Für einen Großteil der Waldorfschüler fällt der Unterricht vorläufig aus. Grund ist eine befürchtete Ausbreitung der Masern. Das Gesundheitsamt ordnete an, dass bis 17. Juni – bei weiteren Krankheitsfällen auch länger – nur noch die Schüler und Lehrer das Schulgebäude betreten dürfen, die einen Impfschutz haben oder nach einer Masernerkrankung immun sind. Deshalb fanden am Freitag in allen Klassenräumen Kontrollen statt. Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ließen sich Impfpässe oder Arztatteste zeigen. Die Maßnahme wurde tags zuvor angekündigt, so dass die Schüler reagieren und viele von ihnen von vorne herein zu Hause bleiben konnten. "Die Hälfte der Schüler war heute nicht da", sagte Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamtes, was nicht unbedingt heißen müsse, dass die Hälfte keinen Impfschutz hat, denn über die wegen Praktika abwesenden Schüler lägen keine Erkenntnisse vor.

Wie viele Schüler vom befristeten Schulausschluss nun tatsächlich betroffen sind, war nicht zu erfahren. Von der Schulleitung der Freien Waldorfschule war gestern keine Stellungnahme zu dieser Frage zu bekommen. So ist derzeit auch unklar, wie die Eltern mehrheitlich auf die aktuelle Lage reagierten. Die Schulleitung jedenfalls, das wiederum teilte der Behördensprecher mit, habe sich kooperativ gezeigt. Schwarz: "Das ging entspannt über die Bühne. Das Gesundheitsamt und die Schule haben sehr gut zusammengearbeitet, die Schule hat alles ermöglicht, was nötig war." Wobei im Gesundheitsamt Eltern angerufen hätten, um ihre Sicht als Impfgegner zu artikulieren. "Auf eine Diskussion lassen wir uns nicht ein", sagte Schwarz, "es gibt klare gesetzliche Vorgaben und eine Verantwortung den anderen Schülern gegenüber."

Das Gesundheitsamt bezieht sich auf die Paragraphen 28 und 33 ff des Infektionsschutzgesetzes (IfSG), wonach größere Menschenansammlungen verboten werden können, um die Ausbreitung einer meldepflichtigen Infektionskrankheit zu verhindern. Derzeit sind laut Gesundheitsamt im westlichen Bodenseekreis vier Masernfälle bekannt, im Landkreis Sigmaringen acht. Masern sind hochansteckend und laut IfSG schon bei Verdacht meldepflichtig. Die Übertragung erfolgt ausschließlich von Mensch zu Mensch. Eine überstandene Masernerkrankung hinterlässt ebenso wie eine zweimalige Impfung eine lebenslange Immunität. Lehrer an der Freien Waldorfschule Überlingen, die vor dem 1. Januar 1970 geboren wurden, mussten keinen Immunitätsnachweis erbringen, da bei ihnen von einer durchgemachten Erkrankung auszugehen sei.

Es ist zu erwarten, dass die aktuellen Fälle zu einer neuen Debatte zwischen Impfgegnern und -Befürwortern führt. Welche Meinung die Waldorfschule, beziehungsweise das Leitergremium hierzu offiziell vertritt, muss offen bleiben. Dazu gebe es keine Stellungnahme, sagte Raymund Feger aus der Geschäftsführung. Die Schule antwortete mit einer allgemeinen Presseerklärung. In ihr heißt es wörtlich: "In den Pfingstferien sind 4 Schüler der Waldorfschule Überlingen an Masern erkrankt. Da sie zu keinem Zeitpunkt ihrer Infektiösität in der Schule waren, bedurfte es keiner weiteren Maßnahme. Diese Woche ist dann ein Schüler während der Schulzeit erkrankt, mit möglicherweise ansteckendem Kontakt zu allen Klassenkameraden und allen übrigen Schülerinnen und Schülern. In Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt wurden daraufhin alle Schülerinnen und Schüler, die sich möglicherweise angesteckt hatten, verpflichtet zu Hause zu bleiben.

Bei den verbliebenen Schülern wurde die Masernimmunität zusammen mit dem Gesundheitsamt überprüft. Dies galt ebenso allen Mitarbeitern der Schule. Dank der guten Kooperation von Amt und Schule gestaltete sich der Ablauf völlig problemlos."

Keine neue Debatte

Im Februar hat die EU-Kommission nach dem Masern-Ausbruch in Berlin vor einer Ausbreitung der Krankheit in weitere Ländern gewarnt. Masern gehörten zu den Krankheiten, die sich leicht über die Grenzen hinaus ausbreiten könnten und die leicht übertragen würden, sagte der litauische EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis laut Medienberichten von Februar. Er befürworte Impfungen "als eine zentrale vorbeugende Maßnahme", wurde er in einem dpa-Bericht zitiert. In Berlin hat das Uniklinikum Charité den Masern-Tod eines Kleinkindes bestätigt. "Bei dem Kind lag eine Erkrankung vor, die ohne die Masern-Infektion nicht zum Tode geführt hätte", hieß es. Der Fall und eine Masern-Welle in Berlin mit mehr als 570 Erkrankten seit Oktober vergangenen Jahres hatten eine Debatte um die Impf-Pflicht ausgelöst. Beratungsangebote sind nach Einschätzung der rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) geeignete Mittel gegen eine Masern-Welle. In Rheinland-Pfalz seien Informationen über Impfungen Bestandteil der Früherkennungsuntersuchung bei Kindern. "Das ist ausschlaggebend für eine gute Impfquote". Der Heilpraktiker-Landesverband Baden-Württemberg forderte generell (nicht in Zusammenhang mit der Diskussion um die Waldorfschule Überlingen) ein unabhängiges Experten-Gremium, das Nutzen und Schaden von Schutzimpfungen untersuchen soll. Zwar gebe es keinen generellen Zweifel am Impfschutz. "Die Frage aber ist, ob immer jede Art von Impfung oder jede Mehrfachimpfung sinnvoll ist", sagte der Vorsitzende Dietmar Falkenberg. "Wir betrachten die derzeitige Diskussion mit Skepsis statt mit Wohlwollen."

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