Hartwig Kluge ist ein Zeitzeuge. Der Begriff steht meistens für Überlebende des Naziterrors. Doch auch der heute 70-Jährige ist Opfer eines brutalen Regimes geworden. Er berichtet über seine Jugend in der DDR und wie er als junger Mensch ins Gefängnis kam, weil er ausreisen und ein selbstbestimmtes Leben führen wollte. Für seine Zuhörer, Schüler der Jahrgangsstufe elf, sind Reisen selbstverständlich und die Wahl des Berufs höchstens durch den Numerus clausus eingeschränkt.

Zeitzeuge Hartwig Kluge berichtete Jugendlichen im Überlinger Gymnasium, wie die innerdeutsche Grenze aussah. Der Potsdamer Platz in Berlin zum Beispiel war Brachland, damit die Grenze besser bewacht werden konnte.
Zeitzeuge Hartwig Kluge berichtete Jugendlichen im Überlinger Gymnasium, wie die innerdeutsche Grenze aussah. Der Potsdamer Platz in Berlin zum Beispiel war Brachland, damit die Grenze besser bewacht werden konnte. | Bild: Sabine Busse

„Geschichte kann man am besten mit Geschichten vermitteln“, beginnt er seinen Vortrag im Überlinger Gymnasium. Bevor er berichtet, wie er vor 50 Jahren an der ungarischen Grenze zu Jugoslawien festgenommen wurde, zeigt er ein Foto von seiner Fußballmannschaft. „Damals war ich so alt wie ihr jetzt“, sagt er. Das Foto entstand kurz bevor er sich entscheiden musste, welchen Beruf er ergreifen wollte. Kluge strebte ein Studium an, um Lehrer für Deutsch und Sport zu werden.

Die Aufnahmeprüfung an der Uni war fachlich kein Problem, er fiel trotzdem ohne Angabe von Gründen durch. Jahre später, nach dem Fall der Mauer, konnte er seine Stasiakte einsehen und erfuhr, dass der Rektor seiner Schule ihn angeschwärzt und seine Gesinnung kritisiert hatte. Westradio zu hören und sich in der Gemeinde zu engagieren, reichten dafür aus.

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Hartwig Kluge eckte immer mehr an und sah keine Zukunft für sich in der DDR. Nach einem Fahrradurlaub in Ungarn, plante er akribisch seine Flucht. Als er die Umstände schildert, wie er mit viel Pech schon vor der Grenze in Ungarn von Soldaten aufgegriffen und in Einzelhaft gesperrt wurde, ist es still im Raum. Mit großer Betroffenheit hören die Jugendlichen zu, welchen Schikanen und unwürdigen Behandlungen der 21-Jährige ausgesetzt war. Vier Wochen lang wussten seine Eltern nicht, was mit ihm passiert war. „Ich wurde behandelt wie ein Schwerverbrecher.“

Auf dem Foto neben ihm ist Hartwig Kluges Fußballmannschaft in der DDR zu sehen. Darauf ist es so alt wie seine Zuhörer im Gymnasium heute.
Auf dem Foto neben ihm ist Hartwig Kluges Fußballmannschaft in der DDR zu sehen. Darauf ist es so alt wie seine Zuhörer im Gymnasium heute. | Bild: Sabine Busse

In seiner Heimatstadt Halle kam er in Untersuchungshaft, wo er bis zu 20-stündige Verhöre überstehen musste und weder seine Helfer in Ungarn nannte noch das Angebot, als Spitzel zu arbeiten, annahm. Seine Stimme wird heute noch brüchig, wenn er berichtet, wie er zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, weil sein „Angriff auf die Staatsgrenze unmoralisch und eine Gefahr für den Frieden“ gewesen sei. Nach einem Jahr wurde er von der BRD freigekauft und kam in den Westen. „Ich war doppelt frei!“ Die Freude und Erleichterung überwältigt ihn immer noch. Gleichzeitig macht er deutlich: „Das Jahr in Haft hat sich in meine Seele eingeprägt.“

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Kluge ging nach Freiburg zum Studium und reiste viel. Zum Schluss seines bewegenden Vortrags gibt er den Zuhörern mit auf den Weg: „Reist nach dem Abi und lernt andere Kulturen kennen!“ In der Fragerunde wollen die Schüler wissen, ob er von Anfang an seine Stasiakte einsehen wollte. Das war für Kluge keine Frage, aber es wäre erschütternd gewesen zu lesen, dass ihn damals auch seine Freundin verraten hätte. Allein auf seinen Vater wären 14 Spitzel angesetzt gewesen.

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Die Methoden seien perfide gewesen und oft Notlagen ausgenutzt worden. Dazu hätte es viele gegeben, die widerstanden und nicht unterschrieben hätten. Allerdings würde er heute noch gerne wissen, warum seine Freundin das damals gemacht habe.