Überlingen – "Oh Heiliger Geist, kehr bei uns ein, lass uns Deine Wohnung sein" sangen sie im Gottesdienst am Pfingstsonntag. Dekanin Regine Klusmann sprach in ihrer Predigt von isolierten Menschen ohne Orientierung und Ziel. Und auch das gesungene Geheimnis des Glaubens, dessen Text und Melodie aus einer altkirchlichen Abendmahlsliturgie aus Syrien stammen, spielte ebenfalls auf das an, was noch nach dem Gottesdienst kommen sollte.

Die evangelische Kirchengemeinde Überlingen hatte zum Gespräch zur Information und Diskussion in das Paul-Gerhardt-Haus geladen. Das Thema war die Unterbringung von Flüchtlingen im Pfarrhaus. Die Vorsitzende des Kirchengemeinderates der evangelischen Gemeinde in Überlingen, Elsie Fickenscher erinnerte an den Aufruf der evangelischen Landeskirche an ihre Gemeinden, Wohnraum für die Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang wurden früher bereits Optionen im Paul-Gerhardt-Haus geprüft, aber erfolglos.

Seit Silvia Johannes zum 1. Mai dieses Jahres in Überlingen ihr neues Amt als Pfarrerin antrat, steht nun das Pfarrhaus in Überlingen leer. Denn die neue Pfarrerin wohnt bereits in Überlingen in ihrem eigenen privaten Haus und bleibt die nächsten fünf Jahre bis zu ihrer Pensionierung auch dort weiter wohnhaft. Sie verzichtet damit auf das ihr zustehende Wohnrecht im Pfarrhaus.

"Wir dürfen das Pfarrhaus eigentlich nicht weitervermieten", sagte Elsie Fickenscher, aber für die Unterbringung von Flüchtlingen gibt es eine Ausnahmegenehmigung. In diesem Zusammenhang verwies Pfarrerin Johannes auf die sieben Werte der Barmherzigkeit, zu denen auch die Beherbergung von Fremden gehört. "Wir können den Leerstand nicht verantworten", hieß es.

Bei einem ersten Termin mit der Stadt zeigte diese großes Interesse, da sich in der 170 Quadratmeter großen Pfarrwohnung theoretisch bis zu 20 Flüchtlinge unterbringen ließen.

Die erste Hürde auf dem Weg zur Realisierung der Flüchtlingsunterbringung im Pfarrhaus wurde letzte Woche genommen: Die Kirchengemeinderatssitzung stimmte dem Vorhaben zu, das Pfarrhaus für die nächsten fünf Jahre für die Anschlussunterbringung zur Verfügung zu stellen, also für Flüchtlinge mit ersten Deutschkenntnissen, Bleiberecht und Arbeitserlaubnis. Allerdings behielt sich die Kirche ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Flüchtlinge ein: So sollen in das Pfarrhaus nur christliche Flüchtlingsfamilien aus Syrien einziehen. "Die haben noch mehr Probleme" sagte Elsie Fickenscher zu der allgemeinen Akzeptanz von syrischen Christen.

Bereits drei Tage später informierte die evangelische Kirchengemeinde die Nachbarn, Anwohner und die Gemeindemitglieder über dieses Vorhaben.

"Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat" schrieb Dekanin Klusmann in dem Brief und erklärte den Adressaten, dass ab September Flüchtlingsfamilien in das Pfarrhaus einziehen werden: "In diesem Prozess möchten wir Sie als Nachbarn und Gemeindemitglieder frühzeitig einbeziehen, denn Integration kann nur gelingen, wenn wir einander menschlich und verständnisvoll begegnen." In dem Schreiben wurde auch zu dem ersten Informationsgespräch im Anschluss an den Pfingstgottesdienst eingeladen.

Knappe 40 Personen waren der Einladung ins Paul-Gerhardt-Haus gefolgt und stellten im Anschluss an die einführenden Erläuterungen von Elsie Fickenscher Fragen: 20 Personen würden viel Leben (und Lärm) in die sonst ruhige Straße bringen und es würde sich viel verändern. Wie die Integration mit 20 Personen stattfinden würde?

Dekanin Klusmann erinnerte nochmals an die Barmherzigkeit und die Aufgabe, Fremde aufzunehmen. "Das ist unsere Pflicht!", sagte sie und verwies aber auch gleichzeitig darauf, dass es eine schwierige Aufgabe werde. Sie lobte die Arbeit der Diakonie und betonte, dass die Diakonie die Flüchtlinge auch weiter betreuen werde. "Auch wir als Kirche werden die Flüchtlinge weiter betreuen. Wir müssen uns was einfallen lassen."

Generell stellten Flüchtlinge beziehungsweise Asylbewerber eine Bereicherung dar, sagte Pfarrerin Silvia Johannes und dankte den Besuchern für alle kritischen und auch hilfreichen Fragen. "Weil sie Bedenken haben, müssen wir im Gespräch bleiben", betonte sie und kündigte weitere Gespräche und Informationsveranstaltungen an. "Ohne Reden geht es nicht" sagte sie zum Abschluss, und ohne den Heiligen Geist auch nicht.