwicklung, Tribünenergänzung, Bühnenboden, Reinigung, Proberaum, Tantiemen und Kartenvertrieb.

Becker und Blaesi machen andere Rechnung auf

Sowohl der Förderverein Sommertheater als auch die Bühne gGmbH als die mit der Organisation beauftragte Firma haben eine andere Betrachtung. Kosten wie Tantiemen, bzw. GEMA-Gebühren, Kartenverkaufsgebühren und Reinigung dürften nicht auf die besondere Spielstätte angerechnet werden. Denn diese Kosten, so Thomas-M. Becker (Förderverein) und Simeon Blaesi (Bühne), wären auch bei einem Spielbetrieb in der Kapuzinerkirche angefallen.

Nach Ansicht von Oberbürgermeister Jan Zeitler hätte die Stadt schon 2018 auf das Sommertheater verzichten müssen. Doch hatte ihn der Gemeinderat im April 2018 überstimmt gehabt.

Das könnte Sie auch interessieren