In Überlingen entbrennt dreieinhalb Jahre vor Eröffnung der Landesgartenschau und dreieinhalb Jahre nach Preisvergabe an die Landschaftsarchitektin Marianne Mommsen ein neuer Richtungsstreit. Landschaftsarchitekt Johann Senner (links), der für die Stadt erfolgreich die Bewerbung um die Landesgartenschau geschrieben hatte, kämpft für den Erhalt der Platanenallee, die im Mommsen-Plan nicht mehr vorgesehen ist. Grünflächenamts-Chef Rolf Geiger (rechts) verteidigt die Fällung und sagt, dass insgesamt eine ökologische Aufwertung mit dem neuen Uferpark West und Baumpflanzungen an anderer Stelle zu erwarten sei. Senner und sein Verein "Futur" hatten am Freitag zu einem Spaziergang aufs Gelände eingeladen. Senner zweifelte die Kompetenz des Projekts an, vermisst Transparenz in der Entwurfsplanung und die Einbeziehung der Bürger.

Barbara Gittner pflichtete Johann Senner bei: „Wenn diese Platanen gefällt werden, dann ist das ein Verlust von Heimat“, sagte die 78-Jährige unter dem Applaus der Besucher. Gittner wuchs in der Samenhandlung Gittner auf, im Westen von Überlingen, wo 2020 die Landesgartenschau stattfinden soll. Eben hier hatte Landschaftsarchitekt Johann Senner, Vorsitzender des Vereins „Futur“, am Freitagabend zu einem öffentlichen Spaziergang eingeladen. Ihm gehe es um ein klares Ja zur Landesgartenschau, betonte Senner zu Beginn – um dann sein klares Nein auszusprechen zum Abriss der Uferbefestigung und der seiner Untersuchung nach "teils über 120 Jahre alten Platanen".

Gemeinderat Robert Dreher war überrascht von der Wucht des Vortrags und mit dem Inhalt alles andere als einverstanden. Er sagte am Rande der Veranstaltung: „Man kann hier fast schon von Sabotage sprechen“, die Senner betreibe. Mit Senners Vortrag, das war auch die Ansicht anderer Gemeinderäte sowie Vertreter der „Freunde der Landesgartenschau“, sei ein Generalangriff auf die bisherige Planung verbunden. Warum erst dreieinhalb Jahre vor dem Ausstellungsjahr, das sei nicht verständlich.

 

Unter den Besuchern ging eine Unterschriftenliste herum, für den Erhalt von Bäumen und Mauer. Auf ihr unterschrieb auch Architekt Thomas Pross. Er sei schon immer für den Erhalt gewesen, sagte er. Es sei jetzt der richtige Zeitpunkt, dafür einzutreten. Er argumentiert mit Senner und kritisiert, dass die Landesgartenschau GmbH bis jetzt keine detaillierten Pläne gezeigt habe, der sich entnehmen ließe, welcher Baum gefällt wird. Pross war überrascht, wie er am Samstag dem SÜDKURIER entnehmen konnte, dass die Genehmigungsplanung, die einen Grünordnungsplan enthält, bei den Behörden schon eingereicht wurde. Pross vermisst eine Prüfung der Alternativen, beziehungsweise hätte sich gewünscht, dass die Ergebnisse daraus bekannt gegeben werden.

Die Alternative, sagte Gemeinderat Ulf Janicke, sei aber doch seit Jahren klar und vom Verein Bürgersinn vor dem Bürgerentscheid propagiert worden: Erhalt der Mauer und Schaffung eines Bürgerparks mit kleineren Eingriffen in das Landschaftsbild. Die Bürger hätten sich dafür jedoch nicht entschieden, sondern für den Mommsen-Plan, der als Grundlage beim Bürgerentscheid auf dem Tisch lag. Jedem Überlinger müsse seit Jahren klar sein, dass das Ufer abgeflacht wird. „Und da die Bäume keine Luftwurzeln haben“, wie Janicke sagte, sei klar, dass die Bäume fallen.

Mit Senners Generalangriff auf den Plan der Landschaftsarchitektin Marianne Mommsen, die am Freitag extra aus Berlin angereist kam, betrieb der Futur-Vorsitzende Kollegenschelte. Das rang wiederum dem in Überlingen lebenden Architektur-Professor Christian P. Rassaerts Respekt ab. Er wisse, wie schwer es ist, gegen Kollegen und gegen einen Wettbewerb zu reden, „und deshalb verstehe ich auch Ihre Nervosität“. Es sei phantastisch, sagte Rassaerts, dass nun Senner als fachkundiger Bürger „SOS funkt, bevor das Schiff sinkt“.

Senner wirkte am Freitagabend aufgewühlt. Er sei „aufgeregt“, sagte er ins Mikrophon, „das kommt selten bei mir vor“. Im Stadtarchiv sei er als der erste Planer identifiziert worden, der sich nach der Ufermauer erkundigte, einer Trockenmauer aus dem 19. Jahrhundert, die er für kulturhistorisch bedeutend hält, weil sich an ihr und der Platanenallee die Entwicklung Überlingens zur Kurstadt ablesen lasse. Dass es in dreieinhalb Jahren Planungszeit nicht möglich gewesen sein soll, eine Bestandserhebung zu erstellen, stattdessen er als interessierter und fachkundiger Bürger „fast detektivisch ermitteln“ musste, welche Bäume gefällt werden sollen, „das ist ein Unding“.

 

 

Die handelnden Personen

  1. Johann Senner fühlt sich von Stadt und Landesgartenschau GmbH verunglimpft. Beide Stellen hatten in einem SÜDKURIER-Bericht von Donnerstag darauf hingewiesen, dass Senners Büro, die Planstatt Senner, mit dem Auslobungstext für den landschaftsarchitektonischen Wettbewerb beauftragt war und dabei bereits ausdrücklich die Möglichkeit eingeräumt wurde, Bäume und Mauer abzureißen. „Man kann mir die Fällung nicht in die Schuhe schieben“, sagte Senner. Er verwies darauf, dass das Preisgericht pluralistisch besetzt sei und man im Wettbewerb gute Ideen erzielen wollte, sie sollten nicht an einem Dogma scheitern. „Der Geist des Auslobungstextes war aber ganz klar, dass die Bäume erhaltenswert sind.“ Er betrachte es als die Ur-Aufgabe von Landschaftsarchitekten, Bäume zu erhalten. Im bisherigen Planungsprozess habe an anderer Stelle eine Transformation stattgefunden, beispielsweise für den Erhalt der Kastanienbäume am Mantelhafen. „Ich weiß aber nicht, warum für den Erhalt der Platanen bisher keiner den Anwalt spielte.“
  2. Rolf Geiger, Abteilungsleiter Grünflächen der Stadt, wies darauf hin, dass die Bäume, die gemäß Baumschutzsatzung ersetzt werden müssen, als Allee in Straßenzügen gepflanzt würden. "Wir haben schon konkrete Vorstellungen." Die Wertigkeit der Bäume sei sehr unterschiedlich, die südliche Seite sei 35 Jahre alt, auf der Nordseite stünden noch "ganz wenige aus dem Ursprungsbestand". Außerdem sei der Zustand "sehr schlecht, weil die bäume am Straßenrand jahrzehntelang von Verkehr und Straßenbau und Gewerbe malträtiert wurden". Geiger plädiert für eine langfristige Betrachtung. Demnach sei mit der Uferrenaturierung bei gleichzeitiger Neupflanzung an anderer Stelle eine ökologische Aufwertung zu erwarten.
  3. Roland Leitner, Geschäftsführer der Landesgartenschau GmbH, sagte am Rande des Spaziergangs, dass die GmbH den Vorstand von Futur vor 14 Tagen zum Gespräch eingeladen, aber eine Absage erhalten habe. Wobei er wohl auch bei diesem Gespräch keinen Einblick in Detailpläne gewährt hätte. Leitner: "Das ist unüblich, dass man mitten im Genehmigungsverfahren solche Detailpläne mit der Öffentlichkeit diskutiert."
  4. Marianne Mommsen, Chef-Planerin, blieb am Freitag wie Leitner in der Rolle der Zuhörerin. Ein Zitat aus dem Amtsblatt von 28. März 2013, wonach laut Mommsen "im überarbeiteten Entwurf fast alle Bäume erhalten" blieben, rückte sie als "verkürzt dargestellt" zurecht. Demnach habe sie damals nur den Bereich gemeint, in dem das Gelände nicht modelliert wird.