Herr Vogler, Sie haben als Oberbürgermeister von Ravensburg es geschafft den Verkehr aus der Innenstadt heraus und gleichzeitig den Handel in der Innenstadt attraktiv zu gestalten. Wie ist es Ihnen und ihren Mitstreitern gelungen?

Zunächst gab es eine generelle Verständigung zwischen dem Gemeinderat und dem Wirtschaftsforum. Wir wollten eine lebendige und interessante Innenstadt und Altstadt haben. Und wir wollten eine Stadt der kurzen Wege. Den ersten Schritt hat bereits mein Vorgänger Karl Wäschle (Ravensburgs Oberbürgermeister bis 1987) mit der Schließung des Marienplatzes für den Individualverkehr gelegt. Die Durchfahrt mit dem Auto wurde im Oktober 1986 geschlossen, eine Tiefgarage wurde gebaut und 1989 eröffnet. Jetzt fahren Busse über den Marienplatz. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Ravensburger Weges ist, dass der Gemeinderat 1988 beschlossen hat, ab sofort keine neuen Einkaufszentren auf der Grünen Wiese mehr zuzulassen. Das haben wir total durchgezogen. Der Handel muss in der Innenstadt sein, das sorgt für Leben in der Stadt. Dazu kommt die Kultur. In 25 Jahren sind in der Oberstadt vier neue Museen entstanden. Das sorgt für eine attraktive und lebendige Stadt.

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Sie haben Autos vom Marienplatz verbannt – Busse fahren allerdings noch über den Platz. Welche Rolle spielt der öffentliche Nahverkehr bei der Bewältigung des Verkehrproblems?

Entscheidend für den Umgang mit dem wachsenden Verkehr war es, dass wir parallel zusammen mit den Nachbarn in der Region für Bus und Bahn bessere Alternativen zum Auto entwickelt haben. Linienführung, Takt und Tarife beim Bus können natürlich immer besser werden. Zu einem Renner wurde die kommunale Bodensee-Oberschwaben-Bahn. Als die Bundesbahn 1988 alle kleinen Haltepunkte zwischen Friedrichshafen und Ravensburg geschlossen hat, haben wir zusammen mit den beiden Landkreisen in Züge und Haltepunkte investiert und betreiben seit 1993 einen engen Taktverkehr als erfolgreiche Alternative auch für Berufs- und Schulpendler.

Gab es Widerstände beim Vorhaben die Autos an der Durchfahrt durch Ravensburgs Mitte zu hindern?

In der Zeit des Wahlkampfs gab es ziemlich heftige Auseinandersetzungen. Es gab unterschiedliche Akteure – Verwaltung und Politik, Wirtschaft und Geschäfte. Wir haben versucht, eine Verständigung zu erreichen. Reinhold Nonnenbroich vom Wirtschaftsforum pro Ravensburg und ich, wir haben eingesehen, dass es so wie es damals noch lief, nicht mehr weitergehen konnte. Wir haben eine gemeinschaftliche Vorstellung erlangt: Den Ravensburger Weg. Wir wollen Kultur, wir wollen Aufenthaltsqualität, Einkaufsmöglichkeiten, in der Innenstadt halten und den Verkehr drumherum führen. Wir haben sieben Parkhäuser um die Altstadt herum. Wenn wir die Autos aus der Innenstadt haben wollen, dann brauchen wir kurze Wege. Bei Großveranstaltungen haben wir weitere Parkplätze in der Peripherie.

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Wie ließ sich das bewerkstelligen?

Zunächst mal die Sperrung des Marienplatzes. Und die Parkhäuser um die Innenstadt herum. Aber der Autofahrer ist ein Gewohnheitstier. Er will da parken, wo er immer geparkt hat. Die Lösung ist es, ihn daran zu gewöhnen. Auch mit Angeboten. Wenn er merkt, da und da geht es doch auch ganz gut, dann ändert sich vielleicht das Verhalten. Der Autofahrer braucht viel Zeit, bis er sich an neue Angebote gewöhnt. Neue Parkhäuser brauchen zwei bis drei Jahre, bis diese voll genutzt werden. Es brauch Zeit. Man muss Geduld haben. Man muss cool bleiben. Das war bei uns auch ein Problem. Das muss man aushalten. Da kann man natürlich auch austarieren, mit viel Information und sympathisch werben. Man muss die Menschen überzeugen. Die Erkenntnis kommt in Etappen. Die Menschen müssen auch mitmachen.

Welche Probleme, oder sagen wir Hindernisse, gab es beim Vorhaben die Autos aus der Innenstadt zu halten. Was wurde an den Straßen baulich getan?

Es geht nicht ohne Schmerzen. Denn der Autofahrer ist zäh. Man braucht eine Mischung aus Druck und Angebote schaffen. Wir haben zum Beispiel an der Karlstraße – eine große Einbahnstraße – eine Fahrspur weggenommen. Dadurch konnten wir ordentliche Gehwege einrichten. Es war furchtbar eng da. Es gab Befürchtungen, dass es nicht klappt und wir wieder Staus haben werden. Wir haben gesagt, wir machen einen Test. Lasst uns das einfach mal probieren. Wichtig ist, dass man etwas ausprobiert und wenn es nicht funktioniert, dass man es zurücknimmt. Wir haben es zunächst als Provisorium eingerichtet. Es hat sich bewährt und nach zwei Jahren hatten wir weniger Staus und auch in den Quartieren drumherum aufgewertet, indem wir sie teilweise verkehrsberuhigt haben.

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Sie kennen Überlingen: Ihr Bruder Thomas Vogler war von 1976 bis 2012 Leiter des Grünflächenamtes. Raten Sie Überlingen, es einfach zu probieren und zu schauen, ob es klappt?

Ich möchte klarstellen, dass ich keine Empfehlungen ausgeben will. Ich bin kein Besserwisser. Ich berichte nur von den Erfahrungen, die wir in Ravensburg gemacht haben.

Diese Erfahrungen sind allerdings positiv. Kann man sich da etwas abgucken?

Einfach Schema F zu kopieren geht nicht. Die Städte sind unterschiedlich. Überlingen ist von der Topografie ganz anders als Ravensburg. Der Weg ist Vertrauen bei den Menschen schaffen und ihnen ein bisschen Zeit lassen.

Das klingt nach einer langen Zeit, die es braucht, um Verkehrsprobleme zu lösen.

Ja, aber auf Dauer gewinnen wir ganz viel für das Leben in der Stadt. Es sind Einschränkungen auf Zeit, die muss man aushalten.