Drehorgelbauer Josef Raffin und Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau sind, obwohl sie die gleiche Sprache sprechen, noch nie aufeinandergetroffen. Beim zweiten "Gemischten Doppel", der SÜDKURIER-Gesprächsreihe im Überlinger Augustinum, schwärmen der Drehorgelbauer und die Organistin von diesem Kribbeln, das sie beim Klang einer Orgel verspüren. Stefan Hilser, Leiter der Lokalredaktion und Moderator auf dem Podium, bringt diesmal Orgelbau und Kirchenmusik zusammen. Raffin und Jäger-Waldau teilen besondere Erinnerungen und Anekdoten mit dem Moderator und dem Publikum.

Josef Raffin, Jahrgang 1932, war einst Hirtenjunge und Knecht. Nach dem Krieg machte er eine Lehre zum Orgelbauer. Melanie Jäger-Waldau, Jahrgang 1970, wollte eigentlich 400-Meter-Läuferin werden und studierte dann doch in München Kirchenmusik. Die 50 Jahre alte Münsterorgel beherrscht die Organistin virtuos. "Es ist eine Faszination, die ich nie mehr vergessen habe", erinnert sich Raffin an ein Erlebnis im Überlinger Münster. Er war zum Stimmen der alten Orgel, die bis Ende der 60er-Jahre im Nikolausmünster stand, in das Instrument gestiegen. Raffins damaliger Lehrmeister spielte die Orgel an. Die Töne der langen Pfeifen erfassten den jungen Mann. Gerne hätte Raffin ein Musikinstrument erlernt. Anfänglich war jedoch das Geld nicht da. Später seien seine Finger nicht so schnell gewesen, wie er wollte. Fingerfertigkeit bewies er also vor allem im Familienunternehmen, das 1960 gegründet wurde und sich seit den 70er-Jahren auf den Bau hochwertiger Drehorgeln konzentriert. 25 Exemplare werden pro Jahr angefertigt und in die ganze Welt verschickt.

Josef Raffin mit seiner Tochter Friedlinde Engesser, die beim zweiten "Gemischten Doppel" im Überlinger Augustinum den Variantenreichtum der Drehorgeln präsentiert.
Josef Raffin mit seiner Tochter Friedlinde Engesser, die beim zweiten "Gemischten Doppel" im Überlinger Augustinum den Variantenreichtum der Drehorgeln präsentiert. | Bild: Jenna Santini

Friedlinde Engesser, eine der acht Töchter der Eheleute Raffin, leitet den Betrieb mit ihrem Ehemann. Im Überlinger Augustinum demonstriert sie den Variantenreichtum der kleinen Orgeln: vom Ohrwurm "Griechischer Wein" bis hin zu Stücken aus der Verdi-Oper "La Traviata".

Ergriffen ist auch Melanie Jäger-Waldau, wenn sie im Münster an der Orgel improvisiert. "Ich weiß in dem Augenblick, in dem ich spiele, nicht, was als Nächstes kommt", sagt die Münsterkantorin. Grundlage sind immer die Melodien der Kirchenlieder. Von der Organistin werden sie bei einer Improvisation spontan zitiert und ausgeweitet. 3672 Orgelpfeifen kann sie zum Klingen bringen. Diese sind teilweise acht Meter lang. "Für mich eröffnet jeder Ton Möglichkeiten für Harmonien darunter", berichtet Jäger-Waldau. So bleibt der Überlinger Narrenmarsch immer der Überlinger Narrenmarsch, kann sich zugleich aber ganz neu anhören, wie die Zuhörer an diesem Abend erfahren. Passend zu den Tönen zeigt Jäger-Waldau, wie ihre Hände und Füße bei der Aufnahme über die Tasten und Pedale der Orgel gewandert sind.

Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau, SÜDKURIER-Redaktionsleiter Stefan Hilser und Drehorgelbauer Josef Raffin auf dem Podium im Überlinger Augustinum.
Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau, SÜDKURIER-Redaktionsleiter Stefan Hilser und Drehorgelbauer Josef Raffin auf dem Podium im Überlinger Augustinum. | Bild: Jenna Santini

Mit ihrer Musik habe sie den Himmel für sie geöffnet, hat die Besucherin eines Gottesdienstes einmal zu der Überlinger Münsterkantorin gesagt. Orgelspiel berührt die Menschen tief. Die Besucher im Augustinum lauschen beim Spiel von Jäger-Waldau bedächtig. Insbesondere die tiefen Töne lassen die Magengegend erbeben. Über der Nikolausorgel im Münster bröckelt gelegentlich der Putz. "Noch ist alles fest", garantiert Jäger-Waldau lachend. Seit 1995 ist sie als Organistin, Leiterin von sieben Chorgruppen sowie Dirigentin und künstlerische Leiterin der Konzerte im Münster tätig.

Das Münster sei nicht nur ein warmer Raum, sondern ein Raum voller Kraft, sagt sie. Es sei ein Geschenk, dort zu arbeiten. Raffin und Jäger-Waldau wollen sich wiedersehen: auf der Empore zur Münsterorgel. Der Orgelbauer will einer Orgel in dieser Größe ein letztes Mal nahe sein.

Bedächtiges Zuhören beim "Gemischten Doppel" im Überlinger Augustinum. Gespielt wird eine Orgel-Improvisation von Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau (links). Die Organistin und Drehorgelbauer Josef Raffin (rechts) sprachen mit SÜDKURIER-Redaktionsleiter Stefan Hilser über ihre Leidenschaft für die kleinen und großen Orgeln. Im Vordergrund ist eine Drehorgel aus dem Hause Raffin zu sehen.
Bedächtiges Zuhören beim "Gemischten Doppel" im Überlinger Augustinum. Gespielt wird eine Orgel-Improvisation von Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau (links). Die Organistin und Drehorgelbauer Josef Raffin (rechts) sprachen mit SÜDKURIER-Redaktionsleiter Stefan Hilser über ihre Leidenschaft für die kleinen und großen Orgeln. Im Vordergrund ist eine Drehorgel aus dem Hause Raffin zu sehen. | Bild: Jenna Santini

 

Die Gesprächsreihe

Das Gesprächsformat „Gemischtes Doppel“ wird regelmäßig von der SÜDKURIER-Redaktion und dem Wohnstift Augustinum Überlingen zu einem bestimmten Thema organisiert. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist jedes Mal frei, um Spenden wird gebeten. Beim Podium mit Drehorgelbauer Josef Raffin und Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau sind knapp 600 Euro an Spenden zusammengekommen. Das Augustinum wird den Betrag nach Angaben von Kulturreferentin Olivia Schnepf auf 750 Euro aufstocken. Die Spenden sind zweckgebunden und kommen dem Förderverein der Wiestorschule für musische Projekte in Integrationsklassen zugute. Der Termin für das nächste "Gemischte Doppel" von SÜDKURIER und Augustinum steht noch nicht fest, wird aber rechtzeitig bekannt gegeben. Gesprächspartner im Oktober vergangenen Jahres waren Roland Hilgartner vom Affenberg Salem und Johannes Fritz vom Wiederansiedlungsprojekt für Waldrappe.