Dirk Diestel staunte nicht schlecht, als er vor einigen Wochen Post von der Stadtverwaltung bekam. Dabei machte ihn nicht die Tatsache unsicher, dass die Stadt ihn per E-Mail kontaktierte, schließlich wendet sich der BÜB+-Sprecher und künftige Stadtrat regelmäßig mit Anliegen und Nachfragen an die Verwaltung und ist froh, wenn diese antwortet. Vielmehr verunsicherte Diestel der Inhalt der Mail, die offensichtlich von einem Mitarbeiter des städtischen Grünflächenamts verschickt worden war. Dies war nämlich das Antwortschreiben auf eine Nachfrage im November 2018, das Diestel schon vor einem halben Jahr erreicht hatte. Warum nun die erneute Mail? Diestels Vermutung: „Es scheint, als ob der Server der Stadt gehackt wurde.“

Stadt: „Immer perfider werdenden Methoden“

Tatsächlich teilt die Stadtverwaltung nun mit, aktuell von massiven Virenattacken betroffen zu sein: „Trotz doppelter Firewall, aktuellem Virenscanner und ständiger Mitarbeitersensibilisierung wurde die Stadt Überlingen verstärkt Opfer von sogenannten ‚Phishingattacken‘“, heißt es in einer Pressemitteilung. Das heißt, dass aktuell immer wieder E-Mails von vermeintlich städtischen Mitarbeiter an Bürger verschickt werden, in deren Anhang sich schädliche Software befindet. Wird der Anhang geöffnet, breiten sich die Viren auf dem Computer aus und können großen Schaden anrichten. Die Stadt warnt daher eindringlich vor den „immer perfider werdenden Methoden der sogenannten Cyberkriminellen“. Bürger sollten mit „(scheinbaren) E-Mails der Stadt Überlingen besonders sensibel und achtsam“ umgehen. Wer im Zweifel ist, wird angehalten, den vermeintlichen Absender direkt zu kontaktieren. Die Kontaktdaten seien auf der Homepage der Stadt zu finden.

Offenbar sind nur E-Mails betroffen

Auf Nachfrage des SÜDKURIER betont die Stadt, dass das Problem „ausschließlich den E-Mail-Verkehr“ betreffe. „Eine aktive Malware konnte bislang glücklicherweise nicht gefunden werden.“ Heißt: Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden keine sensiblen Daten der Bürger gestohlen oder in das Verwaltungssystem eingegriffen.

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Die Stadtverwaltung ist derweil bemüht, die Sicherheitslücke zu reparieren. Die IT-Abteilung befinde sich in ständigem Austausch mit dem zuständigen Rechenzentrum. Dessen Sicherheitsteam habe der Stadtverwaltung eine Spezialfirma vermittelt: „In Zusammenarbeit mit dieser Firma wurde mit Spezialtools unser komplettes Netzwerk inklusive aller Rechner auf verwundbare Systeme gescannt“ – bislang glücklicherweise aber keine Schadsoftware gefunden. Noch kann aber keine endgültige Entwarnung gegeben werden. „An der Behebung des Problems wird weiterhin in Hochtouren gearbeitet.“ Ob und welche weiteren Maßnahmen von den IT-Mitarbeitern und externen Experten ergriffen werden, könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. „Bei normalem Verlauf sollten die jetzigen Maßnahmen in Kürze greifen und hoffentlich baldmöglichst zu einem Abebben der Virenwelle führen.“

Ärger über späte Warnmeldung

Das hofft auch Silvia Kiesle. Die Inhaberin des Teeladens Feynwerk ist eine der Betroffenen, die auf eine betrügerische Mail hereingefallen sind. Nach einem Seminar mit Wirtschaftsförderer Stefan Schneider zum Thema Onlineauftritt für Einzelhändler habe sie vor drei Wochen mehrfach Mails unter dem Deckmantel der Stadtverwaltung bekommen. Im Vertrauen auf die Seriosität des Absenders habe sie auch den Anhang geöffnet und anschließend Probleme mit ihrem Rechner gehabt. Ihr Sohn musste daraufhin das Betriebssystem neu installieren. „Er meinte, da war jemand in deinem Rechner.“ Mittlerweile liefe aber wieder alles rund, auch habe sie keine Rückmeldungen von Kunden bekommen, wonach von ihrem Konto aus falsche Mails verschickt worden seien. Dennoch: „Ein Funken Unsicherheit ist immer dabei, wenn ich meinen Computer nutze.“

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Silvia Kiesle ärgert es, dass die Stadtverwaltung erst jetzt eine Warnung herausgibt. Sie selbst habe erst auf Nachfrage vor Wochen erfahren, dass das Virenproblem bestehe. „Man hätte doch mal eine Meldung herausgeben können. Das hätte den ein oder anderen bestimmt vor Problemen bewahrt“, sagt sie. „Das ist ja keine Schande, so etwas kann den Besten passieren.“ Die Stadtverwaltung verspricht in einer Mail an den SÜDKURIER, die Bürger über den weiteren Verlauf der Maßnahmen zu informieren. Zu den Kosten, die durch die Virenangriffe und die nun erfolgten Maßnahmen entstanden sind, gab die Stadt keine Auskunft.