Am Sonntag wird erstmals wieder die auf sechs Stimmen ergänzte Glockenmusik vom Turm der Pfarrkirche Leutkirch zu hören sein. Nach knapp einem halben Jahr ist der Glockenstuhl restauriert. Ein nachhaltiges Werk für viele künftige Generationen. Die vier Glocken des bisherigen Bestands und die zwei neuen Glocken sind in der Glockenstube installiert. Die Läuteanlage ist angeschlossen.

Unstrittig war aufgrund der bauhistorischen Untersuchung in den Jahren 2011 und 2012, dass die Kirche in Leutkirch dringend einen neuen Glockenstuhl braucht. Architektin Corinna Wagner-Sorg und Zimmermeister Sebastian Schmäh erläuterten dem SÜDKURIER den Projektablauf vor Ort. Der erste Blick in den Glockenstuhl habe kaum Aufschluss über die Konstruktionsgeschichte gegeben. Schließlich habe man aber drei Aufbauten erkennen können: den noch weitgehend vorhandene Glockenstuhl aus dem Jahr 1436, Glockenstuhlelemente aus dem Barock des 16. bis 18. Jahrhunderts, vermutlich um 1730, sowie den Stahlglockenstuhl aus den 1950er Jahren.

Vor Beginn der Arbeiten zeigten sich sehr starke Verbauungen aus früheren Sanierungsphasen. Die mittelalterliche Tragkonstruktion konnte an den vorhandenen Hilfssprießungen nicht mehr abgelesen werden. Auch die Wartungswege waren extrem verschmutzt und kaum begehbar.

Stefan Uhl aus Warthausen nahm die bauhistorische Untersuchung vor. Den Hauptpart der Restaurierung leistete die als Restaurationsbetrieb mehrfach ausgezeichnete Firma Holzbau Schmäh aus Meersburg. Die Zimmerleute Paul Hutz, Andreas Jäger, Florian Möhrle, Fabian Zurell und Jonas Kraus waren 2000 Stunden für das Projekt in Einsatz. Die gesamte Konstruktion musste von Verschmutzung und Taubenkot gereinigt werden. Es galt, die historischen Geländer zu überarbeiten und die Wartungswege zu sichern. Die älteste, mit außergewöhnlich hohem Anteil noch vorhandene Konstruktion wurde originalgetreu wiederhergestellt. Dazu wurden etwa 15 Kubikmeter abgelagertes Eichenholz benötigt, zehn bis 15 Jahre alt. Als historische Verbindungsmittel dienten nicht rostender Stahl, überplattete Kopf- und Steigbänder mit Holznägeln und natürlich Holz. Ein überaus behutsames Vorgehen an dem außergewöhnlichen und geteilten Glockenstuhl war erforderlich. Dekan Peter Nicola begutachtete überaus fasziniert das Werk: „Die Restaurierung hat die alten Formen aufgenommen und die Verbindungen künstlerisch abgerundet.“ Zudem erklärt Peter Nicola, dass die Glocken künftig mit einem modernen Magnetantrieb geläutet werden.

Viele weitere Firmen brachten Arbeiten in die Restaurierung ein: Elektroarbeiten von Elektrotechnik Wirth in Salem, Flaschnerarbeiten von Stumpp in Salem-Neufrach, Glockentechnik von Vögele in Straßburg, Putzergänzung des Restaurationsbetriebs Jürgen Schulz-Lorch in Sigmaringen, Statik und Schwingungsmessung der Ingenieurgruppe Bauen in Mannheim. Denkmalpflegerisch betreut wurde das Projekt von Martina Goerlich vom Regierungspräsidium Stuttgart.

Die Gesamtsanierungskosten betrugen 244 400 Euro. Man habe, freute sich Sebastian Schmäh, bei den Kosten eine „Punktlandung“ geschafft. Im Rahmen der Sanierung wurde festgestellt, dass die Stabilität des Kirchturmdachs akut gefährdet ist. „Es besteht dringender Handlungsbedarf“, sagte Architektin Corinna Wagner-Sorg. Sie war erfreut darüber, dass schon kurz nach der Sanierungsbeantragung die Genehmigung des Denkmalamtes eintraf. Bereits im Mai, sagte Wagner-Sorg, werde nun der gesamte Turm eingerüstet.

Am Sonntag, 28. Februar, wird um 10.45 Uhr in Leutkirch ein Hochamt mit Dekan Peter Nicola gefeiert, anlässlich der Inbetriebnahme der Läuteanlage. Im Anschluss ist ein Stehempfang geplant. Der Glockenstuhl kann in kleinen Gruppen besichtigt werden. Die etwa 15- bis 20-minütigen Führungen werden von Zimmermeister und Restaurator Sebastian Schmäh geleitet. Um in einem sauberen Gotteshaus feiern zu können, bittet das Mesner-Ehepaar Elvira und Hubert Straßer um Unterstützung bei der Reinigung am Samstag, 27. Februar, ab 13 Uhr.


Kirche in Leutkirch

„Du liegst so schön auf deiner Höh', so herrlich und vertraut, als hätt' dich Gott am letzten Tag noch selber hingebaut!“ So besang ein Neufracher im Zweiten Weltkrieg seine Kirche. Die ehemalige Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt ist weithin zu sehen. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1210. Graf Mangold von Rohrdorf übergab damals die Kirche an Ritter Konrad von Dürkheim mit der Auflage, diese dem Kloster Salem zu schenken. Spätromanische Elemente der Kirche belegen einen Kirchenbau vor 1200. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war Leutkirch Dekanatssitz und eine der Mutterpfarreien des Linzgaus. Der Turm stammt aus dem Jahr 1348. Um 1730 wurde die Kirche auf Veranlassung von Abt Constantin Miller barockisiert. Anfang des 20. Jahrhunderts war geplant, das Gotteshaus zu erweitern. 1903 wurde dann aber nur der Innenraum neubarock gefasst. Nach dem Kirchenbau in Neufrach 1967 diente Leutkirch als Filialkirche. (hg)