Musik, Poesie, Literatur und ein gehörige Portion Lokalkolorit formen in den vier Inszenierungen des diesjährigen Sommertheaters an 24 Abenden in der Kapuzinerkirchen ein buntes Mosaik für Theaterfreunde und solche, die es werden wollen. Aus gutem Grund gibt Vorsitzender Thomas-Michael Becker vorab eine kleine Entwarnung. "Es wird keine erotischen Provokationen geben", sagt er in Erinnerung an den "Sommernachtstraum", den zumindest ein Teil des Publikums als Alptraum empfunden hatte.

Noch sind die Ränge der Tribüne in der Kapuzinerkirche leer. Beim Pressegespräch zum diesjährigen Programm des Sommertheaters Überlingen durften die Akteure und Sponsoren auf Barhockern Platz und einen ersten Eindruck mit nach Hause nehmen.
Noch sind die Ränge der Tribüne in der Kapuzinerkirche leer. Beim Pressegespräch zum diesjährigen Programm des Sommertheaters Überlingen durften die Akteure und Sponsoren auf Barhockern Platz und einen ersten Eindruck mit nach Hause nehmen. | Bild: Hanspeter Walter

Dass die Stadt als offizieller Veranstalter ganz hinter den engagierten Akteuren steht, bekräftigte Oberbürgermeister Jan Zeitler. "Meine Spannung wächst langsam schon ins Unermessliche", freute sich Zeitler beim Pressegespräch schon auf die erste Premiere. "Wir sind auf einem guten Weg", erklärte er. Bei den Initiatoren, Organisatoren und Akteuren sei viel Leidenschaft zu spüren und "viele Menschen warten schon darauf". Ja, der OB war sogar schon einen Schritt weiter. "Wenn die Saison zu Ende ist, machen wir uns gemeinsam Gedanken, wie es in den nächsten Jahren weitergehen kann."

Thomas-Michael Becker mag dies sicher gerne gehört haben. Er sprach insbesondere den Sponsoren noch einmal seinen Dank aus. "Ohne sie würden wir das nicht stemmen", erklärte der Vorsitzende des Fördervereins. Zu den Unterstützern gehören neben der Volksbank auch die Klinik Buchinger-Wilhelmi sowie das Einkaufszentrum La Piazza und das MAC-Museum für Autos und Kunst in Singen.

"Wenn nur die Liebe bleibt"

Eine kleine Einstimmung auf den ersten Programmpunkt gaben Bernhard Stengele und Paul Amrod (Piano) mit dem Titelsong "Wenn nur die Liebe bleibt", dessen Original von Jacques Brel stammt und von Klaus Hofmann ins Deutsche übertragen wurde. Dritter im Bunde wird am Samstag der Afrikaner Ouelgo Téné sein, der in Stengeles Ensemble in Gera den Hauptmann von Köpenick gespielt hatte und wie manche andere ausländische Schauspieler rassistischen Anfeindungen ausgesetzt war.

"Wenn uns nur die Liebe bleibt": Bernhard Stengele und Paul Amrod (Piano) geben eine Kostprobe. Morgen werden sie verstärkt von Ouelgo Téné.
"Wenn uns nur die Liebe bleibt": Bernhard Stengele und Paul Amrod (Piano) geben eine Kostprobe. Morgen werden sie verstärkt von Ouelgo Téné. | Bild: Hanspeter Walter

Dass es für Theaterbesucher aus Konstanz diesmal keine Schiffsverbindung zurück nach Wallhausen geben wird, mag mancher auf den ersten Blick vielleicht als Manko sehen. Wer allerdings an die daraus resultierenden Randbedingungen denkt, kann die positiven Aspekte nachvollziehen, die Bernhard Stengele ausdrücklich benennt. "Das ist gut so", betonte der künstlerische Leiter: "Wir können später beginnen. Die Konstanzer Besucher rennen nicht alle nach der Vorstellung zum Schiff und wir können noch gemeinsam ein Glas Wein trinken." Tatsächlich war der frühe Beginn um 19 Uhr der Bootsverbindung über den See geschuldet, was manchen Besuchern ebenfalls Stress bereitete und die Zeit für einen Apéro einschränkte.

Die Stücke im Einzelnen

  • Der Auftakt: „Wenn uns nur die Liebe bleibt“ (Premiere am morgigen Samstag, 1. Juli) – der Titel basiert auf einem Chanson von Jacques Brel („Quand on n’a que l’amour“), das auch nach dem Pariser Terroranschlag im Konzertsaal Bataclan gespielt wurde. Ouelgo Téné und Bernhard Stengele, begleitet von Paul Amrod am Flügel, zollen als Kosmopoliten ihren eigenen kulturellen Wurzeln und den fremden Musik- und Erzähltraditionen ihren Tribut. Sie präsentieren Balladen und Gedichte vom sufischen Meister Rumi, von deutschen Klassikern und zeitgenössischen Musikern und Liedermachern sowie Beiträge aus Burkina Faso, Israel, Libanon und der Türkei.
  • Das Hauptstück: „So machen’s alle“ (Premiere am Donnerstag, 6. Juli) – die Komödie mit Musik nach Mozarts „Cosi fan tutte“ ist das leichte Herzstück des diesjährigen Sommertheaters, das Bernhard Stengele für sein Thüringer Theater inszeniert hat und nun an den Bodensee bringt. Liebe liegt in der Luft: Ferrando liebt seine Dorabella und Guglielmo seine Fiordiligi. Die beiden Männer gehen allerdings eine verhängnisvolle Wette über die Treue ihrer Frauen ein und erleben bei einem heiteren Verwirrspiel ein böses Erwachen. Das mitreißende Spektakel, das sich auf der Bühne entspinnt, s wird live von der Gelato Band begleitet, die neu komponierte Musik im Stil der 1950er Jahre spielt.
  • Das Lokalkolorit: „Wenn es Nacht wird in Überlingen“ (Premiere am Donnerstag, 20. Juli) ist eine Stadtgeschichte in musikalischen Bildern mit dem Then-Quartett (Kai Christian Moritz, Ulrick Pakusch, Philipp Reinheimer und Bernhard Stengele), die von Oswald Burger dramaturgisch umgesetzt wurden. In der 600 Jahre alten ehemalige Klosterkirche des Kapuzinerordens beginnt es mit mittelalterlichen Mönchsgesängen, die allerdings in ebenso spannenden wie heiteren regionalen Anekdoten ihr Pendant finden und vom Kirchenkanon zum modernen Schlager und Gassenhauer führen.
  • Das Kuriose: „Ella“ ist eine „ernste Geschichte aus dem Hühnerstall“ von Herbert Achternbusch (Premiere am Freitag, 14. Juli). Das Solostück wird gespielt von dem bekannten Klinikclown Reinhard Böhm. Die Handlung: Der junge Mann Josef erwacht und erlebt die Rolle seiner eigenen Mutter, die im Käfig symbolisch von der Gesellschaft ausgesperrt und systematisch zerstört wird. Achternbusch zeichnet hier das Portrait eines ausgestoßenen Menschen. Gesellschaft leisten ihm auf der Bühne lediglich ein Dutzend Hühner. (hpw)