Die Osternacht ist kalt, regnerisch und windig. Die Feierlichkeiten der Tenebrae erreichen ihren Höhepunkt, die evangelische Kirchengemeinde versammelt sich um 6 Uhr früh morgens beim Pfarrhaus an der Promenade: Es ist die Nacht der Auferstehung, wenn die Dunkelheit weicht und das Licht des Osterfeuers den Gläubigen den Weg vom Tod zu neuem Leben weist. Dekanin Regine Klusmann und Pfarrerin Silvia Johannes entzünden am Osterfeuer die Osterkerze und laufen voraus, gefolgt von den zahlreichen Gemeindemitgliedern.

Pfarrerin Silvia Johannes und Dekanin Regine Klusmann tragen das Osterlicht in die renovierte Auferstehungskirche.
Pfarrerin Silvia Johannes und Dekanin Regine Klusmann tragen das Osterlicht in die renovierte Auferstehungskirche. | Bild: Dieter Leder

Sie tragen das Licht in die dunkle Auferstehungskirche, es ist ein besonderes Auferstehungsfest dieses Jahr, an dem nicht nur dem Weg Jesus Christus vom Tod zum Leben gedacht wird, sondern nach 500 Tagen Renovierung und Bauzeit auch die Auferstehungskirche eingeweiht und mit neuem Leben erfüllt wird. Die zahlreichen Osterkerzen in den Händen der Gläubigen sind das erste Licht in der neuen Auferstehungskirche: „Wir danken dir Gott für das Geschenk dieses Tages“, sagt Regine Klusmann an diesem Ostermorgen zu ihrer Gemeinde in der voll besetzten Kirche: „Wir danken dir für diese neue Kirche.“ Denn „Auferstehung ist Leben“, und das wird an diesem Tag gleich doppelt gefeiert. Sie ist mit ihrer Freude nicht alleine, den Festgottesdienst hält sie zusammen mit Pfarrerin Johannes und dem Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh: Der fordert, jeden Sonntag das Fest der Auferstehung zu feiern. Mit „Glocken, Jubel und Gesang“ feiert er den besonderen Tag der Einweihung dieser hellen, freundlichen und einladenden Kirche, wie er sie beschreibt. Ostern sei auch der Aufbruch ins Helle, Auferstehung sei auch Bewegung, so Cornelius-Bundschuh.

Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, Pfarrerin Silvia Johannes und Dekanin Regine Klusmann in der frisch renovierten ...
Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, Pfarrerin Silvia Johannes und Dekanin Regine Klusmann in der frisch renovierten Auferstehungskirche. | Bild: Dieter Leder

In seiner Predigt spricht er von einem Dreiklang aus Freude, Mut zur Umkehr und der Macht Gottes: „Mit dem Dreiklang nehmen wir die Kirche wieder in Gebrauch“, sagt er, die Kirche sei ein „Segen für die Stadt und die Welt“. Neben den hoffnungsvollen Worten spricht er auch mahnende Worte, in Syrien und im Jemen werde bombardiert und geschossen, ohne Rücksicht auf Zivilisten, "und wir sind trotz der Ferne doch mit unseren Waffen da mit verstrickt. Wir profitieren von dem Krieg woanders". Doch Gott eröffne einen Lichtblick in dieser düsteren Welt, es sind mutmachende Worte.

Dekanin Regine Klusmann steht am frühen Morgen in der noch dunklen Auferstehungskirche.
Dekanin Regine Klusmann steht am frühen Morgen in der noch dunklen Auferstehungskirche. | Bild: Dieter Leder

Die Fürbitten, vorgebracht von den aktiven Gruppen der Gemeinde, werden zu einem bunten Osterstrauß an Wünschen zwischen Kraft, Geduld und Fantasie: Es geht um das Wohlfühlen in der neuen Kirche, dass eine andere Welt möglich sei, „dass wir tun, was andere für unmöglich halten“. Das gehe durchaus, schließlich „berühren sich in unserer Kirche Himmel und Erde", so eine der Fürbitten.

Das Osterfeuer am Überlinger Landungsplatz.
Das Osterfeuer am Überlinger Landungsplatz. | Bild: Dieter Leder

Durch die offene Kirchentür klingen die Schellen des Überlinger Hänsele. Die Einladung von Klusmann ins Pfarrzentrum nimmt er an, doch in die Kirche geht er nicht. Dass die Schwerttanzkompanie und die Damen des Überlinger Trachtenbundes den Schwert- und Maidlintanz im Anschluss an den Festgottesdienst vor dem Pfarrsaal aufführen, sorgt bei einigen Gläubigen für zwiespältige Meinungen: Für die einen ist es „gewöhnungsbedürftig, so mit katholischen Bräuchen umzugehen“, für andere ist es „eine Revolution“, wie in den Reihen zu hören ist. Der Festakt am Nachmittag wird schließlich zum interessanten Gespräch über die Kirche. Lucia Brugnara-Kirchmann als Vertreterin des katholischen Pfarrers Karl-Heinz Berger lobt dabei die Ökumene und den gemeinsamen, verbindenden Glauben: „Das sollen wir zusammen feiern.“ Beim abschließenden Abendgebet dankt die Gemeinde nochmals für alles, bei einem Moment der Stille wird die doppelte Auferstehung an diesem Tag erneut verinnerlicht.

Die Schwerttanzkompanie mit 1. Platzmeister Fridolin Zugmantel (vorne) führt vor dem Pfarrzentrum den Schwerttanz auf.
Die Schwerttanzkompanie mit 1. Platzmeister Fridolin Zugmantel (vorne) führt vor dem Pfarrzentrum den Schwerttanz auf. | Bild: Dieter Leder

 

Evangelische Kirche in Überlingen

Die ersten evangelischen Gottesdienste wurden um 1840 in der katholischen Spitalkirche am Landungplatz gefeiert, und zwar nur ein Mal im Jahr am Osterdienstag. Ab 1858 entstand dann langsam eine eigene evangelische Kirchengemeinde, die in den Räumen des Zeughauses Gottesdienste feiern konnte. 1863 wurde die ehemalige Klosterkirche der Franziskanerinnen zu St. Gallus erworben, 1866 folgte die Gründung der evangelischen Kirchengemeinde und mit dem Bau der Auferstehungskirche im ehemaligen Klostergarten wurde begonnen. Dank der stetig wachsenden Gemeinde musste die Kirche schon 1903 erweitert werden, in den 40er-Jahren gab es die erste Umgestaltung, ebenso 1981. 2008 wurde mit der Planung für die jüngste Sanierung begonnen. Die evangelische Gemeinde in Überlingen zählt etwa 4000 Mitglieder.