Ihr Standort am Kreisverkehr beim Krankenhaus ist unübersehbar. Seit 20 Jahren bildet die Kreuzkirche, wenn man von der Autobahn her über Aufkirch auf Überlingen zufährt, so etwas wie ein Eingangstor zur Stadt. Hier hält die evangelisch methodistische Kirche ihre Gottesdienste ab, und sieht sich als Teil der Stadtgesellschaft. Doch wie verhält es sich mit dem Kreuz, wie wirkt es in und auf die Stadt? Ist es ein Kreuz mit den Kirchen oder stärken sie eher den Rücken derer, die, im übertragenen Sinne, am Stadtrand stehen?

Im Exil

„Suchet der Stadt Bestes“, war das Motto eines Diskussionsabends, den die evangelisch methodistische Kirche anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Kirche organisierte. Der Spruch geht auf ein Bibelzitat zurück und meint den Auftrag an die Gemeinde Israel, im babylonischen Exil auf die ihnen eigentlich verhassten Bürger Babylon positiv einzuwirken.

Auf dem Podium

Mit Pastor Rouven Bürkle setzten sich bei der Suche nach der Stadt Bestem aufs Podium: Sowohl Kerstin Kaspar (Caritasverband) als Vertreterin der christlichen Gemeinden als auch Oberbürgermeister Jan Zeitler als Vertreter der politischen Gemeinde. Dessen Frau, Annette Stoll-Zeitler, ist aktives Mitglied in der evangelisch methodistischen Kirchengemeinde.

„Wer ständig nach Harmonie strebt, der muss sich fragen lassen, ob die Demokratie für ihn die richtige Staatsform ist.“Jan Zeitler, Oberbürgermeister
„Wer ständig nach Harmonie strebt, der muss sich fragen lassen, ob die Demokratie für ihn die richtige Staatsform ist.“Jan Zeitler, Oberbürgermeister | Bild: Hilser, Stefan

Zeitler auf Suche

„Suchet der Stadt Bestes, damit Lebensqualität erhalten bleibt“, war die Überschrift über Zeitlers Vortrag. Der Oberbürgermeister sagte mit Blick auf die Gemeinderatswahlen, dass er jedem Kandidaten im positiven Sinne unterstelle, das Beste für die Stadt zu suchen. „Doch spätestens, wenn man in der politischen Realität ankommt, stellt man fest, dass Individualinteressen manchmal eben doch über das gestellt werden, was der Stadt Bestes ist.“ Die Lebensqualität in einer Stadt hänge der eine an materielles Wohlbefinden, der andere immaterielle Werte wie Bildung, Natur „oder Kultur, wie wir in Überlingen oft lernen dürfen“.

Innere Konflikte

Bei Abstimmungen im Gemeinderat, so Zeitler, erwarte er, dass Einzelinteressen zurückgestellt werden. „Das Mandat erfordert das. Wer das aber nicht kann, wird im Laufe der fünfjährigen Amtsperiode in einen inneren Konflikt geraten: Entscheide ich nur so, wie meine Interessengruppe es für richtig hält, werde ich der Gemeinschaft nicht dienen.“

50 + 1 genügen

Was also ist der Stadt Bestes? Die Antwort, so der Oberbürgermeister, könne nur das demokratische Gemeinwesen selbst liefern. „Wir haben parlamentarische Mehrheitsentscheidungen. Das heißt nichts anderes, als dass 50 Prozent plus 1 reichen. Aber was ist mit den knapp anderen 50 Prozent?“ Mit Sorge betrachte er es, dass die Akzeptanz immer mehr abnehme und Entscheidungen auf juristischem Wege angegriffen werden. Er habe sich neulich mit dem früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, getroffen. „Er sagte zu mir, Sie als relativ junger OB: Passen Sie auf, dass wir uns nicht hemmen im Fortschritt, weil Entscheidungen immer mehr ausgelagert werden auf die juristische Ebene.“

„Letzter Notnagel“

Als „letzten Notnagel“ bezeichnet Zeitler die Petition. „Ein Brief an den Petitionsausschuss des Landtags genügt“, so Zeitler mit Verweis auf die Diskussion um Motorradstellplätze. „Ein Brief und die Landtagsabgeordneten kommen und fragen: OB, was ist da los? Doch frage ich an dieser Stelle: Wer sucht hier der Stadt Bestes? Die Landtagsabgeordneten, die kurz mal vor Ort sind – oder wir, die wir hier leben?“

Außerparlamentarische Kritik

Die Kritik des ADFC an Überlingens Radwegen „lässt mich kalt“, so Zeitler. Sie hätten 77 Leute befragt, er sage: „Die Hafenstraße wird ausgebaut.“ Und er setzte fort: „Es ist nicht so, dass wir alles liegen lassen. Aber es braucht auch Zeit, wirklich der Stadt Bestes zu finden.“

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Abwesenheit von Harmonie

Die Suche nach der Stadt Bestem setze Konfliktbereitschaft voraus. Zeitler: „Wer hier ständig nach Harmonie strebt, der muss sich fragen lassen, ob die Demokratie für ihn die richtige Staatsform ist.“

„Wer glaubt, muss nicht selbst Gott spielen.“Rouven Bürkle, Pastor
„Wer glaubt, muss nicht selbst Gott spielen.“Rouven Bürkle, Pastor | Bild: Hilser, Stefan

Dient Glaube den Menschen?

Pastor Bürkle stellte sein Eingangsreferat unter die Frage, ob Glauben den Menschen diene. Nach seinem Verständnis helfe der christliche Glaube insofern, „als dass wir nicht selbst Gott spielen und uns nicht als Richter aufspielen müssen“. Das befreie von Egoismus und führe zur Gelassenheit. Viele sozialdiakonische Einrichtungen verdankten ihr Wirken einem „Tatendrang“ in christlichem Sinne. Insofern, so seine Überzeugung, „ist Christsein keine Privatsache und kein Thema im stillen Kämmerlein“.

„Suchet der Stadt Bestes, damit unser Zusammenhalt gestärkt wird.“Kerstin Kaspar, Caritas
„Suchet der Stadt Bestes, damit unser Zusammenhalt gestärkt wird.“Kerstin Kaspar, Caritas | Bild: Hilser, Stefan

Mehr als Mildtätigkeit

Kerstin Kaspar ist ehrenamtlich im Vorstand des Caritas-Verbandes tätig. Es sei „elementarer Sendeauftrag der Kirche“, den Menschen mit Nächstenliebe zu begegnen. Caritas in seinem Wortsinn bedeute nichts anderes. „Suchet der Stadt Bestes, damit unser Zusammenhalt gestärkt wird“, lautete denn auch das Thema ihres Referats. Der Caritas-Verband für das Dekanat Linzgau mit Hauptsitz in Überlingen sei gemeinnützig und autonom tätig, betonte Kaspar. 40 hauptamtliche und 63 ehrenamtlich Beschäftigte seien in den diversen Diensten tätig, unter anderem in der Migrationsberatung, in der Familienpflege, in der Suchtberatung, in der Schuldnerberatung, oder im Überlinger Tafel-Laden für Familien mit prekären Einkommensverhältnissen. Über die reine Mildtätigkeit hinaus verfolgt die Caritas das Ziel, Menschen miteinander zu vernetzen. Kaspar: „Fremde, Flüchtlinge, Einheimische.“