Der Tod ist die notwendige Voraussetzung eines Friedhofs. Dort begräbt man Menschen. Ihre Grabstätten werden mit Blumen und Steinen, Figuren und Inschriften geschmückt und mit vielerlei Pflanzen begrünt. So auch auf dem Überlinger Friedhof. Doch eines seiner Gewächse ist derzeit in Gefahr: der Buchsbaum. Sein immergrünes Kleid ist zerlumpt von graubraunen Flecken. Wo Blätter sein sollten, kringeln sich nur noch sichelförmige Blattskelette. Wer genau hinsieht, erkennt Bissspuren. Sind sie auch auf der Rinde, ist der Buchs in Lebensgefahr. So wird der Überlinger Friedhof dieser Tage auch Grabstätte vieler Buchsbäume.

Eine kleine Raupe ist zur großen Katastrophe für die Buchsbaumbestände Überlingens geworden. Ihr Ziel: Fressen und Wachsen bis zur Verpuppung, der sie schließlich als flatternder Falter entschlüpft. Das nachtaktive Insekt legt kleine schwarze Eier in die Buchsbäume, aus denen wiederum die nimmersatten Raupen schlüpfen. Man spricht gemeinhin vom Buchsbaumzünsler.

„Cydalima perspectalis“ ist ein Neozoon: Ein Tier, das sich in einem Gebiet etabliert hat, in dem es zuvor nicht heimisch war. Als gesichert gilt, dass die Raupe zu Beginn des Jahrtausends aus Ostasien eingeschleppt wurde. Der Zünsler hat sich, wie auch die Wanderratte, der Containerschiffe des internationalen Welthandels bedient, um sein neues Invasionsgebiet zu erreichen. Eine Folge der Globalisierung.

Den Überlinger Feldzug führt der Zünsler mit großem Erfolg: In letzter Zeit sei die Population stark angestiegen, sagt Andreas Widmer, der eine Gärtnerei am Überlinger Friedhof betreibt. „Dieses Jahr ist es wirklich heftig“, so Widmer. Er schätzt den Befall auf dem Friedhof auf 90 Prozent. Das entspricht der Einschätzung Rolf Geigers von der Stadtverwaltung (siehe Interview). Beide betonen, dass das Problem die ganze Stadt betrifft.

Was tun? Für kleine Buchsbäume sieht Gärtnermeister Widmer gute Chancen. Diese könnten durch Spritzmittel oder durch Zurückschneiden effektiv geschützt werden. Auch das Herauspflücken der Raupen sei möglich. All diese Maßnahmen seien aber bei den großen Pflanzen nicht zu leisten. „Spritzen Sie mal einen fünf Meter hohen Buchs“, seufzt Widmer. Man werde die Bäume durch Illex-Pflanzen ersetzen müssen. Nachteil: Diese seien noch langsamer im Wuchs und doppelt bis dreifach so teuer wie der Buchs.

Droht Überlingen ein zweites Grenzach-Wyhlen zu werden? Der Ort im Südwesten der Republik ist bekannt für seinen Buchsbaumwald, jahrhundertealt, ein Naturschutzgebiet. Seine Ausdehnung von 150 Hektar machte den Wald zu einer Seltenheit. Seit 2010 ist er nicht mehr. Der Zünsler verspeiste seine Blätter, ein Schlauchpilz erledigte den Rest. Die überlebenden Bäume sind nur noch ein Abglanz der vormaligen Pracht des Buchswaldes von Grenzach-Wyhlen.

Überlingen ist kein Buchsbaumwald. Doch das Stadtbild ist an prominenten Stellen charakteristisch durch den Buchsbaum geprägt: Man denke an die mächtige Säulenallee des Überlinger Friedhofes oder die gewaltigen, meterhohen Buchswände im Überlinger Stadtgarten. Von diesen Bäumen wird man sich nach Ansicht der Fachleute verabschieden müssen. Auf ein Wunder hofft darum auch ein Mitarbeiter der Herfurth-Gärtnerei: Der Zünsler habe in Überlingen keine natürlichen Feinde. Die heimischen Vögel könnten den Neuankömmling noch nicht finden. „Die Meisen müssen dazulernen!“, sagt der Gärtner. Man kann dem Buchs und Überlingen nur wünschen, dass sich die Vögel beeilen.

Rolf Geiger: "Das wäre eine Katastrophe"

Rolf Geiger ist Leiter der Abteilung Grünflächen, Umwelt und Forst der Stadtverwaltung. Geiger ist unter anderem für die Buchsbaumbestände in den öffentlichen Anlagen zuständig.

Wie gravierend ist der Zünsler-Befall auf dem Überlinger Friedhof?

Der Befall liegt bei ungefähr 90 Prozent der Pflanzen. Kleine Bäume sind leicht ersetzbar, aber bei den großen wird es schwer. Die Buchsbaumsäulen auf dem Friedhof sind ein ganz großes Problem. Sie sind prägend für das charakteristische Bild des Friedhofs und genießen hohe Beliebtheit in der Bevölkerung. Lange haben wir gehofft, dass die großblättrigen alten Buchsbäume nicht befallen werden, aber diese Hoffnung wurde enttäuscht. Wenn es nicht gelingt, die Bäume zu retten, müssen sie leider weichen. Denkbar wäre, sie durch Echte Zypressen zu ersetzen.

Ist der Überlinger Friedhof am Schlimmsten betroffen?

Nein, alle Überlinger Grünflächen leiden stark unter dem Zünsler. Der Stadtgarten ist die ganz große Sorge. Mit Blick auf die Landesgartenschau wäre es fatal, wenn wir lauter braune Buchsbaumwände hätten. Das wäre eine Katastrophe. Die sind auch nicht einfach ersetzbar innerhalb einiger Jahre.

Kann man die Bäume nicht spritzen?

Erstens gibt es hier gesetzliche Hürden: Wir dürfen nur ein Mal spritzen, der Zünsler hat aber drei Generationen pro Jahr. Zweitens wäre der Aufwand gigantisch. Das muss punktgenau zum richtigen Zeitpunkt stattfinden, wenn die ersten Raupen aus den Eiern schlüpfen. Das Wetter muss stimmen und dann ist eine zweitägige Absperrung nötig, zum Schutz vor den Spritzmitteln. Stellen Sie sich das mal für alle Buchsbäume in Überlingen vor! Das Spiel müsste dann vier oder gar fünf Mal getrieben werden.

Was ist Ihre Prognose für den Buchsbaum in Überlingen?

Der Zünsler hat sich in den letzten zehn Jahren so stark ausgebreitet, dass abzusehen ist, dass wir dem Problem nicht Herr werden können. Es ist unmöglich die Ausschaltung flächendeckend im Land zu organisieren, da es zu viele Bäume gibt. Für kleine Bäume von Privatpersonen sehe ich Chancen, da hier die Schutzmaßnahmen realisierbar sind. In den großen öffentlichen Anlagen ist das aussichtslos.

Fragen: Max Horn