Wer sich vor dem Theaterabend noch die Nachrichten im Fernsehen angetan hatte, glaubte auf der Bühne ein Déja-vu zu erleben. Von brennenden Regenwäldern am Amazonas ist hier wie da die Rede und von klimaschädlichem Fleischkonsum der Schnäppchenjäger. Aktueller hätte das Stück „Make your heart beat again“ von Florian Hackspiel für das Sommertheater nicht sein können. Wie sagte ein Zuschauer beim Hinausgehen: „Davon bleibt mit Sicherheit mehr hängen als von einer Woche Nachrichten.“

Kein heiteres oder tiefgründiges Handlungstheater

Schluckbeschwerden bei den Zuschauern lösten die drei Schauspielerinnen Claudia Carus, Angela Schausberger und Katharina Vana vom „Theater Melone“ durch komische und witzige Momente aus, die zur Verdaulichkeit der zeitkritischen Szenen-Collage beitrugen. Wer an dem regnerischen Sommerabend ein durchgängig heiteres oder tiefgründiges Handlungstheater erwartet hatte, mochte vielleicht nicht ganz glücklich sein. Obwohl Hackspiels Inszenierung beide Attribute gleichermaßen für sich in Anspruch nehmen kann und tragfähige Brücken zwischen Poesie und Politik schlug. „Die Evolution hat den Kuss erfunden, die Industrie die Waffen“, gehörte zu den eindringlichsten Formulierungen.

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SÜDKURIER-Karikaturist Stefan Roth „geplättet“

„Ich bin geplättet“, war SÜDKURIER-Karikaturist Stefan Roth fast sprachlos. Der Künstler mit dem spitzen Zeichenstift hatte mit seinem Beitrag eines hungrigen Mannes, der den Globus verspeist, das Plakatmotiv geprägt. „Das Stück war wahnsinnig beeindruckend. Es war sehr schön und hat subtil viele Fakten transportiert“, sagte Roth. Das Gesehene erst noch etwas nachwirken lassen mussten Manfred Wolfrum und Christoph Morlock, die Organisatoren der Wangener Festspiele und Partner des Vorjahres. „Das war toll inszeniert. Und es stimmt leider alles“, erklärt Wolfrum. Morlock rückt die Inszenierung „in die Nähe eines Kabaretts“.

Mit einem rasanten Plastik-Musical versuchen Angela Schausberger, Katharina Vane und Claudia Carus, die Menschheit zur Vernunft zu bringen. Später versuchen sie es doch politisch.
Mit einem rasanten Plastik-Musical versuchen Angela Schausberger, Katharina Vane und Claudia Carus, die Menschheit zur Vernunft zu bringen. Später versuchen sie es doch politisch. | Bild: Hanspeter Walter

Besucher nutzen erste Atempause nach 30 Minuten zum Applaus

Geplättet vom furiosen, exportintensiven Einstieg mit regelrechten Wortsalven und Sprachspielen war auch das Publikum. In dem mit 200 Besuchern ausverkauften Pfarrsaal nutzte es erst nach 30 Minuten eine kleine Atempause zum ersten Applaus. Am Ende war der Beifall um so anhaltender. Regisseur Florian Hackspiel schien ebenso erleichtert wie Thomas-Michael Becker vom Förderverein Sommertheater Überlingen, der das Projekt in diesem Jahr ohne städtische Hilfe stemmen muss. Umso mehr hatte Becker bei seiner Begrüßung der Volksbank gedankt, die das Vorhaben als Hauptsponsor erst möglich mache.

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Akteurinnen grasen ganze Region geografisch ab

Bewundernswert allein waren das Tempo der Sprache, die inhaltlichen Wendungen, denen zu folgen dem Publikum einiges abverlangt. Leichter wurde es, wenn die Schauspielerinnen bei der Suche nach der Wahrheit in Überlingen landen und die ganze Region geografisch abgrasen. Von Unteruhldingen bis Oberuhldingen, von Bermatingen bis Eigeltingen, vom Affenberg bis zum Säntis. Schließlich tourten die Akteurinnen verbal um den Globus und beleuchteten viele Länder mit deren Licht- und Schattenseiten.

Am Ende schimmert der Ernst der Lage durch

Und plötzlich schimmert der Ernst der Lage durch, je mehr sich die Reise im Traum der Erde näherte. „Ich sehe dein schönes Blau, deine dünne Atmosphäre, den Gazastreifen und den Kölner Dom, ich sehe den Jemen und Amazonasfeuer.“ „Du hast dich verletzt auf deiner dünnen Haut“, tönt es von der Bühne, bis die Träumerin erwacht. „Wo bin ich hier?“, fragt sie verzweifelt und weiß nur: „Ich habe 1370 Freunde auf Facebook, 284 Follower auf Twitter und mein letzter Post hatte 117 Likes.“

„Das ist keine Triangel. Das ist keine Geige. Das ist nicht Vivaldi.“ Subtil versuchen die Akteurinnen, den Zuschauern populistische Fake News ins Bewusstsein zu rücken. Im Bild Katharina Vana und Angela Schausberger.
„Das ist keine Triangel. Das ist keine Geige. Das ist nicht Vivaldi.“ Subtil versuchen die Akteurinnen, den Zuschauern populistische Fake News ins Bewusstsein zu rücken. Im Bild Katharina Vana und Angela Schausberger. | Bild: Hanspeter Walter

Musical, rauschende Party, Loriot‘scher Stoiber-Sprech

Passagen ähneln einem Lehrstück nach Brecht, andere durchweht ein Hauch von absurdem Theater, um schließlich alles wieder in einer witzigen Wendung aufzulösen. Vom Musical über eine rauschende Party mitten im Plastikmüll führt der Weg zu den politischen Herausforderungen, die sich allerdings in Loriot'schem Stoiber-Sprech verheddern. Fröhlich scheint Vivaldis „Frühling“ auf, doch er ist es gar nicht.

Wahrheit und Wirklichkeit verschwimmen

Wahrheit und Wirklichkeit verschwimmen mit der aufkeimenden Realitätsverweigerung. „Das ist keine Geige, die Sie da sehen, und Sie hören auch nicht Vivaldi“, erklärt Katharina Vana die mutmaßlichen Fake News und predigt dem Publikum: „Sie denken nicht, was Sie denken. Sie fühlen nicht, was Sie fühlen.“ Am Ende wird das Publikum jedoch im Geiste von Saint-Exupérys kleinem Prinzen entlassen: Nur mit dem Herzen sieht man gut, make your heart beat again, lasst eure Herzen wieder schlagen, knipst die Erdkugeln wieder an, die Hoffnung stirbt zuletzt.