Begleitet von seltenen Sonnenstrahlen trafen sich am Freitagabend rund 50 Menschen auf dem Friedhof zu einem geführten Spaziergang. Es galt, die besonderen Orte und Grabstätten zu besuchen, begleitet von lyrischen Gedanken zu Trauer und Tod sowie Geigenklängen.

Mit so vielen Teilnehmern hatte Organsiatorin Edith Körner von der Hospizgruppe nicht gerechnet.
Mit so vielen Teilnehmern hatte Organsiatorin Edith Körner von der Hospizgruppe nicht gerechnet. | Bild: Julia Rieß

„Mit so vielen Interessierten haben wir nicht gerechnet“, freute sich Edith Körner, die stellvertretende Vorsitzende der Hospizgruppe Überlingen. Je mehr Menschen sich dem Thema Tod öffnen und ihm Platz in der Gesellschaft machen, desto näher kommen die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Hospizgruppe ihrem Ziel.

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Daran ist auch der Lyrikerin, freien Autorin und Rundfunkjournalistin Eva Christina Zeller gelegen, die an den verschiedenen Stationen aus ihrem Gedichtband „Die Erfindung Deiner Anwesenheit“ Gedichte las. In denen fasste sie in Worte, wie sie die Trauer um den eigenen verstorbenen Partner erlebte.

Rast an einer der Stationen auf dem Friedhof: Eva Christina Zeller (links) las, Elisabeth Jacob (Mitte) spielte Geige und Edith Körner von der Hospizgruppe (rechts) führte über den Friedhof.
Rast an einer der Stationen auf dem Friedhof: Eva Christina Zeller (links) las, Elisabeth Jacob (Mitte) spielte Geige und Edith Körner von der Hospizgruppe (rechts) führte über den Friedhof. | Bild: Julia Rieß

„Als mein Freund starb, gab es noch keine Hospizbewegung“, erzählte Zeller. „Ich weiß noch, wie ich durch die Gänge des Krankenhauses lief und nach jemandem, nach etwas, das uns in dieser Situation helfen könnte, suchte.“ Nach dem Tod ihres Partners schrieb sie ein Requiem, erst mehr als 20 Jahre später die Gedichte, die davon handeln, „wie wir mit denen leben, die nicht mehr hier sind“.

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Bereits vor fünf Jahren hatte Oswald Burger die Lyrikerin aus Tübingen nach Überlingen empfohlen. Woraufhin sie gemeinsam mit Geigerin Elisabeth Jacob zum ersten Mal einen Friedhofsspaziergang begleitete. Das passte offenbar so gut, dass sie in der gleichen Formation fünf Jahre später wieder zusammenkamen. „Wir wollen in Stille beginnen und zulassen, was in und um uns geschieht“, forderte Edith Körner die Gruppe auf, den Spaziergang zu beginnen, hin zur ersten Station, dem Grab des Dekan Fridolin Dutzi, der 1997 in Überlingen starb.

Der Grabstein von Fridolin Dutzi, Ideengeber für die Hospizgruppe Überlingen. Er starb drei Jahre nach deren Gründung.
Der Grabstein von Fridolin Dutzi, Ideengeber für die Hospizgruppe Überlingen. Er starb drei Jahre nach deren Gründung. | Bild: Julia Rieß

Hier erzählte Claus van de Loo, Gründungsmitglied der Hospizgruppe, von dem bemerkenswerten Geistlichen, der in den 1990er Jahren erstmals die Idee für die Überlinger Hospizgruppe hatte, und mit dem er in der Zeit vor dessen Tod in vertrauten Gesprächen eine tiefe Verbindung aufgebaut hatte. Wie an jeder der folgenden Stationen las Eva Christina Zeller ein Gedicht, bevor Elisabeth Jacob die Wirkung mit Geigenmusik nachklingen ließ und die Gruppe ihren Weg fortsetzte.

Mehr als eine Stunde dauerte der Spaziergang über den Überlinger Friedhof. Vorn, von links: Edith Körner, Elisabeth Jacob und Eva Christina Zeller.
Mehr als eine Stunde dauerte der Spaziergang über den Überlinger Friedhof. Vorn, von links: Edith Körner, Elisabeth Jacob und Eva Christina Zeller. | Bild: Julia Rieß

Vorbei am Grab des persischen Dichters Djamarani ging es zu einer freien Fläche. Wiese, in der Mitte ein Baum, unter dem Blumen und Kränze niedergelegt sind. „Hier weiß man nicht, wer wo genau begraben liegt, doch die Angehörigen haben die Möglichkeit, hier, unter diesem Baum, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen“, so Edith Körner.

Friedrich Georg Jünger war ein berühmter Lyriker, der von 1941 bis zu seinem Tode im Jahr 1977 in Überlingen lebte. An seinem ehemaligen Wohnhaus beim Landungsplatz erinnert eine Gedenktafel an ihn.
Friedrich Georg Jünger war ein berühmter Lyriker, der von 1941 bis zu seinem Tode im Jahr 1977 in Überlingen lebte. An seinem ehemaligen Wohnhaus beim Landungsplatz erinnert eine Gedenktafel an ihn. | Bild: Julia Rieß

Die dritte Station war ein Rondell, die Grabsteine auf den Gräbern ringsum tragen die Namen bekannter Überlinger. Ein besonders berühmter Name aber findet sich einen kurzen Spaziergang weiter. Hier befindet sich die Grabstätte des berühmten deutschen Lyrikers Friedrich Georg Jünger, der von 1941 bis 1977 in Überlingen lebte und hier auch starb. Eine der wohl am meisten besuchten Grabstätten, kommen doch auch viele Touristen hierher.

Besonders berührender Ort

Edith Körner wies auf einen Grabstein aus Glas hin, auf dem ein Labyrinth abgebildet ist, und sagte: „Das Labyrinth ist auch Erkennungszeichen der Überlinger Hospizgruppe.“ Schließlich kam die Gruppe an einen Ort, über dem ein großer steinerner Engel wacht. „Ein besonders berührender Ort für die Kleinsten der Kleinen, die Sternenkinder, die den Himmel oder die Sterne erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken durften“, erklärt Edith Körner.

Eva Christina Zeller am Ort der „Sternenkinder“. Im Vordergrund ist die Geigerin Elisabeth Jacob zu sehen.
Eva Christina Zeller am Ort der „Sternenkinder“. Im Vordergrund ist die Geigerin Elisabeth Jacob zu sehen. | Bild: Julia Rieß

Für den Abschluss des Spazierganges hatten die Mitglieder der Hospizgruppe ein freies, noch unberührtes Feld herausgesucht. Hier erwartete die Teilnehmer noch ein kleines Geschenk: Vergissmeinnicht-Samen und Sonnenblumenkerne. „Um zu Hause oder an dem Ort, der für Sie Bedeutung hat, schöne Erinnerungen erblühen zu lassen“, erklärte Edith Körner und ergänzte: „Als Zeichen der Verbundenheit im Hier und Jetzt.“