Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das gilt auch für das inzwischen beendete Sommertheater in Überlingen. Wobei die Frage derzeit noch offen ist, ob es überhaupt ein nächstes Spiel geben wird. Doch die Gesamtbilanz des neuen Konzepts kann sich sehen lassen. Ein furioses Finale mit einem begeisterten Publikum an den letzten Abenden macht den Verantwortlichen Mut. "Das war die Trendwende", sagte Thomas-Michael Becker, Vorsitzender des Fördervereins, voller Freude über die neue Zustimmung.

"Wir haben ein vielfältiges Programm gehabt und sind glücklich, dass alle Zuschauer freudig aus den Vorstellungen gekommen sind." Nach der letzten Zugabe Bernhard Stengeles mit dem Lied vom "fliegenden Robert" scheinen auch die Perspektiven des Vereins neue Flügel bekommen zu haben. "Wo der Wind wird hin uns zu tragen, das kann heut noch keiner sagen", modifizierte Becker den Struwwelpeter-Text: "Doch ich hoffe, es geht weiter."

Ein volles Haus zum Abschluss: Das Publikum war begeistert vom Programm des Überlinger Sommertheaters und feierte gut gelaunt das Finale. Die Auslastung über die ganze Spielzeit lag bei 65 Prozent. Bild: Hanspeter Walter
Ein volles Haus zum Abschluss: Das Publikum war begeistert vom Programm des Überlinger Sommertheaters und feierte gut gelaunt das Finale. Die Auslastung über die ganze Spielzeit lag bei 65 Prozent. Bild: Hanspeter Walter

Auch Oberbürgermeister Jan Zeitler, der sich bei der letzten Vorstellung einen persönlichen Eindruck gemacht hat, war angetan. "Es ist ein erfolgreiches Sommertheater geworden", stellte Zeitler fest. Der Förderverein habe ganze Arbeit geleistet. Als OB könne man nur stolz sein auf einen Verein, der so großes ehrenamtliches Engagement leistet. Auch wenn nur ein Viertel des bisherigen Etats zur Verfügung gestanden habe, sei "dennoch etwas Tolles herausgekommen". Er freue sich schon auf das erste Gespräch mit dem Verein. "Eines ist sicher: Überlingen braucht dieses Sommertheater", sagte Zeitler. "Ich werde es nach Kräften unterstützen, aber ich sage bewusst: nach Kräften."

So ist es nicht nochmal möglich

Zu der optimistisch kalkulierten Auslastung von 80 Prozent hat es zwar nicht gereicht. "Doch wir kommen auf etwa 65 Prozent", hat Organisator Simeon Blaesi schon beim Besuch von Manfred Kern, dem kulturpolitischen Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, konstatiert, der zu einem Gespräch mit dem Vorstand des Fördervereins in die Kapuzinerkirche gekommen war. Dabei ging es unter anderem um eine mögliche Förderung durch das Land. "65 Prozent sind für ein kulturelles Programm wie dieses eigentlich ein ganz guter Wert", sagte Blaesi. Für die Kalkulation des Sommertheaters reiche es unter den aktuellen Rahmenbedingungen allerdings nicht ganz. Obwohl das Ensemble sehr große Zugeständnisse gemacht habe, erklärte Thomas-Michael Becker. "Wäre das Sommertheater in diesem Jahr ausgefallen", betonte Bernhard Stengele, der künstlerische Leiter, "dann wäre das sicher das Ende gewesen." In dieser Form sei dies allerdings nicht noch einmal möglich.

Nach dem Finale des Sommertheaters 2017 hatten Fördervereinsvorsitzender Thomas-Michael Becker (links) und Oberbürgermeister Jan Zeitler noch gemeinsam gut lachen. Bild: Hanspeter Walter
Nach dem Finale des Sommertheaters 2017 hatten Fördervereinsvorsitzender Thomas-Michael Becker (links) und Oberbürgermeister Jan Zeitler noch gemeinsam gut lachen. Bild: Hanspeter Walter | Bild: Hanspeter Walter

Kulturpolitiker Kern hatte in Wangen die Premiere der dortigen Festspiele miterlebt. Dies sei ein gutes Beispiel für eine fruchtbare Kooperation von Kommune und Land. Die Stadt bezahle hier 90 000 Euro, das Land gebe mit einer 2:1-Förderung noch 45 000 Euro dazu. "Das ist nicht verbrieft, aber es läuft im Moment so." Bei der aktuellen Überlinger Summe von 30 000 Euro wären dies allerdings nur 15 000 Euro. Ein Antrag ans Ministerium mache nur Sinn, wenn man eine Zusage der Stadt und ein schlüssiges Finanzierungskonzept vorlegen könne, betonte Manfred Kern und empfahl, das Gespräch mit Ratsfraktionen zu suchen.

Das Ensemble ging mit einem Versprechen in Vorleistung. "Wir wären auf jeden Fall bereit, uns erneut zu engagieren", erklärte Kai-Christian Moritz für das Then-Quartett. Allerdings bedürfe es einer soliden Grundlage. Wobei Moritz noch einem explizit betonte: "Wir sind keine ambitionierte Laienspielgruppe, sondern Profis."

Koordination unter Kulturschaffenden wünschenswert

Bernhard Stengele bei seiner Zugabe des "fliegenden Robert". Bild: Hanspeter Walter
Bernhard Stengele bei seiner Zugabe des "fliegenden Robert". Bild: Hanspeter Walter

Bernhard Stengele, künstlerischer Leiter des Sommertheaters, blickt auf die Spielzeit zurück und die besonderen Qualitäten des Konzepts.

Die Stimmung ist von Abend zu Abend besser geworden, war das schon die Trendwende für das Sommertheater?

In emotionaler Hinsicht auf jeden Fall. Das war vor, während und nach den Vorstellungen regelrecht spürbar. Mit der Auslastung kann man ebenfalls zufrieden sein. Angesicht der Fülle von Parallelveranstaltungen, die es gab, war die Resonanz sogar sehr gut. Ich bin glücklich, wie das gelaufen ist. Auch wenn die Tribüne mal nur halb voll war, haben wir sehr oft Standing Ovations bekommen und mussten regelmäßig Zugaben geben. Das ist nicht selbstverständlich. Die Zuschauer, die gekommen sind, waren alle begeistert.

Was macht die besondere Qualität des Konzepts und der eigenen Inszenierungen aus?

Um sich von anderen Festivals mit 08/15-Produktionen zu unterscheiden, braucht das Sommertheater den regionalen Bezug in inhaltlicher Hinsicht, den wir mit unserer Produktion hergestellt haben. Auf der anderen Seite lebt die Veranstaltung auch vom persönlichen Bezug und dem Kontakten zu den Künstlern, mit denen man nach der Vorstellung diskutieren und ein Glas Wein trinken kann. So etwas gibt es selten.

Wie könnte man jüngere Zuschauer gewinnen?

Das ist sehr schwierig. Das gelingt am ehesten in Universitätsstädten. Hier am Bodensee ist ja der Altersdurchschnitt der Menschen ohnehin schon recht hoch. Unser Publikum war dennoch sehr aufgeschlossen und interessiert. Sehr gut wäre allerdings ein Angebot gezielt für Familien.

Es gibt ja Überlegungen, mit verschiedenen Bausteinen und Ensembles zu arbeiten. Von Ravensburg, Tübingen oder dem Theater Lindenhof ist die Rede. Was halten Sie davon?

Es ist durchaus vorstellbar, das verschiedene Produktionen jeweils eine Woche lang zu sehen sind. Allerdings darf es nicht nur eine Aneinanderreihung sein. Es braucht auch das 'künstlerische Wollen', einen Spielplan mit einer Linie zu gestalten und dem Programm eine erkennbare Ästhetik zu geben. Das war für uns dieses Mal die besondere Qualität des Kirchenraums, der als typische Theaterbühne eher schwierig zu bespielen ist.

Halten Sie langfristig eine Rückkehr zur Kooperation mit Konstanz für möglich oder notwendig?

Ich denke, es wäre wünschenswert. Zumindest wäre es eine gute Botschaft und wertvoll, eine kulturpolitische Achse über den See hinweg zu pflegen. Zudem wäre es wesentlich klüger, wenn sich die Kulturschaffenden am See weniger als Konkurrenten um die Zuschauergunst sähen, sondern ihre Angebote sinnvoll koordinierten. So könnte man in den drei Sommermonaten mit Erfolg "den Bodensee bespielen".

Fragen: Hanspeter Walter