Die Überlinger Hofstatt ist nicht die Kölner Domplatte und für Hysterie, auch angesichts der kommenden Fasnet, gibt es keinen Anlass. Das ist das Fazit einer Umfrage bei Überlinger Frauen zur bevorstehenden Fasnet und ihren eventuellen Ängsten vor sexuellen Übergriffen. Dennoch sind entsprechende Artikel wie Pfefferspray und Schrillalarm praktisch ausverkauft, so Tanja Meyer vom gleichnamigen Waffengeschäft in Überlingen. Dies folgt einem bundesweiten Trend. Seit den Berichten über die Ausschreitungen in der Silvesternacht in Köln und den damit verbundenen sexuellen Belästigungen von Frauen wächst die Alarmbereitschaft. Die Käufer dieser Selbstverteidigungsartikel sind zu 50 Prozent Frauen, sagt Tanja Meyer. Dies deckt sich in etwa mit den Auskünften, die der SÜDKURIER im Überlinger Stadtbild bei Frauen eingeholt hat. Um ehrliche Antworten zu bekommen, bleiben die Namen der Befragten ungenannt.

Drei junge Frauen freuen sich auf das Fasnachts-Treiben und erklären, sie haben keine Angst, durch das nächtliche Überlingen zu streifen. Ihre Freunde hätten ihnen aber Pfefferspray besorgt. „Die haben mehr Angst um uns als wir“, sagt eine der Frauen lachend.

„Ein Nein ist ein Nein, das gilt für Markus oder Mustafa, ganz egal."

Von 15 angesprochenen Frauen erklärt nur eine ältere Dame, sie habe zwar keine Angst, sei aber sehr vorsichtig und wachsam geworden. Ausdrücklich betonten die Befragten allerdings, ihre relative Sorglosigkeit gelte für Überlingen, nicht jedoch für deutsche Großstädte.

Eine junge Frau aus Überlingen überlegt etwas länger. „Wir wollen halt Spaß haben an der Fasnet“, sagt sie. Dann wird sie ernst: „Das Wichtigste ist mir, ein Nein ist ein Nein, das gilt für Markus oder Mustafa, ganz egal. Ich möchte nicht, dass hier unsere Werte als Frauen in der Gesellschaft nicht geachtet werden von Männern, die diese nicht kennen oder nicht respektieren wollen. Das macht mir schon Angst. Miese Anmache kenne ich allerdings auch von deutschen Jungs.“

Laut Pressemitteilung des Konstanzer Polizeipräsidenten Ekkehard Falk soll ein „friedliches Fasnachtstreiben gewährleistet werden – Straftaten und Ordnungswidrigkeiten werden jedoch konsequent verfolgt.“ Fritz Bezikofer ist Pressesprecher im Polizeipräsidium Konstanz und überdies ein erfahrener Fasnachter. Ja, die Polizei sei durchaus in erhöhter Alarmbereitschaft aufgrund der fasnachtlichen Umtriebe und der damit verbundenen Menschenansammlungen, bestätigt Bezikofer. Er rät allen Frauen dazu, ihre Kostümierung auf entsprechende Reize zu überprüfen. „Das ist ja noch schöner, sollen jetzt wieder die Frauen mit ihren angeblich immer zu kurzen Röcken Schuld an allem sein“, antwortet darauf eine 52-Jährige aus Meersburg, die mit ihrer 27-jährigen Tochter unterwegs ist. Sie fühlt sich doch stark in die 80er Jahre versetzt und meint, die Frauenbewegung habe da doch vieles verändert und solche Verhaltensmaßregeln seien überholt. Sie möchte auch nicht, dass diese Sprüche eine Neuauflage erhielten. Ihre Tochter sieht das allerdings anders. „So manche „Sexi-Hexi“ sollte sich doch wirklich mal fragen, was das auslöst und ihr Outfit noch mal checken“, findet die 27-Jährige und hat mit dem Rat des Polizisten keine Probleme.

Am besten mit einer unmissverständlichen Ansprache

Drei „gestandene Weiber“, so bezeichnen sie sich selbst, sitzen im Cafe am Rathaus und erklären zum Thema „Angst vor sexuellen Übergriffen“ Folgendes: „Wir haben keine Angst, wir sind gestandene Weiber, wir setzen uns schon zur Wehr, wenn uns jemand zu nahe kommt. Das geht am besten mit einer unmissverständlichen Ansprache.“ Wohl aber haben sie Verständnis für Frauen, denen schon einmal etwas Derartiges passiert ist. „Die sind dann oft wie gelähmt“, sagt eine der Frauen. „Wir Frauen müssen auch noch viel lernen.“ Selbstbehauptungskurse von Frauen für Frauen finden die drei besonders gut.

Bisher, so Fritz Bezikofer, gebe es keinen signifikanten Anstieg von Anzeigen wegen sexueller Belästigung über die Fasnachtszeit. Tätscheleien würden aber bisher oft nicht angezeigt und da gebe es eine hohe Dunkelziffer. Bezikofer rät ausdrücklich: „Wenn etwas nicht in Ordnung ist, dann rufen Sie die Polizei. An uns ist Köln nicht einfach so vorbeigegangen, wir sind sensibilisiert und die Frauen sollten dies auch sein.“

Wie immer sollten auch diesmal alle Narren darauf achten, dass ihr Brauchtum, ganz gleich von wem, nicht missbraucht werde. Etwas ist Bezikofer sehr wichtig: „Bitte achtet auf eure Getränke, Stichwort K.-o.-Tropfen. Sorgt dafür, dass immer einer die offenen Getränke bewacht.“

Tipps einer Expertin

Manuela Dirolf ist Polizistin und verfügt seit über 20 Jahren über große Erfahrung im Bereich sexueller Gewaltdelikte. Sie veranstaltet auch Selbstbehauptungskurse für Frauen und gab anlässlich einer Veranstaltung der Überlinger Soroptimisten in der Buchinger-Klinik folgende Tipps an Frauen:

  • Gehen Sie immer zusammen und meiden Sie dunkle, einsame Orte.
  • Drehen Sie sich um und sprechen Sie einen eventuellen Verfolger an und äußern Sie ihm gegenüber ihr Missfallen.
  • Ein Schrillalarm ist besser als ein Pfefferspray oder ein Elektro-Taser, da dies nicht gegen Sie verwendet werden kann.
  • Machen Sie auf sich aufmerksam und melden Sie es immer der Polizei, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Betatschen und in Bedrängnis bringen, wie zum Beispiel nicht weggehen lassen, ist ein Straftatbestand der sexuellen Nötigung. (sma)