Tom Gabel tippt am Landungsplatz in Überlingen Koordinaten in sein Smartphone ein und folgt der virtuellen Karte Richtung Aufkircher Tor. Das Navigationssystem führt den Überlinger zum Hänsele-Brunnen, an dem auch der Hänsele-Juck vorbeiführt. Er ist der Startpunkt für den "Überlinger Fasnetscache", einer Art Schnitzeljagd durch Überlingen.

Geocaching, das ist – kurz gesagt – eine Schatzsuche in der realen Welt. Man versteckt einen Behälter an einem beliebigen Ort und gibt die Koordinaten auf der Internetseite www.geocaching.com ein. Dann wird der Cache von einem sogenannten "Reviewer" überprüft und auf der Webseite für die Geocacher freigegeben. Wenn der Behälter von einem Schatzsucher gefunden wurde, können dort beliebige Gegenstände hinterlassen werden. Zum Schluss tragen sich erfolgreiche Schatzsucher in einem Logbuch ein und hinterlassen eine Botschaft. Oft werden auch kleine Geschenke in den Dosen verstaut, die von anderen mitgenommen werden dürfen. Laut Tom Gabel sei es danach wichtig, dass die Behälter wieder fest verschlossen und am gleichen Ort versteckt werden. Nur so sei sichergestellt, dass kein Unbeteiligter die Gefäße findet.

An jeder Station müssen kleine Rätsel oder Rechenaufgaben gelöst werden, um die Koordinaten zum letzten Geocache herauszufinden. "Ob man alles richtig gelöst hat, erfährt man erst am Ende der Tour. Wenn man Pech hat, kann man schnell 50 Meter vom Final Cache entfernt sein", sagt der erfahrene Geocacher Tom Gabel. Zu dem "Überlinger Fasnetscache" gehören neben dem Hänsele-Brunnen auch die historische Narrenzunft und die traditionelle Gastwirtschaft "Grüner Baum", das "Galgenhölzle" in der Fußgängerzone und der Suso-Brunnen in der Hostatt. Die Tour führt fast durch die gesamte Altstadt mit ihren alten Fachwerkhäusern und engen Gassen.

"Man meldet sich auf der Internetseite kostenlos an, gibt die Koordinaten im GPS-Gerät oder Smartphone ein und kann loslegen", erklärt Gabel. "Die Bandbreite ist unendlich vielfältig. Die einfachen Caches können mit dem Kinderwagen oder Rollstuhl erreicht werden. Für die schwierigen braucht man auch mal einen Taucheranzug oder eine professionelle Kletterausrüstung", sagt der 57-Jährige. Tom Gabel ist durch seine Freundin aufs Caching gekommen: "Sie macht das schon seit vielen Jahren und ist schon fast ein Profi, was die Schatzsuche angeht. Sie konnte mich sofort dafür begeistern."

In seiner Zeit als Geocacher hat Gabel schon einiges erlebt: "Manchmal beiße ich mir wochenlang an einer Aufgabe die Zähne aus, um die nächsten Koordinaten herauszufinden. Klingt verrückt, ist aber spannend", erklärt der ehemalige Hotelier. Laut Gabel kann Geocaching auch die Allgemeinbildung fördern, weil man sich auf der Suche mit fremden Fachbereichen auseinandersetzen muss. "Ich habe schon Geocaches gesehen, da wurde Enigma, also eine im Zweiten Weltkrieg verwendete Chiffremaschine, verwendet, um die Koordinaten zu verschlüsseln. Ein Thema, mit dem ich sonst nie in Berührung gekommen wäre", beschreibt der Überlinger.

Die Suche nach dem verborgenen Schatz kann allerdings auch gefährlich sein. Im Regelfall warnen die sogenannten "Owner", also die Besitzer der Geocaches, in der Beschreibung im Internet vor möglichen Gefahren. "Oft genug begibt man sich aber auch in unbekannte Gefilde. Jeder muss dann für sich selbst einschätzen, ob er die Risiken eingehen möchte oder nicht", sagt Gabel. Um einen Cache zu finden, ist der erfahrene Schatzsucher Tom Gabel auf Mallorca in eine verlassene Tropfsteinhöhle hinabgestiegen. "Die Höhle kennt keiner und natürlich hatte ich auch keinen Handyempfang. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was beim Abstieg mit Kletterseilen alles passieren hätte können", sagt Gabel

Überlingens Kreisjägermeister Hartmut Kohler kennt weitere Gefahren für Mensch und Tier: "Einmal wurden beispielsweise Rehe durch Geocacher aufgeschreckt, die dann auf die Straße gelaufen sind und fast einen Verkehrsunfall verursacht hätten", erklärt der Jäger besorgt. Wenn Caches in hohen Baumkronen hängen, können auch die Waldbewohner aus ihrem natürlichen Lebensraum verdrängt werden. Kohler bemängelt, dass bisher zu wenig Kommunikation zwischen den Veranstaltern, den Suchenden und den Jägern stattfand. "Wir müssen einfach miteinander reden, damit bestimmte Gefahrenbereiche tabu sind", sagt Kohler. Es gäbe genügend Waldgebiete, in denen es unproblematisch ist, wenn Geocacher unterwegs seien.

Touristisches Potenzial ausbaufähig

In großen Städten wie Freiburg, München oder Stuttgart finden regelmäßig Geocaching-Events statt. Mehrere tausend Schatzsucher begeben sich dabei in Gruppen auf die Suche. Tom Gabel findet, dass auch kleinere Städte wie Überlingen von den Geocachern profitieren könnten: "Wenn sich die Stadt mehr mit dem Thema beschäftigen würde, dann wäre Geocaching ein echter Wirtschaftsfaktor. Ich fahre oft mehrere Stunden, nur um versteckte Schätze zu suchen und die Community ist unfassbar groß", erklärt Gabel. Für sein Vorhaben bleibe ihm dann auch eine Übernachtung oft nicht erspart. Darüber hinaus lernen Einheimische auf spielerische Art ihre Umgebung besser kennen. "Durchs Geocaching habe ich viele neue Orte in meiner unmittelbaren Umgebung gesehen, obwohl ich ein Überlinger Urgestein bin. Man nimmt die Orte einfach ganz anders wahr."

Auch Benjamin Philipp, sein 13-jähriger Sohn und seine Frau sind begeisterte Geocacher. Seit über sechs Jahren erschaffen sie ihre eigenen Schätze und suchen nach versteckten Orten. "Es läuft immer gleich ab: Aus einer Idee wird ein Projekt und dann gehen wir in unseren Keller und fangen an zu werkeln. Wenn ich einen Cache plane, dann versuche ich immer, etwas Großartiges zu erschaffen", sagt er. Gemeinsam mit seiner Familie hat er das Hexenhäusle im oberen Stadtgarten in Überlingen nachgebaut und sorgte damit im sozialen Netzwerk Facebook für Aufsehen. "Warum ist das obere Dach vom Hexenhaus im Gebüsch seit Wochen angekettet?", fragte ein User. In den Kommentaren häuften sich viele Spekulationen, doch schnell war klar, dass Familie Philipp für das Miniaturhäuschen als Geocache verantwortlich ist. Sie investieren viel Arbeit, Zeit und Geld in ihre Projekte. Am Ende lohnt es sich trotzdem, denn: "Wenn wir die tollen Logbucheinträge der anderen Cacher lesen, dann wissen wir warum wir das machen", sagt er.

Benjamin Philipp glaubt wie Tom Gabel, dass die Stadt Überlingen das Potenzial von Geocaching bislang nicht erkannt hat. "Das Spiel an sich ist kostenfrei, aber Geocacher müssen etwas essen und eventuell irgendwo schlafen, wenn sie von außerhalb kommen", betont der 34-Jährige. Der Erbauer des kleinen Hexenhäusles kann sich auch in den Gewölben unterhalb der Stadt eine spannende Suche vorstellen, von der alle Beteiligten profitieren würden: "Wenn man die Sache ausbaut und mal überlegt, dass Überlingen fast komplett unterirdisch noch einmal besteht, dann kann man daraus schon etwas machen.

" Auch die jungen Touristen könnten eine lukrative Zielgruppe sein, die bislang noch nicht in den Blick genommen wurde. Der Überlinger würde sich freuen, wenn die Stadt für die Kleinsten Geocaching anbietet und damit die Geschichte spielerisch vermittelt. Das Stadtbild biete seiner Meinung nach alles, was ein Geocacher braucht.

Die Kur und Touristik (KuT) Überlingen hat sich mit dem Thema Geocaching bislang noch nicht auseinandergesetzt. "Es gibt in der Region Privatinitiativen, die das Ganze eigenständig organisieren", sagt Edda Nagel von der Tourist-Information Überlingen. Deshalb habe sich die KuT nicht angesprochen gefühlt, um weiter aktiv zu werden, erklärt sie. Auch für Jürgen Jankowiak, Geschäftsführer der KuT, war Geocaching bislang kein Thema. "Andere Orte am See haben im Familienbereich etwas mit Geocaching gemacht. Wir setzen uns damit auseinander, wenn die Experten auf uns zukommen", sagt Jankowiak. Dann könne die Idee vielleicht auch in Überlingen ausgebaut werden.

Die Stationen der Fasnets-Geocaches sowie weitere Geocaches:

 

So entstand Geocaching

Ursprünglich kommt die Idee aus den USA: Dave Ulmer aus Portland wollte die Genauigkeit der GPS-Satelliten testen und versteckte im Jahr 2000 einen Behälter im Wald. Darin enthalten waren beispielsweise Geldscheine, ein Buch und eine Steinschleuder. Er veröffentlichte die Koordinaten im Internet und stellte dabei folgende Regel auf: Finde den Eimer und hinterlasse dort etwas. Die Idee des Geocachings war geboren. Heute gibt es weltweit über zwei Millionen Caches in unterschiedlichen Formen und Größen.