Die Eröffnung der neuen Ausstellung "Monster und Geister" feiert das Städtische Museum mit einer "Langen Nacht der Geisterseher". Dass dieser Titel nicht ironisch gemeint ist, beweist der Vortrag des Schweizer Volkskundlers Kurt Lussi vom Historischen Museum Luzern: "Dracula und der Vampir von Highgate. Einem Phänomen auf der Spur." Lussi spricht allen Ernstes von Spukhäusern, unsichtbaren Geisterwegen und Vampiren. Fazit: "Es gibt etwas." Am 1. Juli geht Lussi in den Ruhestand und dann kann er ungehemmt auf Gespenstersuche gehen. Ein Geistermessgerät aus Singapur hat er bereits geordert und in seinem Heim ausprobiert, mit dem Ergebnis: "Jeden Abend kommt eine magische Kraft ins Haus und ist bis Sonnenaufgang weg." Lussi ist überzeugt: "Höhere Mächte existieren." Als Beweis dafür nennt er die oft unerklärliche Liebe zwischen zwei Menschen, die eigentlich gar nicht zusammenpassen.

Riesenandrang herrscht im Städtischen Museum bei der "Langen Nacht der Geisterseher" zum Auftakt der "Monster"-Ausstellung, die Oberbürgermeister Jan Zeitler (vorne rechts) eröffnete. Bild: Sylvia Floetemeyer
Riesenandrang herrscht im Städtischen Museum bei der "Langen Nacht der Geisterseher" zum Auftakt der "Monster"-Ausstellung, die Oberbürgermeister Jan Zeitler (vorne rechts) eröffnete. Bild: Sylvia Floetemeyer

Lussis Spurensuche gingen die Eröffnung der Ausstellung durch OB Jan Zeitler voran sowie eine Einführung zur Schau und wissenschaftliche Erläuterungen zu ausgewählten Exponaten durch Kulturamtsleiter Michael Brunner, Kuratorin Claudia Vogel und Archäologin Ulrike Gollnick. Musikalisch haben Pianistin Elli Freundorfner und Querflötistin Julia Stocker "in das Unheimliche" eingestimmt. Sie setzen ihr Programm nach Lussis Vampirjagd passend mit "Geistermusik aus der Romantik" fort und begeistern wahrhaftig mit ihrer hinreißenden Interpretation von Carl Reineckes "Undine" – als wollten sie beweisen, dass Gespenster am besten in der Kunst aufgehoben sind.

Pianistin Elli Freundorfner und Querflötistin Julia Stocker stimmen begeisternd musikalisch auf das Unheimliche ein. Bild: Sylvia Floetemeyer
Pianistin Elli Freundorfner und Querflötistin Julia Stocker stimmen begeisternd musikalisch auf das Unheimliche ein. Bild: Sylvia Floetemeyer

Das zeigen auch die Ausführungen von Nikola Patzel, Überlinger Umweltwissenschaftler und "Analytischer Psychologe nach C. G. Jung". Anhand zahlreicher Kunstwerke, vor allem Bildern des Schweizer Malers Peter Birkhäuser, der auch in der Ausstellung vertreten ist, illustriert er sein Referat: "Mit Monstern und Geistern kämpfen oder reden? Annäherungen an die Symbolik der Innenwelt". Patzel will "eine Art Mittelweg" zeigen zwischen den Polen Esoterik und Rationalismus. Er geht dabei etwa den Fragen nach, was Geister oder "Monster als Tier-Mensch-Mischwesen" bedeuten könnten. Bei Letzteren handle es sich um "archetypische Muster menschlichen Erlebens", die seit der Altsteinzeit in allen Kulturen vorkämen. Solche Wunderwesen besiedelten in der Vorstellung meist weit entlegene Orte. "Die Innenwelt wird in die ganz, ganz ferne Außenwelt projiziert. Dieses Phänomen tritt weltweit auf." Künstler, wie Birkhäuser, hätten die Möglichkeit, das, was über ihr Bewusstsein hinausgehe, in Bilder auszulagern, etwa wenn Birkhäuser die Vorahnung um den nahen Tod seiner Frau als "Weiße Frau" darstelle. Viele Menschen seien sich gewisser Anteile in ihrer Psyche aber nicht bewusst. So identifizierten sich die Betrachter von Darstellungen, die einen Drachen und seinen Bezwinger zeigten, mit dem Helden "und suchen den Drachen nicht in sich". Das könne fatale Folgen haben bis hin zum Wahn, dass man nur alle Drachen töten, sprich: alle äußeren Gegner vernichten müsse, und dann sei alles gut. "Es ist immer wieder dasselbe Muster", so Patzel. Enorme Gegensätze, etwa Anteile sowohl von Rationalismus als auch Irrationalismus, seien in Jedem vorhanden. Es sei gut, auch um Letztere zu wissen und sie als persönliche Erfahrung wahrzunehmen und zu akzeptieren.

Es folgt ein staubtrockener Vortrag zur Geschichte der Parapsychologie von Eberhard Bauer, Vorstand des privat finanzierten Freiburger "Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene" (IGPP). Die Parapsychologie, die in der akademischen Welt im Allgemeinen nicht als Wissenschaft angesehen wird, beschäftigt sich mit scheinbar unerklärlichen Phänomenen wie vermeintlichen Geistererscheinungen oder angeblichen Fähigkeiten wie Hellsehen und Telepathie. Wer sich von Bauer klare Aussagen erhofft hatte, ob es Übersinnliches seiner Ansicht nach gibt, kam nicht auf seine Kosten. Er reißt lediglich kurz einige Beispiele an wie den "Spukfall Rosenheim" von 1967, erwähnt aber nicht, dass vieles darauf hindeutet, dass es sich dabei um eine Täuschung handelte. Untersucht hatte diesen Fall damals "Spukforscher" Hans Bender. "Mein verehrter Chef", sagt Bauer, der einst sein Assistent war. Bender gründete das IGPP 1950 und hatte von 1954 bis 1975 an der Universität Freiburg einen Lehrstuhl für "Grenzgebiete der Psychologie" inne, der seit 1998 nicht mehr existiert.

Mit dem Vortragsmarathon ist der Spuk aber noch nicht vorbei: Da Menschen, anders als man es Geistern nachsagt, nicht auf feste Nahrung verzichten können, sind die Besucher anschließend zur "Henkersmahlzeit" geladen. Es gibt Glühwein und eine blutrote Tomatensuppe, die Alexander Metzler gekocht hat. Übrigens steigt am 26. Oktober die nächste "Geisternacht" im Museum, dann aber, zum vierten Mal, für Kinder und mit garantiert echten Gespensterdarstellern.

 

Geister-Ausstellung

Die Ausstellung "Monster und Geister vom Mittelalter bis heute" ist im Städtischen Museum Überlingen bis 15. Dezember 2018 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag: 9 bis 12.30 Uhr und 14 bis 17 Uhr. Sonn- und Feiertag: 10 bis 15 Uhr. Montag geschlossen. Weitere Infos unter: Tel. 0 75 51 / 99 10 79 oder im Internet unter: www.museum-ueberlingen.de